Wednesday, December 14, 2011


Ellsworth Kelly
black curve in relief, 2009

Purismus des Formenkanons: Ellsworth Kelly im Haus der Kunst München -
schwarz & weiß
07.10.11 - 22.01.12
www.hausderkunst.de

Sunday, November 27, 2011

Musikalische Episoden - Strings, skins, breath, circuitry.
Fred Frith "Clearing Customs" (Intakt)

"Clearing Customs" ist eine gut einstündige Improvisation, die auf einer Komposition von Fred Frith, einem graphisch strukturierten Grundmodell, aufbaut. Musikalische Ereignisse diverser Art wurden dabei entlang einer timeline miteinander verknüpft. Frith und sechs Mitmusiker aus verschiedenen Kulturkreisen improvisierten unter Einbeziehung von Instrumenten wie der chinesischen Zither Guzheng oder der indischen Trommel Mridangam und mit sehr betontem Trompetensound und elektronisch Ambienthaftem. Bezeichnet wird das Stück auch als Suite eines multinationalen Septetts und wurde im Rahmen des SWR NEWJazz Meetings 2007 in konzentrierter Arbeit und entspannter Atmosphäre aufgenommen. Mit Wu Fei an Guzheng und Gesang, Anantha Krishnan an Mridangam und Tablas, Marque Gilmore an Drums, Tilman Müller an Trompete, Patrice Scanlon und Daniela Cattivelli an Electronics und Fred Frith an Gitarre und Home-Made Instruments. Das ist: Strings, skins, breath, circuitry. Borderless, jazzy, folky, noisy, ethno-elektroacoustic lyrical abstract sound. Mal schwerelos treibend, mal druckvoll groovend. Explizit sollte der kulturelle Background und die musikalische Ausbildung der Musiker extrem weit auseinanderliegen. So konnten Grenzen aufgehoben werden und konnte in besonders weitblickender Kreativität gespielt werden. Musikalische Episoden, Östliches und Westliches, traditionell Jazziges und elektronisch Improvisiertes wurden zu einem organischen Ganzen.

www.fredfrith.com

veröffentlicht: www.skug.at www.culturmag.de

Saturday, November 26, 2011


f i x p o e t r y präsentiert meine künstlerische Arbeit im Salon:
f i x p o e t r y Salon
Gefeatured wird "whiteout" und "Bunker" aus dem Projekt "Zen Hard-Edge": f i x p o e t r y Tina Karolina Stauner

Tuesday, October 25, 2011

Nick Lowe - Fake-50s/60s

Nick Lowe, das ist der, der 1978 in der Nach-Punk-Aera mit der genialen Platte "Jesus of Cool" auftauchte. Der Londoner, der damals im New Wave die Energie von Rock n' Roll und Punk mit Songs wie " I Love The Sound Of Breaking Glass" weitertransformierte ist nun 62-jährig, weißhaarig, schwarzbebrillt, mit einem sehr gelungenen 13. Album "The Old Magic" da. Klingt cool-modernistisch und timeless-oldfashined. Mit viel Leichtigkeit, Souveränität, Können. Nick Lowe zeigt wieder Sensibilität, Gefühl und Liebe für swingenden Rock n' Roll mit einem Touch Country, mit einer Idee Pop, mit einem Kick 50s und 60s und mit ironischen Texten. Das wirkt wie eine kleine Zeitreise. Nachmittags zur Kaffeepause anhören: Inspiriert auf jeden Fall zu guter Laune! Die Band spielt vorzüglich, straight, mit Verve, aber ein bisschen laid-back. Lowe ist an der Rhythmusgitarre, in der Besetzung noch zwei weitere Gitarristen. Zudem Schlagzeug, Upright Bass, Orgel, Piano, Vibraphon. Und Lowe hat besonders mit "Sensitive Man" wieder mal einen so was von wunderbaren Song.

Nick Lowe "The Old Magic" (Proper/Rattay)

www.nicklowe.com

veröffentlicht: www.skug.at www.culturmag.de

Sunday, October 23, 2011

Flashbacks - Dieter Dorns Theater
"Theater ist politisch oder es ist kein Theater"?

Für wen die Theaterzeit von Dieter Dorn und seine Intendanz am Bayerischen Staatsschauspiel nicht sofort der Vergessenheit angehört, ob nun mit Aktuellem vergleichend, negativ kritisierend oder positiv schätzend, der kann den Bildband "Sinnliche Aufklärung - Dieter Dorn und das Bayerische Staatsschauspiel 2001-2011" zur Hand nehmen: Schauspielerporträts, Szenenfotos, Bühnenbildaufnahmen, Texte zum Theater dieser Jahre und eine Auflistung der Stücke. Die durchwegs starken Fotos stammen von den beiden Fotografen Thomas Dashuber und Oda Sternberg. Das Buch beginnt mit dem Satz: "Theater ist politisch oder es ist kein Theater." (aus "Theater als Gesellschaftskunst", Hans-Joachim Ruckhäberle) (Hirmer Verlag)

Interview am 07.06.2011 von faz.net mit Dieter Dorn:
Interview

Fotograf Thomas Dashuber: www.dashuber.de

Friday, October 21, 2011

Risidenztheater München: Theater, dieser "rettende kultische Ort" müsse "ein Gefühl für die Bedrohlichkeit der Welt erhalten", so Martin Kusej. Das ehemalige Staatsschauspiel München kann seit diesem Oktober 2011 nun als Residenztheater unter neuer Intendanz von Kusej in den Fokus genommen werden.

"Krise heisst Höhepunkt" ist einer der diversen Spielzeitanfangs-Werbeslogan des Residenztheaters. Kräftige rote Schrift auf schwarzem Grund. Die Werbekampagne in den Straßen der Stadt im Vorfeld ließ nicht daran zweifeln, dass man alles andere als bloß elitär l'art pour l'art präsentieren will. Natürlich. Dass es definitiv intellektuell um Auseinandersetzung und Widerstand gehen soll. Dies allerdings besten Stils. Und auch als Kontrapunkt zu zu mainstreamigen Events. Die Münchener Kulturszene muß dabei vielleicht erst mal zeigen, dass es das Residenztheater wirklich wert ist.

"Zur Mittagsstunde" - American Crime auf deutscher Theaterbühne mit souveränen Schauspielern mit einer guten Brise Coolness und Exklusivität.

Aufführende und Regie sind ein namhaftes Team. Die Souveränität nicht überstrapaziert prätentiös sondern klar, präzise und zeitgemäß. Theater und Relevanz.
Nachdem ein zum Aussenseiter gemachter Farbiger 37 Kollegen umgebracht hatte war John Smith, der ehemalige Vorgesetzte dieser Personen, einziger Überlebender. John, hervorragend gespielt von Norman Hacker, ein von Schuldgefühlen beladener Traumatrisierter mit verdächtiger Bekehrung zu Gott. John hatte während des Überfalls eine rettende Gotteserfahrung und ist nun geradezu missionarshaft unterwegs und kommt jedem damit suspekt vor: seiner Ex-Frau, seiner Ex-Geliebten, einer Ex-Kolleginnentocher und Prostituierten, einer Showmasterin, einem Anwalt und einem Polizisten. John aber ist und bleibt erleuchtet, spricht vom Licht Gottes und von Gottes Stimme. Früher ein grässlicher, machohafter Charakter, ist John nun ein Weichgespülter, der in Sachen übermäßiger Güte unterwegs ist und auf andere dabei lächerlich wirkt. Er scheint nach dem Überfall in einem Ausnahmezustand zu bleiben.
Die Textvorlage von Neil LaButes "Zur Mittagsstunde" ist so exzellent wie die Leistung der Schauspieler auf der Bühne des Residenztheaters. Von Wilfried Minks stammt sowohl Bühnenbild als auch Regie. Und zwar alles hochgradig perfekt . In der Tradition des amerikanischen Realismus. Genau so lässt sich tatsächlich auch die Substanz der Arbeit des amerikanischen Malers Edward Hopper weiterentwickeln und umsetzen. Die Bühne ist fast wie mit den Augen und der Lichtregie eines Hoppernachfolgers gesehen. Die Schauspieler in Kostümen von Renate Martin und Andreas Donhauser sind geradezu Figuren aus einem hopperesken Gemälde. Präziser Realismus.

"Voices" - "Eine moderne Passion" als abgründiges Pop-Musical

Der Regisseur Calixto Bieito hat in Zusammenarbeit mit Marc Rosich und der Bühnenbildnerin Rebecca Ringst eine Collage auf die Bühne des Cuvilléstheaters gebracht, die aus Musik, Texten und Szenen zum Begriff 'Passion' zusammengesetzt ist. Zentrale Themen sind Schmerzerfahrung, Leid, Abgrund, Angst, Trauer. Und zwar ohne Religion. Collagenhaft wie das Inhaltliche auch formal die Bühnenrückwand, bestehend aus vielen beweglichen, schwarzen Lautsprecherboxen und eingefügten Monitoren, auf denen Augen und Lippen zu sehen sind. Die vom Kopenhagener Betty Nansen Teatret aufgeführten Bühnenszenen von "Voices" vor dieser Wand wirken teils übermäßig pathetisch, teils auch amüsant skurril. Manchmal in einer Stimmung wie mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Szenen wie eine Höllenvision zwischen Barock und Punk. Ein "Tanzen-auch-auf-Gräbern": Tanzen, singen, schreiben, damit in einer sinnlos scheinenden Gegenwart die Vergangenheit nicht auffrisst und in der Zukunft: "Der Tod wird mich lebend antreffen.", sagt eine Protagonistin. Unzählige Texte und Songs sind aneinandergeschachtelt von so konträren Charakteren wie beispielsweise Thomas Bernhard und Johnny Cash, PJ Harvey und Cesare Pavese, J.S. Bach und Cormac McCarthy. Eine Inszenierung an der Borderline von Kitsch, Kunst, Kommerz und Psychogramm. Und mit Kinderchor. Calixto Bieito hat aus diesem schwerlastigen, düsteren Stück eine Art nahegehend unterhaltsames Musical zusammengestellt.


Marstall München, "Eyjafjallajökull-Tam-Tam" von Helmut Krausser
Foto: © Tina Karolina Stauner

"Eyjafjallajökull-Tam-Tam" - "...der Raum blinzelt den Flaneur an..." (Walter Benjamin)

Als Theaterbesucher irrt man umher zwischen Schauspielern, die Flugpersonal und Passagiere sind, zwischen zwei Hallen, vielen Türen und Gängen, die nirgends weiterführen und zwischen Stückszenen, Fernsehschirmbildern und Videoleinwandprojektion im Düsteren und zwischen blauer Beleuchtung . Das ganze Areal des Marstall ist vom Ausstatter Alain Rappaport zur Bühne gemacht auf der sich die Stückemacher und das Publikum ohne formale Trennung gemeinsam aufhalten. Jeder ist mittendrin, wählt jederzeit frei aus, wo er was miterleben will. In einer labyrinthartigen Abflughalle. Flugverbot für alle. Alle sitzen fest. In "Eyjafjallajökull-Tam-Tam", geschrieben von Helmut Krausser und inszeniert von Robert Lehninger, vermischen sich Kommunikationsszenen, Theaterszenen, Beobachtende. Schließlich Pogo mit Band auf einer Bühne und eine Art Endspiel zur akustischen Gitarre um's Lagerfeuer. Ist das Krausser light? "Wenn's überhaupt Kunst wäre.", wird einem gestrandeten Künstler im Stück gesagt. Vielleicht so etwas wie eine Lockerungsübung zwischendurch für Autor, Regisseur, Performer, Zuschauer. Transiträume sind so. Flugplatzhallen sind Transiträume. Nicht-Ort als Schutzraum, Halt oder Endstation, Abgrund. "Transitorische Räume sind die gültigen Orte unserer Gegenwart - ästhetisch austauschbare Orte flüchtiger unverbindlicher Begegnungen, die man einsam durchquert, während man zugleich in der Masse all der Anderen geborgen scheint..." (Marc Augé) Das Stück ist für das ganze neue Ensemble des Residenztheaters geschrieben, das sich damit vorstellt. Zwei zentrale Stückfiguren sind Künstler, die sich der Erschaffung von Neuem, Autonomem verschrieben haben. Der Zuschauer wird Flaneur. Gesprächsthemen der Szenen sind Leben und Tod, Galaxien des Alltags und der Welt und des Alls. Nach knapp eineinhalb Stunden mischt man sich draussen ins Innenstadtleben, so wie man sich vorher unter die Reisenden und Wegelagerer in der Abflughalle des Stücks gesellte.


Marstall München, "Wir Glückskinder der ersten Globalisierung"
Foto: © Tina Karolina Stauner

"Wir Glückskinder der ersten Globalisierung", Veranstaltungsreihe von zu mit über Alexander Kluge - "...In den Lücken des Eises hatten sich unsere Vorfahren für Millionen Jahre zur Verteidigung eingerichtet, Lebenskraft gestaut.Jetzt löste sich der Bann, der Planet erwärmte sich. Die Lebewesen breiteten sich über den Erdball aus, zu Wasser, zu Lande. Dies war die erste Globalisierung..." (Kluge)

Ein Musikprojekt von Gustav und der Film "Landschaften mit Schnee und Eis" von Alexander Kluge treffen zum Thema 'Hitze Kälte" aufeinander. Das Wiener Songwriter- und Medienkünstler-Zuckerstückchen Gustav mit den schwer inhaltlichen Texten und leichten Popmelodien hat sich mit einem Kaliber wie Kluge auseinandergesetzt. Gustav, namentlich Eva Jantschitsch, hat die Show 'Kluge Hitze Kälte' zusammengestellt. Und das dann mit Band und mit Projektion im Marstall sehr hübsch auf die Bühne gebracht. Dafür verwendet wurden von Gustav produzierte Filmaufnahmen und Sequenzen aus "Landschaften mit Schnee und Eis" von Kluge mit Glühbirne, Streichholz, Eiszapfen etc. in Nahaufname zu Laptop-Musik mit Gitarre, Bass, Schlagzeug, Flügel, Keyboards und Akkordeon in der Band. Ein stimmungsvolles Bühnen-Klang- und -Bilderbuch. Im zweiten Teil des Abends gibt es den ersten Teil des genannten Kluge-Films mit Musik von György Kurtág, György Ligeti , Morton Feldman u.a. Wenn auch nicht jeder Gustav-Fan bleibt und dann die Filmrezeption will. Kluge, der fast 80-jährige gesprächsgewandte Filmemacher, Fernsehproduzent, Schriftsteller und Drehbuchautor kommentiert zwischendurch die Veranstaltung. Und er, einst Adorno-Schüler, wiederholt aus einem Gustav-Song den Satz: "Es gibt kein richtiges Leben im falschen Hasen". Und es gibt Stichworte wie: Mehr Glück als Verstand, Spiel im Kopf, kleiner Mann im Ohr, Schnee, Lampe, Katze, Welt... - "...Globalisierung. Von diesem Glücksfall tragen wir einen Hoffnungsvorrat in uns, in den Kochen, den Augen, den Ohren, in unserem Gehirn, auf der Haut, in jeder Regung." (aus "Die Lücke, die der Teufel lässt", Kluge)
Die Kluge-Reihe wird in mehreren Terminen fortgesetzt mit Diskussion, Lesung, Film.

"Ich denke Slavoj Zizek hat Recht, der Philosoph aus Ljubljana, der feststellt, dass wir in einer Welt süchtiger Überbietung leben, in der Schocks und Katastrophen ihre provokative Kraft verloren haben." (Kusej)

Ein höchst informatives Buch "Bühnenbauer" von Wilfried Minks und Ulrike Maack über die Arbeit von Wilfried Minks wurde 2011 bei Suhrkamp veröffentlicht. Auf den schwarzen Papiereinband ist auf die Rückseite weiß gedruckt: "Ich habe die Bühnenbilder von ihrer illustrativen Aufgabe befreit und ihnen Autonomie gegeben."

www.residenztheater.de
www.martinkusej.de
www.kluge-alexander.de

veröffentlicht: www.skug.at

Thursday, October 13, 2011

Theater dieser "rettende kultische Ort" II ... Theater über und gegen die Gefahren in dieser Welt - Kammerspiele München: gesellschaftlich diskursives Theater

Seiner zweiten Spielzeit in den Kammerspielen München stellt Johan Simons Fragen voran wie : "Was heißt es einen Spielplan zu entwickeln in dieser Zeit, wo die Demokratie weltweit unter Druck steht?" Natürlich soll Theater politisch und gesellschaftlich diskursiv und von Relevanz sein. Dann gibt es auch einen guten Grund ein Theater zu besuchen.

"E la nave va", Schauspielhaus, 29.09.11

"Im Bewusstsein 'am Rande des Vulkans' zu sitzen weigert sich Fellini dennoch an das Ende der Welt zu glauben.", so ein Infotext. Das weigert sich wohl fast jeder auf seine Art. Johan Simons Inszenierung "E la nave va" tut dies in Karikaturistenmanier.

Die Lebenswelt von abgehobenen Opernstars samt Umfeld und von serbischen politischen Flüchtlingen und einfachen Maschinenraumarbeitern trifft auf einem Transatlantikdampfer für kurze Zeit aufeinander. Basierend auf zwei von Simons ineinandergefügten Werken: "Der haarige Affe" von Eugene O'Neill 1921 geschrieben und "E La Nave Va", ein Film 1983 von Frederico Fellini gedreht, 1914 spielend. Zwar tradiertem Theater nahe, insbesondere das Bühnenbild von Bert Neumann, aber gekonnt und stark karikaturhaft hat Simons inszeniert. Überspitzende Ironie, Halb-Gesichtsmasken, geziertes, bizarres Gehabe, puppige, marionettenhafte Bewegungen, so zeigt sich eine Schickeria auf Deck, das eine sehr schiefe Ebene ist, auf der sich alle nur schwerlich und nicht immer halten können. Das allerdings unterhaltsam und bewußt comicfigurenhaft Grandeza und Eleganz. Hervorgehoben durch die Kostüme von Nina Christine von Mechow. Herausgearbeitet wird die Konfrontation von Gesellschaftsschichten, der sich die elitäre Kulturszene, die die Schiffsbestattung eines Weltstars feiert, letzlich entzieht. Unterschicht bleibt chancenlos. Gerade hat Österreich Serbien den Krieg erklärt, die serbischen Flüchtlinge werden nicht gerettet sondern ausgeliefert und ein Arbeiter wird von dem Tiermonster, das Unterdeck mittransportiert wird, umgebracht, kann sich nicht wie gewollt etablieren. Sehr amüsant perfekt überzeichnet umgesetzt auf der Bühne.

"Gift", Schauspielhaus, 04.10.11

Reden, reden, reden. Und wenn es der falsche Ort ist und die falsche Zeit: einen anderen Ort und eine andere Zeit gibt es nicht.

"Gift" in Zusammenarbeit mit NTGent und von Lot Vekemans geschrieben ist ein Dialog. Ein seit einem Jahrzehnt getrennt lebendes Ehepaar trifft sich wieder. Anlässlich wegen Bodenvergiftung gesetzten Grabumbettungstermins eines Kindes. Das Paar führt ein Gespräch auf einer Art Sitztreppe eines Krematoriums. Von dem Bühnenbildner Leo de Nijs als Realismusversatzstück für die Bühne designt. Unter Regieführung von Johan Simons und weitgehend bei auf der Bühne und im Zuschauerraum gleich hellem Scheinwerferlicht wird Beziehungssituation diskutiert oder zerredet, psychologisch ausgelotet und Lebensentwurf hinterfragt. Als hätte Gift auch das Beziehungsleben bzw. Nicht-Beziehungsleben verseucht. Das Paar in einem Gespräch, das "Tanz der Unvollkommenheit" als Wechselspiel aus Schmerz, Wohlbefinden, Trauer, Leichtigkeit, Grausamkeit vorführt. Neben Humorschwierigkeitsgrad Sarkasmus klinkt sich schließlich unterbrechend als Dritter aus dem Zuschauerraum kommend ein Countertenor mit Bernsteins „It must be so“ ein. Der die Situation allerdings nicht wirklich aufbricht. Schön wer ein Lied hat: "The dawn will find me / Alone in some strange land".

"Dunkelkammer", Spielhalle, 30.10.11

Theater wie Neues aus Bildern und persönlicher Erinnerung entstehend, sich entwickelnd wie in der Dunkelkammer eines Fotografen.

Freie Spielform und Videoprojektion verwendet Dries Verhoeven in "Dunkelkammer". In der abgedunkelten Halle, die Rauminstallation ist, sitzen die Zuschauer im Kreis auf Drehhockern um einen Freiraum in der Mitte des Raums, der für Szenisches vorgesehen ist. Umgeben von Videobildern an allen vier Wänden. Bei Verhoeven darf nicht nur das Theater als Ort fehlen sondern auch der Schauspieler. Die Performer sollen nur sich selber darstellen. Hier agieren Blinde, teilweise auch im Publikum. Dieses Ensemble hat zudem die Texte geschrieben neben Tim Etchells.

"Dunkelkammer" ist ein Sück, bei dem es um Sehen oder auch Nicht-Sehen geht. Für die Produktion sind Blinde in der Innenstadt Münchens unterwegs und dabei gefilmt wird Straßenleben, das dann in der Halle im Großformat zu sehen ist wie auch die Köpfe der Akteure im Raum in filmischer Nahaufnahme. Großstadt-Alltagssituationen und -impressionen. Also eigentlich nichts Aussergewöhnliches und Inszeniertes und doch stellt sich bei mir sofort eine besondere, wie surrealistische Stimmung ein, bei der ich zwischen den Passanten, Performern und Zuschauern Louis Aragon, André Breton, Philippe Soupault im Dunklen auftauchen sehen möchte. Könnten alle Surrealisten nicht als Wiedergänger aus der Vergangenheit hereinkommen?! Das Handeln und die Kommunikation der Blinden im Stück scheint nicht immer Sinn zu ergeben, ist manchmal wie gleichzeitig an der Realität vorbei und in der Realität. Was sehr reizvoll wirkt. Alles geradezu surrealistisch. Die Stimmung zwischendurch auch getragen von wunderhübschen Klaviermelodien.

Verhoeven, der München als sehr reserviert erlebte verglichen mit Brüssel, spricht von "klarer Vision vomTheater als Gesamterfahrung". In der Nähe der Maximiliansstraße, die so ungefähr das "Epizentrum der deutschen Repräsentationskultur" sei, machte er sich Gedanken darüber, dass das Auge einerseits verwöhnt werden will, dass es aber andererseits das "Verlangen nach wertfreiem Blick" gebe. Verhoven: "Es sind nicht unsere Augen, die sehen, es sind unsere Gehirne, die die Information, die als Licht auf unsere Netzhaut fällt, in Bilder übersetzen. Das ist unsere Dunkelkammer. Dort werden unsere Negative in einer komplexen Prozedur entwickelt."

“Can the knowledge deriving from reason even begin to compare with knowledge perceptible by sense?” (Louis Aragon)

www.muenchner-kammerspiele.de

veröffentlicht: www.skug.at

Wednesday, October 12, 2011

"When Past & Future Collide"
John Cale live und ein gutes Maß an Perfektion

John Cale brachte und bringt derzeit sein "When Past & Future Collide: Paris 1919" auf die Bühne. Am 06.10.11 in Essen bei der Ruhrtriennale und am 21.11.11 in Malmo in Schweden in der Oper. In Essen in der Lichtburg, einem Kinosaal, konnte ich beobachten mit welcher Perfektion das bereits bekannte musikalische Konzept unter sehr sicherem Dirigat von Harry Curtis mit den Bochumer Symphonikern umgesetzt wurde. Da dieses Orchester weiß, was es tut, bestand für Cale kein Risiko. Dass man "Paris 1919", jenes zwielichtig-melancholisch-literarisch-orchestrale Album aus dem Jahr 1973, damals u.a. mit Bandmitgliedern von Little Feat eingespielt, musikalisch in eine neue, extremere Dimension weiterentwickeln könnte, könnte, denn getan wurde dies nicht, ist natürlich, wem Neue Musik vertraut ist, klar und eine andere Sache. Es muß nicht zwingend vorgenommen werden, doch sollte wohl einmal.
Die Welt von Dandys, Movie queens, Literaten und Bohemians von"Paris 1919" ist wie ein reichhaltiger Pool poetischer Energie, der immer noch immense Mitteilkraft spüren lässt und über die Jahre nichts an Aussagekraft eingebüst hat. Es ließe sich daraus zitieren und zitieren und zitieren. Hier nur dies: "Nothing frightens me more/ Than religion at my door" aus "Hanky Panky Nohow".
Die derzeitige Band neben Cale an seinem Piano und akustischer und elektrischer Gitarre bestehend aus Gitarist Dustin Boyer, Schlagzeuger Michael Jerome und neuem Bassist Joey Maramba präsentierte sich, vermutlich nicht nur in Essen, erfreulich um einiges präziser als bisher. Was beim zweiten Song-Set des Abends nach dem ersten Teil "Paris 1919" gerade auch einigen Stücken aus dem aktuellen "Extra Playful" zugute kam. Die Konfrontation des frühen Songmaterials mit brandaktuellem war ein spannungsgeladenes aneinandergeraten von düsterer Romantiktiefe mit Orchester und oberflächlich hell-profanem Pop. Auf der aktuellen CD "Extra Playful" werden drum loops, electronic elements, vocoder effect verwendet. Und Cale ist damit endlich raus aus seiner für mich mehr als fraglichen "Circus"-Phase.

www.john-cale.com
www.harrycurtis.com
www.bochumer-symphoniker.de

Tuesday, October 11, 2011


Residenztheater München, Spielzeitbeginn 2011
Foto: © Tina Karolina Stauner

Thursday, September 29, 2011

John Vanderslice, Kranhalle München, 20.09.11

Nenn es halt weiße Wildnis, wie Vanderslice
Seit Wochen ist mir nach purem amerikanischem Songwriting live. Doch kein Konzert weit und breit in der Stadt. Schließlich John Vanderslice in der Kranhalle des Feierwerk. Vanderclice ist nicht hundertprozentig was ich will. Aber annähernd. Also gehe ich hin.

Vanderslice befindet sich bereits auf der Bühne als ich reinkomme. Kleine Besetzung. Nur er mit Gitarre und der Schlagzeuger Jason Slota. Der nebenbei auch Moog spielt. Vanderslice wechselt zwischen E-Gitarre und akustischer Gitarre. Und es ist genau das, was ich erwarte: ein hübsches Konzert. Für einen kleinen Kreis von Zuschauern. Für substanzielles, oder wenigstens tendenziell substanzielles amerikanisches Songwriting gibt es in München offenbar nicht immer Publikum. Es sind grade mal etwa 30 Leute da. Die Generation in Vanderslices Alter Mitte 40 oder auch darüber fehlt fast völlig. Irritierenderweise haben sich nur einige der Generation der 20-somethings im Konzert versammelt.
Gab es nicht auch schon früher diese Konzerte für Insider?! John Martyn mit akustischer Gitarre solo und zwei Dutzend im Saal. Aber exzellentes Konzert.

John Vanderslice hat nicht ganz die Klasse eines John Martyn. Aber Vanderslices Texte sind nicht belanglos und er beherrscht mindestens passabel seine Gitarre. Er leitet in eine poetische Welt, in der auch politische Aussagen Platz bekommen. Er ist manchmal offen regierungskonträr, thematisiert gern provozierend, wie z.B. Pornosucht, und zeigt sich nicht mainstream-kompatibel: "The sky was growing pale / So we held on to the twisted trail / The ground was getting cold / It was too far out to turn around and go home // The moon rose dim above / It was impossible to tell what time it was..." ("White Wilderness")
Beim letzten Song werden Percussioninstrumente unter den Zuschauern verteilt, Vanderslice und Slota gehen zum Spielen mitten ins Publikum und um alle kreisen lauter Lichtpünktchen. Nettes Konzert.

www.johnvanderslice.com

veröffentlicht: www.skug.at

Monday, September 12, 2011


"Noisy Love Songs" Okkyung Lee (Tzadik/Sunny Moon, 2011)
Pastellartig-klangliche düstere Kontemplation

"Nach dem Regen fällt ein Tropfen - Grün!"

"Noisy Love Songs" als Teil der New Yorker Avantgarde tendiert stärker zum Ruralen, zum Vergangenen als zum Urbanen, Zukünftigen. Die Gegenwart ist dabei als eine Atmosphäre erlebbar, die sich der Langsamkeit, Introspektion, Introvertiertheit mehr annähert als dem Hektischen, Extrovertierten, Exzentrischen. Nicht aus avantgardeistischer Perspektive sondern der der Romantik muß man die Songs vielleicht noisy nennen. Es herrschenen vor Filigranes, Feinheiten, Gedämpftes, nicht Grobes, Hartes, Lautes. Es geht hier um Sanftes aus heutiger Großstadtsicht. In Farben wären diese Klänge möglicherweise Schattierungen in Weiß- und Gelbtönen. Darauf spielen auch Adjektivfragmente der Songbezeichnungen an. Die Stücke klingen aber auch manchmal düster und dunkel. Den Kompositionen ist verhalten experimentierend Improvisierendes hinzugefügt.
Okkyung Lee ist eine 1975 in Korea geborene, in Amerika klassisch ausgebildete Komponistin und Cellistin. Doch sie ist schon seit einem Jahrzehnt in der New Yorker Avantgarde des Jazz und Free Jazz heimisch. Spielte mit in der Szene anerkannten, namhaften Musikern/Musikerinnen wie z.B. Derek Bailey, Carla Bozulich, Nels Cline, Anthony Coleman, Laurie Anderson, Fred Frith, Thurston Moore, Jim O'Rourke, Evan Parker, Zeena Parkins, John Zorn. Auf "Noisy Love Songs" sind folgende Mitmusiker zu finden: Cornelius Dufallo (Violine), Christopher Tordini (Bass), Satoshi Takeishi, Ikue Mori, John Hollenbeck (Percussion, Electronics), Peter Evans (Trumpete), Craig Taborn (Piano).
Der Grundstimmung und den Bewegungen der Musik von "Noisy Love Songs" sind asiatische Sport- und Meditationsübungen mit ihren eigenen rhythmischen und inhaltlichen Gesetzen in Zeit und Handlung durchaus verwandt. Ein Song heißt auch "Kung".
Andere Songs der CD lehnen sich an an Worte wie Nacht, Regen, Baum, Karussell, Fluss, Stahl, Stille, Körper. Sprechen die körperliche Sinnlichkeit mehr an als das mental Aanalysierende. Weitere Worte wie Morgen, Antwort können vielleicht evozieren, dass es wert ist den Morgen zu verbringen abseits der Mühlen eines effekthascherisch grell-bunten Weltgetriebes. Mit Abwarten, Tee trinken, Musik und Literatur. Man trinkt Tee, um den Lärm der Welt zu vergessen. Bestens zu dieser Aussage passt "Noisy Love Songs". Musik für Menschen, die nicht den Lärm der Welt herausfordern wollen sondern einen asiatisch-amerikanischen Klangraum der Zurückgezogenheit. Dabei aber jederzeit bis über die Grenzen zum Atonalen gehen. Alles kann dabei Selbstgegenstand des Absoluten sein, alles Seiende kann in sich gespiegelt sein. Musik die durchaus auch Zen-Gedichten entspricht. Musik, bei der man feine Unterscheidungen wahrnehmen können muß wie bei dem Spektrum asiatischer Tees.

Sollte ich der CD Text hinzufügen wollen, dann denke ich an den Zen-Literaturkontext.
"...Am frühen Morgen / Höre ich / den Gesang / Der Fischer / Auf dem Izumi-Fluß" (Otomo no Yakamochi)
"Frühlingsregen! / Reden und gehen / Zusammen mit Regenmantel und Regenschirm" (Buson)
Okkyung Lee hingegen hat ein Zitat aus Samuel Becketts 1946 geschriebender Kurzgeschichte "First Love" verwendet.

Buddhismus und Zen wurde in Korea im 9. Jh. durch den Mönch Toui eingeführt. Der chinesischen Tradition der Tang-Zeit folgend errichteten weitere Gründermönche Tempel in den Bergen Koreas, weshalb ihre Schulen „Berg-Schulen“ genannt wurden.

Okkung Lee Blog
Okkyung Lee-Filme von Andrew Lambert
Zen und Buddhismus in Korea
Teegeschichte

veröffentlicht: www.skug.at www.culturmag.de

Sunday, September 04, 2011


Qluster "Fragen" (Bureau B/Tapete, 2011)

Die Geschichte einer der entscheidenden deutschen experimentellen Elektronikgruppen mit über 40-jähriger Tradition ist betitelt mit Kluster, Cluster, Qluster: KLUSTER (Hans Joachim Roedelius, Dieter Moebius, Conrad Schnitzler), CLUSTER (Roedelius, Dieter Moebius) und QLUSTER (Roedelius, Onnen Bock).
Die bisherige Kollaboration Cluster gibt es nicht mehr. Die neue Formation heißt Qluster und ist Roedelius (u.a. mit Kluster/Cluster, Harmonia, Aquarello und als Solomusiker im Krautrock und Ambientspektrum) und Onnen Bock (u.a. mit Zeitkratzer, Christina Kubisch im Avantgardebereich und Tontechniker für die Berliner Philharmoniker und die Volksbühne).
Derzeitiges Konzept von Qluster ist die Veröffentlichung einer Trilogie "Rufen - Fragen - Antworten" mit einer Klavier-, einer live-, einer analogen Synthesizer-Aufnahme. Das Instrumentarium dafür Piano, Elektroakustik, analoge Synthesizer z.B. Roland Jupiter 4, Jamaha CS 70 M, Korg MS 20.
Die CD "Fragen" ist Improvisation und Abstraktion von Roedelius und Bock mit analogen Keyboards. Instrumente, die die Erzeugung jeder Klangart, auch bläser- und streicherartig, mit einschließen. Vordergründig sind bei "Fragen" oft horizontale Klangschichten über mehr oder weniger oder gar nicht betonten vertikalen Klangrhythmen.
"Fragen" veranlasst einen regelrecht Räume zu visualisieren. Große, helle Räume. Eher geschichtsträchtige. Klangräume der Rockmusik oder durchaus des westlichen oder östlichen Sakralen. Manchmal tauchen in der Vorstellungswelt Fragmente von Kirchenraum auf oder von Tempel. Manchmal Konzertsaalarchitektur. Eigentlicht wirken manche Klangpassagen eher abweisend, fast sogar schroff. Motivieren dann aber wieder freundlich und sanft sich treiben zu lassen in fließenden Tonsphären. Es ist ein Wechselspiel zwischen zurückstoßen, annehmen und auffordern, zwischen Härte und Weichheit. Und es ist auch ein Zwischenraum. In dem der Versucht möglich ist zu visualisieren was war, was ist, was sein könnte, was sein wird. Intendiert ist bei dieser Musik das Visualisieren. Nicht kurze Momente. Sondern große Zeiträume. Nicht New Age. Sondern Ambient als Klangarchitektur für Räume mit spirituellem Charakter oder der Rockmusikgeschichte. Der Psychedelik mehr klangfremd. Dem Atonalen der Geschichte der elektroakustischen Musik doch immanent. Qluster sind spröder, irrealer, unnahbarer, zurückhaltender, widerspenstiger Partizipient dieses Genres. Sie sind ein "Zartbitter", wie auch ein Song der CD sagt.


www.qluster.info

veröffentlicht: skug print www.skug.at

Saturday, September 03, 2011


Birgit Ulher "choices" (Another Timbre, 2011)

Konsequent experimentell in der internationalen Improvisationsszene ist Birgit Ulher mit ihrer Trompete. Oft in einem vollkommen freien Bereich, in dem ohne Themen und Absprachen aus dem Moment improvisiert wird, real time music genannt. Töne wie in einem Kontext einer ureigenen Schrift mit eigener Grammatik und Rechtschreibung.
Auf "choices" mit Trompete, Tondämpfer und Radio und in Kollaboration mit Lucio Capece an Sopransaxophon, an Bassklarinette und an Minimegafon sind drei Stücke, die "physical", "chance", "orbital" bezeichnet sind.
Dem Stück "physical" ist ein vorsichtiges, aber auch hart werdendes Pulsen und Vorwärtsbewegen integriert neben den oft wie schwirrenden, klirrenden Tönen und es wirkt insgesamt beinahe zerbrechlich. Die Klänge des lang ausgedehnten "chance" sind auch versehen mit nervös sirrendem Kreischen und Scheppern neben leisen, sinnlichen, manchmal auch stark spitzen hellen oder dumpf dunklen Unter- und Obertönen. In dem kurzen "orbital" ist Fiepen, Dröhnen in sich besonders räumlich entfaltenden Klangschichten zu finden.
Blasinstrumente können brummend, murmelnd, keuchend, kratzend, klopfend und in vielen weiteren oft unüblichen Schattierungen erklingen und experimentell eingesetzt werden. Statt konventionelle Musik kann man damit alle möglichen Geräuschklangwelten produzieren.
"choices" ist wie Textur in der bildenden Kunst. Ulher studierte ursprünglich Malerei. Nur wenn man unbedingt will kann man mit der Musikwelt von "choices"auch Realismus absolut oder relativ frei assoziieren in einem Strom der Ideen, der der freien Improvisation entspricht und mentale Entspannung oder Irritation evozieren kann.


www.birgit-ulher.de

veröffentlicht: www.culturmag.de

Thursday, July 28, 2011

“Realism is nothing more and nothing less than the truthful treatment of material.” (William Dean Howells)


Breece D'J Pancake - "Stories" (weissbooks)

Hinterwäldlerweisheit statt Weltgewandtheit

Realismus - Amerikanischer Realismus

Realismus ist schon immer eine Geisteshaltung. Ob im 19. Jahrhundert in der Literatur, ob in der Neuen Sachlichkeit der Malerei des 20. Jahrhundert oder heute hier wie dort. Auch Realismus existiert noch in der Postmoderne. Realismus ist einfach betrachtet für alle und jeden das Fassbare, Objektive. Aber Realismus ist weit mehr.
Der amerikanische Realismus des Autors Breece D'J Pancake ist erst einmal einordenbar in klassische amerikanische Story. Exakter Realismus und keine weiteren Ismen. Aufmerksamer betrachtet: Präziserer Realismus lässt sich kaum schreiben. Bei der Annäherung an Pancake lässt sich zudem begreifen, dass es Abstufungen im Realismus gibt. Und dass Pancake sehr weit gegangen ist. So weit, dass er es offenbar nur ertrug ein Werk vom Umfang eines schmalen Buchs zu schaffen.
Scheint beispielsweise des öfteren Automatismus risikobeladen für einen Autor und Künstler gewesen zu sein, so sollte man vielleicht sagen: Sei vorsichtig mit dem Realismus. Mit realistischen Sichtweisen und darin verschieden mögliche zu kombinieren. Eine Vielzahl realistischer Positionen kann wissenschaftlich erörtert und diskutiert werden.

Hillbilly

"Almost heaven, West Virginia / Blue Ridge Mountains, Shenandoah River / Life is old there, older than the trees / Younger than the mountains growin' like a breeze..." (John Denver, Sommer 1974).
Breece D'J Pancake lebte von 1952 an in West Virginia. 1979 nahm er sich mit 27 Jahren das Leben. Nachdem er 12 Geschichten geschrieben hatte.
Mit Namen Breece Dexter Pancake in Milton geboren studierte er in Buckhannon und Hundington, unterrichtete Englisch und besuchte Schreibkurse. Als Hillbilly distanzierte er sich gerne von anderen. Pancake schätzte den Singer-Songwriter Phil Ochs, der sich als singender Journalist bezeichnete mit topical songs und der das Umfeld von z.B. Joan Baez, Pete Seeger und Bob Dylan und auch die Metropole New York frequentierte. Der Begriff Hillbilly gilt nicht nur in der Musik. Vielleicht kann man Pancakes Literatur old time literature nennen. Bewußt der Country- and Folk-Music, der Mountain Music nicht abgewandt. Das Getümmel von New York schien Pancake nicht anzuziehen. Er blieb in West Virginia, auch The Mountain State genannt. Einer der ärmsten Staaten Amerikas. Seine ersten Geschichten veröffentlichte Pancake in The Atlantic Monthly. Erst vier Jahre nach seinem Tod erschienen seine Stories als Buch. Und wurden nun bei weissbooks erstveröffentlicht in deutscher Übersetzung von Katharina Böhmer.

Breece D'J Pancakes Kulturkosmos

Pancakes literarische Welt war der raue, harte Alltag von Arbeiter-, Bergleuteexistenzen in der Provinz. Oder Hilfsarbeitern, die beruflich lieber unterwegs waren als in einer Heimat. Nicht der "american dream" war Pancakes Thema, sondern die Welt des einfachen Mannes. Nennt Jayne Anne Phillips die Stories von Pancake die amerikanischen "Dubliners"( James Joyce), so hat sie was die Qualität angeht sicherlich recht. Und Pancake hätte auch ein umfangreicheres, großartiges Werk vorlegen können. Aber er wäre vermutlich in eine andere Sphäre als die des Joyceschen "Ulysses" vorgedrungen. Er war zu sehr, zu tief Realist. In völlig frei fließende Assoziationen wäre Pancake wahrscheinlich literarisch nicht gegangen.

Pancake schrieb über ein pures aber eher grobes Leben ohne das dekadent Verfeinerte einer Großstadt. Ohne sophisticated Kosmopolitismus mit einzubeziehen. Das unterschied ihn von jemandem wie Ernest Hemingway. Auch wenn er diesem nicht ganz fern war. Pancake stand einem wie William Faulkner näher. Auch Faulkner schrieb über Provinzler. Aber Pancake war purerer Realismus als Faulkner. Faulkner hatte eine zusätzlich reflektierende Ebene, die Pancake wegließ. Pancake war direkter, noch schnörkelloser. Ländliches, Menschen, Dialoge. Das genügte für einen reduzierten aber perfekten, exzellenten, schonungslosen Realismus.
Wieder einmal vielleicht bei amerikanischem Realismus den Maler Edward Hopper erwähnen. American Scene. Als Anhaltspunkt, Hinweis. Hopper war analytischer, klarer Realismus. Wie ihn Pancake in der Sprache anlegte. Pankake ging nur im Härtegrad weiter. Pancake war spröder, aber wohl auch noch einfühlsamer. Wie mit einer Lupe betrachtete er alles und gab dann seine Beobachtungen in seiner Literatur weiter.

Abenteuer der Wirklichkeit

Die Frage nach der Realität stellte auch kürzlich die Münchner Hypo-Kunsthalle mit der Ausstellung "Das Abenteuer der Wirklichkeit". Die Moderne spricht vom Zweifel an der Darstellbarkeit der Realität. Davon, dass Objektivität zum Paradoxon wird. Realismus ist ein komplexes Phänomen. Realität ist Konstruktion. (Läßt sich den Informationen zur Ausstellung entnehmen.) Ausgesprochen detailliert und genau jedenfalls ist Pancake in die literarische Darstellung von Realität gegangen. Und ab einem bestimmen Maß an Genauigkeit der Realität ist das für einen Künstler vielleicht schwer ertragbar. Warum brachte ein Talent wie Pancake sich um? Vielleicht sah er zu präzise?



Abenteuer des Schreibens

In den Geschichten von Pancake immer wieder auftauchend dominierende Männer und deren Grausamkeit. Gegenüber der Welt der Frauen. Und überhaupt. So war das damals in der Provinz. Wohl nicht nur damals und dort. "...Er fühlte sich leer vom vielen Reden mit ihr und wollte nicht da sein, wenn sie wach wurde..." ("Der Schläger") Pancake, wach, schrieb. "...Ottie hört Sheila lachen, aber tiefer als er es in Erinnerung hat. Früher war ihr Lachen höher, und die alte Frau scheuchte sie über die Veranda und sagte: "Bitte nicht Schätzchen. Ein Lebewesen kann fühlen."..." ("Bei dieser Trockenheit") Pancake, fühlend, schrieb.
Pancake, sensibel aber unpathetisch, knallhart beobachtend, schrieb. Und brachte sich dann um. Ihm als Autor war Brutalität gegenüber anderen, wie sie etwa seine Protagonisten ausführten, fremd. Pancake, ein Realist, der der Welt zu früh abhandenkam.

www.weissbooks.com

"...And the red sun of the morning was smiling through the trees,
As the darkness of the night was quickly fading,
And the fog hugged the road like a cloudy, cloudy sea,
As we drove though the hills of West Virginia..."
(Phil Ochs)

Philip David Ochs

Hypo-Kunsthalle München - "Abenteuer der Wirklichkeit" (2010): Abenteuer der Wirklichkeit

veröffentlicht:
www.fixpoetry.com/feuilleton
www.fixpoetry.com

Tuesday, July 12, 2011

MINAMO - Improvistion zwischen Kammermusik und Jazz über Wasseroberfläche

Carla Kihlstedt und Satoko Fujii

Minamo ist das japanische Wort für Wasseroberfläche. Musikalische Imagination zum Reflektierenden, Bewegten, Fließenden. Musik wie Wasser nicht begrenzt, nicht konkret. Musik, zwar auch basierend auf klassischer Kammermusik, aber doch weit hineinentwickelt in die Beweglichkeit der Improvisation.
Satoko Fujii zu Minamo: “Dinge, die keine feste Gestalt haben, sind sehr stark. Das ist wahrscheinlich eine sehr japanische Idee. Wasser hat keine Gestalt, also kann es nicht zerbrochen werden. Wenn etwas eine feste Gestalt hat mit einem harten Material, wie Stahlbeton, kann es -wenn es einmal zerbricht -nicht mehr geformt werden.Und wir mochten einfach den Klang des Wortes Wasser.”
Carla Kihlstedt: "Unsere Musik lebt an dem Ort an dem Offenheit und Entschlossenheit, Spontaneität und Baukunst sich treffen."

Minamo ist wie eine Umsetzung der Welt der Wasserreflexionen in Musik. Und Musik wiederum " ist der perfekte Träger für die Alchemie von Gedanken, Instinkten, Gefühlen und Ideen", so Kihlstedt.

"Minamo"
Minamo "Black River"

Es gibt zwei CD-Veröffentlichungen von Minamo: "Minamo" (Henceforth Records, 2007) und "Kuroi Kawa/Black River" (Tzadik Records, 2009).

Die Japanische Pianistin Satoko Fujii ist eine völlig eigenständige Kraft neben einer Größe wie Myra Melford. Spielt in unterschiedlichen Formationen. Genauso wie Carla Kihlstedt. Die auch im Avant-Rock zuhause ist. Beide sind klassisch ausgebildet und mit ihren Projekten in die freie New Yorker Szene verwoben.

Die CD "Black River" ist Asiatisches und Amerikanisches zwischen zeitgenössischer E-Musik, Avantgarde-Jazzigem und frei Improvisiertem. Zwei CDs, vier Hände, zwei Stimmen, vier Musikinstrumente Violine, Trompetenvioline, Piano, Akkordeon. Oft sanft, gelegentlich wild, strukturell aber befreit, immer wieder voll immenser Klarheit, dann wieder mit Ausbrüchen in wirr Stürmisches, vom Tonalen bis zur Grenze des Atonalen gespannt, studioaufgenommen und live.
Zwar mit Versiertheit aber frei von zu eingespielten Verhaltensmustern. Zwei Musikerinnen mit extremer Sensitivität, Konzentriertheit, feiner klanglicher Eleganz kreierend in einem schwebenden, offenen Freidimensionalen. Ein Klangraum jenseits von Banalitäten, Grobheiten, Sinnlosigkeiten. Von der Welt des avantgardistischen Jazz aus einerseits ins perfekt elitäre Kammermusiklische verweisend und andererseit vereinzelt rar vorkommend Volksmusikalisches aufgreifend. In differenziertesten Nuancen der Kommunikation. Jederzeit auch als Weg der Transdifferenzierung aus einem Sog der Dedifferenzierung nutzbar, der im Alltäglichen immer wieder drohen kann.

So war Minamo mit Carla Kihlstedt (Stimme, Violine) & Satoko Fujii (Piano, Melodica) beim Jazzfestival Saalfelden am 28.08.10 ein intensiver, konzentrierter, wunderschöner Nachmittags-Set verfeinerten Avantgarde-Jazzes.

Minamo - Wasser ist eine Welt der Reflexionen. Landschaft ist das Produkt ästhetischer Reflektion und Perzeption von Realität. Und ein vielfarbig aussehendes Elemet dessen ist Wasser und dessen Oberfläche.

Bei Wasser denkt man einerseits an Transparenz oder an eine blaue und blaugrüne Wasserfläche. Tatsächlich sieht Wasser aber oft ganz anders aus. Denn auf der Wasseroberfläche findet eine Brechung, Spiegelung statt. Da es sich bei Luft und Wasser um zwei Medien mit einer unterschiedlichen optischen Dichte handelt, kommt es, je nach Einfallswinkel, zu einer Reflexion der Lichtstrahlen, Spiegelung, oder einer Lichtbrechung. So einfach das Wasser zu sein scheint - eine simple Verbindung zweier Elemente, Sauerstoff und Wasserstoff - so kompliziert und vertrackt ist Wasser jedoch, wenn man es genauer untersucht.
Auch in der Beobachtung durch Künstler wird Wasserfläche in allen erdenklichen Facetten entdeckt. In der visuellen Darstellung in Malerei, Zeichnung, Fotografie genauso wie in der Musik.

Bei einer Umfrage unter Kunst- und Kulturschaffenden antwortete man mir mit vielfältigen Sichtweisen von Wasseroberfläche auf die Frage nach ersten bildlichen Assoziationen. Ein Kanadischer Künstler schickte mir ein Foto einer Wasserfläche auf der sich eine breite, blendende Lichtbahn von einer fahlweißen Sonne ausgehend ausbreitet. Eine Philosophin aus England antwortete mit unzähligen Bildern aus ihren Archiven mit Naturfotografien, die helle Gischt auf grünem Wasser an einer Meeresküste zeigen. Ein Musiker und Maler aus Frankreich sandte Fotos, die verzweigende, schwarze, feine Verästelungen darstellen, die neben einem Waldrand verwischt auf reißend fließendem dunklen Wasser abgebildet sind. In Quebec dachte ein Komponist an gefrorenes Wasser, hatte mit seinem Foto eine Eisfläche fokusiert, in der runde, weiße Flecken, Luftblasen, in der Durchsichtigkeit eingeschlossen sind. Aus Kalifornien erhielt ich eine Darstellung einer Wasserfläche, die wie ein perfekter, glasklarer Spiegel wirkte und die gegenständliche Welt, eine buntfarbige Häuserzeile, exakt nochmal realistisch abbildete.

Wasser kann alle Farben haben und keine. Kann alles widerspiegeln und nichts. Eine glatte Fläche sein oder aufgewühlt strukturiert. Wasser kann jedes abstrakte oder figürliche Bild annehmen. Entscheidend dafür, wie Wasser ausieht, ist natürlich immer das jeweilige Licht. So kommt es zu brennendroten, tiefschwarzen, pastellbraunen oder milchigweißen Wasserflächen, wie sie eine Münchner Künstlerin malt und fotografiert. Und Wasser zeigt sich schließlich in anderen Aggregatszuständen in Form von Nebel, Wolken und Schnee hauptsächlich in Weiß und in Grautönen, die aber auch wieder bei verschiedenem Tageslicht andere Farbspuren enthalten können.

Das Projekt Minamo nähert sich einem im spirituellen, meditativen, aber auch expressiven, experimentellen Sinn musikalischen Sehen von Wasserflächen.

Foto: © Tina Karolina Stauner

www.carlakihlstedt.com
www.satokofujii.com

veröffentlicht: www.skug.at

Tuesday, July 05, 2011

Redenreihe 'Freiheitsfelder' im Rahmen der Münchner Opernfestspiele:
Im Kontext des Spielzeitthemas 'unfrei frei' werden Fragen wie die nach der Freiheit einer Gesellschaft gestellt.
Tatsächlich findet sich im Kulturmanagment der Staatsoper München auch Platz für eine informativ-politische Vortragsreihe, die mit Musik kombiniert ist und sich 'Freiheitsfelder' nennt:
04.07.11 - Über:Maß
11.07.11 - Über:Macht
18.07.11 - Über:Mut
Als Beiträge zur Stärkung der demokratischen Gesellschaftsordnung ansehbar.

Am 04.07.11 war einer der Gesprächspunkte mit Rednerin Shirin Ebadi: Einhaltung der Menschenrechte im Iran.

Nicht nur im Iran findet Menschenrechtsverletzung statt. Menschenrechte werden auch in Europa nicht immer eingehalten. Wer dies im gesellschaflichen Diskurs näher benennt kann auch Hierzulande starkem Druck ausgesetzt sein.

Opfer von Menschenrechtsverletzung können so zugrunde gerichtet werden, dass sie beispielsweise nicht mehr empfänglich sind für Musik.

Freiheitsfelder

Sunday, July 03, 2011

"Gott ist Schönheit", Smeds Esemble, Kammerspiele München, 02.07.11

Der finnische Maler Vilho Lampi: Liebe, Verachtung, Trotz, Schönheit, Freiheit, Göttliches, Kunst

Das Smeds Esemble inzeniert mit "Gott ist Schönheit" nach dem Roman Paavo Rintalas aus dem Jahr 1959 eine Hommage an den finnischen Maler Vilho Lampi, der von 1898 bis 1936 meist in Liminka lebte. Gegen die Kälte des finnischen Winters, die Ignoranz, die Nazis und das neue Europa trotze er, so die Programminfo. Er malte expressiv-realistisch Selbstporträts, Porträts von einfachen Leuten, Landschaften, Stillleben.

Der Zuschauer findet sich bei der Inszenierung "Gott ist Schönheit" konfrontiert mit einem spartanisch ausgestatteten Bühnenbild von Riikka von Martens und Kristian Smeds. An die Rückwand eine großformatige Leinwandmalerei gelehnt. Ein Porträt. Ein Bild, das aber eigentlich noch einfach nur Skizze ist. Und auch zum wechselnd beleuchteten Farbfeld werden kann. Ein Bild, das an eine der späten Leinwandarbeiten von Francis Bacon erinnert, die von diesem nicht fertig gemalt wurde und Skizze geblieben ist. Die völlig anderen Bilder des Malers Lampi zeigen sich im Stück nicht. Aufgeführt werden vom Smeds Esemble 10 Bühnenszenen aus denen sich die Malerei Lampis nicht gleich erschließen läßt. Es bieten sich Teile des Lebens des Künstlers , die seine Persönlichkeit darzustellen versuchen. Facetten seines Charakters. Seiner Vorstellungswelt. Seines Tuns. Seines Unterwegsseins. Eine surreal merkwürdig anmutende Geschichte. Mehr Roman als Biografie. Mehrere Handlungsorte, Lebenswelten. Sprunghafte Phantasieebenen, Realitäten, Intentionen, Perspektiven.

Der Maler ist in diverse Personen aufgesplittet. Und Darstellung von erstrebter Schönheit präsentiert sich hauptsächlich auch als Grobheit und Kargheit. Die Handlungsbilder beispielsweise: Bewegung mit kräftigen Seilen, Brennen funkelnder Lichter im Dunkeln, Schläge mit einer Axt auf einen Eisblock oder Hiebe auf eine Holzsstele. Expressionistische, exzessive Ausbrüche. Manchmal wie tänzerisch. Manchmal wie primitive Vorgänge. Manchmal wie schwerlastig. Manchmal wie spielerisch. Diverse innere Kräfte und Vorgänge, die für das Schaffen von Kunst mehr oder weniger unumgänglich sind. Und für die Freiheit der Kunst und des Künstlers um die es geht.

Lampi fühlte sich wohl außerhalb des Lebens und der Gesellschaft. Wollte auch Gewalt anprangern und dass jeder Traum unmöglich werden kann. Der Humor des Ensembles wirkt dabei manchmal wie seltsam in das Bühnengeschehen untergemischt, scheint nur schwer mit manch grobem Inhaltlichen konform zu gehen.
Die Bilder, die Lampi malte, sind sachlich oder expressionistisch, durchaus auch hart aber ohne Brutalität, sind mehr als eine Spur sanfter und einfühlsamer als die Handlung des Stücks vermuten läßt. Wenngleich seine Gemälde farbkräftig Kompromisslosigkeit widergeben. Lampis Malerei ist immer auch Menschlichkeit und Wärme widerspiegelnd. Die den Bühnenzenen immer wieder fehlt. Die aber die Musik des Stücks wiederum hat. Stark rhythmusbetonter finnischer Folkrock, von Tomi Rikkola, Tuomo Kuure, Juha Menna live auf der Bühne gespielt, und der Bilderwelt des Malers vielleicht fast adäquater als das Theaterspiel.

War Lampi gewalttätig, fragt man sich. Wohl kaum. Er war Künstler. Kein Künstler hat Gewalt nötig. Lampi dürfte seine inneren Kräfte fokusiert haben und ließ sie natürlich in sein künstlerisches Schaffen fließen. Ich frage mich aber, ob Lampi dabei überhaupt Humor hatte. Oder ob der Humor nur zum Smeds Ensemble gehört.

Der erster Eindruck, den das Smeds Esemble mit dieser Produktion hinterläßt, ist irritierend. Kennt man das Werk des Malers noch nicht und sieht die Aufführung, kann man sich nicht direkt seine Gemälde vorstellen. Auch nicht durch die Malereiskizze im Bühnenhintergrund. Und mich hat ein Handlungsinfoblatt und die ganze Vorführung nicht auf Paavo Rintalas Buch und die Handlung wirklich neugierig gemacht. Ich blieb auf extremer Distanz. War nur bei Teilszenen dazu motiviert mich darauf einzulassen. Dafür aber mich weiter ausführlicher mit der Malerei Lampis zu befassen.

Sowohl der Maler Vilho Lampi als auch die Musiker Tomi Rikkola, Tuomo Kuure, Juha Menna, teils der von 1998 bis 2011 existierenden Band Pohjannaula entstammend, sind als bereichernd durch die Inszenierung inspiriert zu entdecken.

Den kaum bekannten Vilho Lampi einordnen zu wollen für die, die seine Malerei noch nicht sahen, dürfte durchaus in der Verwandtschaft der Novembergruppe sein. Einer Malergruppe aus dem Redaktionsumfeld von Herwarth Waldens Zeitschrift Sturm, die von 1918 bis 1935 mit Schwerpunkt in Berlin agierte. Zu der Max Pechstein als Gründer gehörte. Maler, die an sozialen Veränderungen interessiert waren, als bolschewistisch beschimpft von den Nationalsozialisten verboten wurden. Und an einer Vereinigung von Kunst und Volk arbeiteten, die schwer möglich war. Vilho Lampi jedenfalls gab seinen Lebensentwurf auf indem er Selbstmord beging.

Über den 41-jährigen namhaften finnischen Regisseur des Stücks Kristian Smeds mit Arbeitsbasis Helsinki, einst längere Zeit in einer finnischen Kleinstadt lebend und Leiter des seit 2007 bestehenden Smeds Esembles, ein internationales Künstlernetzwerk, heißt es seine Lieblingsthemen seien: Liebe, Tod und Gott, garantiert mit Humor "stark und schwarz - wie guter Kaffee".

Die finnische Mentalität des Smeds Esemble braucht möglicherweise mehr als eine Annäherung. Die aber schon einige, wie sich an der Zuschauerzahl zeigte, überhaupt nicht unternahmen.
"It's nothing personal, it's just art" (Smeds Ensemble)

Vilho Lampi
Smeds Ensemble
Kammerspiele München

veröffentlicht: http:www.textem.de
http:www.aurora-magazin.at

Saturday, July 02, 2011

Zwei Finnlandthemen vorerst als kurze Zwischennotiz zu Filmfestspiele und Kammerspiele München:

Aki Kaurismäki und sein neuer Film "Le Havre" © Pandora Filmproduktion


Vilho Henrik Lampi (1898 – 1936)
Eine Hommage an den finnischen Maler als Playwright von Kristian Smeds nennt sich "Gott ist Schönheit"

Friday, July 01, 2011


Filmfest München 2011
Foto: Tina Karolina Stauner

Einige weitere compact-snapshots (nicht (d)slr): Raum, Architektur und Stillleben - Filmfest München 2011

Sunday, June 19, 2011



Buchneuerscheinung für Theatermenschen und Theaterinteressierte mit Beiträgen von 13 Autoren: "Raum und Objekt im Werk von Samuel Beckett" (transcript/lettre, Hg: Franziska Sick)
Intellektuelle Zwischenräume und Raumästhetik
Samuel Beckett und Theaterstücke, Fernsehstücke und Literatur

Wie Beckett das linguistisches Paradigma durch räumliches Paradigma ersetzt oder Raumkonzept der Leere:

"...Raumgeprägt ist nicht zuletzt Becketts Schreiben. Es leitet sich aus früheren Bilderfahrungen her, die ihr besonderes Augenmerk auf die Zwischenräume lenkt. (Mark Nixon) Von solchen 'room spaces', von Unterbrechungen und Leerstellen, die er mit Zeichnungen ausfüllt, sind Becketts Manuskripte geprägt, sie finden sich aber auch in seiner Poetik, die Beckett als Kunst der Pause versteht..." aus "Raum und Objekt im Werk von Samuel Beckett" ( Franziska Sick)

"...In Beckett und Handke prallen zwei Räume und Zeiten aufeinander: der komprimierte symbolische Raum Krapps und der leere vorsymbolische Raum der Frau. Raummetaphorisch ausgedrückt, entlarvt die Frau in Handkes Text Krapps scheinbar leeren Raum als bedeutungsvoll und stellt zugleich das physische (nicht symbolische ) Hier und Jetzt, das ihrer Meinung nach von Krapp verdrängt wurde, ins Zentrum. Damit ist Handkes Text der Versuch, die grundlegende Dichotomie bei Beckett zwischen Bedeuten und Bedeutungslosigkeit ins Blickfeld zu bekommen, ganz im Sinne des "spatial turn"..." (aus "Das allerletzte Band: Handke zu Beckett in den Münchner Kammerspielen"/"Raum und Objekt im Werk von Samuel Beckett" von Susanne Hartwig)
zu "Das letzte Band/Bis dass der Tag euch scheidet oder eine Frage des Lichts" von Samuel Beckett/Peter Handke inszeniert von Jossi Wieler 2009 in den Münchner Kammerspielen

Beckett Gesellschaft Kolloquium 09
Featuring Beckett: Beckett Werkliste bei Rhys Tranter
Rückblick auf Beckett-Projekte:
Beckett "Nacht und Träume, 1983" im Medienkunstnetz
Beckett "He, Joe, 1966" im Medienkunstnetz

Saturday, June 11, 2011



Short Message in Sachen Callahan

Bill Callahan "Apocalypse" (Drag City)

"Seven messages" in Songwriting. Ohne die Schwächen, die das Vorgängeralbum "Sometimes I wish we were an Eagle" zeigte. Sondern wieder, wie Callahan meist, exzellent Essenzielles, absolut Substanzielles...: der Kern, die Identität, das Wesentliche.

Friday, June 10, 2011


5 Höfe, München
Entstanden zwischen 1998 und 2003. Architekten: Herzog & de Meuron und Hilmer & Sattler & Albrecht
Foto: Tina Karolina Stauner, 2011

Thursday, May 26, 2011

Bernd Zimmer "Die Übersetzung von Natur in Bildräume"

Water. Mirror - Neue Bilder
19/05/2011 - 30/07/2011
Galerie Pfefferle München
Galerie Pfefferle
Bernd Zimmer, "Reflexion", 2009, Acryl auf Leinwand, 160 x 130 cm

Vorgestellt wird von der Galerie auch ein Werkverzeichnis.
Bei Zimmers Malerei geht es um Fragen wie: "Wie ist es möglich , die Farbstimmung, das Licht, das Ursprüngliche einer Landschaft in einem präzise konstruierten Farbraum widerzuspiegeln?"

So fing das alles an. Damals. Neue Wilde. 80er Jahre.

Bernd Zimmer "Roter Stein (Aufstieg)", 1983, Dispersion und Öl auf Jute

Malerei. Dokumente:
"...Das Getöse der hereinlärmenden Subway und des vorüberdröhnenden Express Trains ist trommelfellzerreißend, die Fahrgäste werden aufgefordert, beim Nahen der Züge die Ohren zu schließen und, bitte, nach 18 Uhr nur die vorderen Wagen zu benutzen, die Gefahr von Raub und Vergewaltigung ist dann geringer. Ein Mann erklimmt das World Trade Center, ausgestattet nur mit Haken und Steigeisen, 110 Stockwerke hoch. Wann baut man endlich die U-Bahn vom Moritzplatz nach Manhatten? Erinnerungen, Herbst 1978. Rainer Fetting wird von jugendlichen Schwarzen im Hausflur überfallen...Die Bronx sieht teilweise aus wie Berlin 1945, abgebrannt, verwüstet, tot. Mark Rothkos Farben glühen, schimmern, sterben im Guggenheim Museum, Matisse prunkt im Museum of Modern Art, Salomé gibt eine Performance auf dem West Broadway, der Via Sacra das Avantgardekünstlers. Helmut Middendorf dreht eine tonnenschwere, gewichtlose Plastik auf dem Astor Place und redet abends Starkdeutsch. Natürlich war Bernd Zimmer auch schon dagewesen, vorher..."
Und: "...Da sind die Brücke-Künstler, sind die Fauves: verwandte Expressionisten, wilde Farbigkeit, auch - neben der Natur- das Großstadterleben..."
(Zitate aus dem Katalogvorwort "Heftige Malerei" Berlin, Haus am Waldsee 1980 von Ernst Busche, abgedruckt in der Zeitschrift Malerei-Painting-Peinture Nr. 5, Edition Pfefferle)

Wednesday, May 25, 2011

Gartendetail Nigel Rollings

"Die Gärten von New York"
Text von Veronika Hofer und Fotografie von Betsy Pinover Schiff
(Hirmer Verlag, München, 2010)

Die grüne Seite von New York
Man kennt von New York Unmengen an Architektur- und Streetfotografie.
Das hart urbane und hektisch dicht Bevölkerte der Metropole ist im Fotomaterial des Buchs "Die Gärten von New York" Hintergrundaspekt. In dem Bildband sind Beton, Stahl, Glas und Asphalt der Straßenschluchten dieser Stadt nur zu erahnen.
Im Fokus statt dessen Hinterhof- und Dachgärten, Parks. Die Idyllen New Yorks.
Gartenkunst von namhaften Gartengestaltern, -architekten und -künstlern aus der ganzen Welt. Rückzugsorte und Privilegien, die wie zeit- und ortlose Inseln einer möglichen harmonischen Realität in der Stadt zu sein scheinen.

Mir fallen die Gärten des Engländers Nigel Rollings auf. Englischer Flair mit einem Touch Fernost und Zen.
Er gestaltete beispielsweise einen Minihinterhof in Brooklyn. Rollins sagt, dass ihn dieser Garten ein Jahr seines Lebens gekostet hat. Viele Menschen geben sich diese Zeit nicht, sie wollen "Instant-Gärten", wie Rollins das nennt. Aber es bedarf der Ruhe und des beobachtenden Nachdenkens, um zu verstehen, was der Platz braucht, an dem etwas so sensibles wie ein Garten entstehen soll.
Und Long Island City/Queens ist der Ort an dem Rollings 150 Quadratmeter zu einem abgeschiedenen Weltstadtgarten verwandelte. Holzveranda und -stege, Klinkerziegel, Tonschalen, Bambus, Staudenbeete und Teich. Ein großes Fenster seiner Wohnung gibt den Blick in dieses Grün frei. Die Tür daneben ist vom Frühjahr bis in den Herbst hinein offen und verdreifacht seinen Lebensraum.

Der Bildband kann jedem, der ein Großstadtleben führt und dessen Blick verbaut ist von Wänden und Architektur oft auch der seelenlosen, tristen Art, das Sensible von Natur und Gärten ins Bewußtsein rücken und das Gefühl dafür freilegen.

Garten mitten in New York findet sich als Dorffleck genauso wie Museums-Kunstgarten, Fake Garden, Bauhausstil, klassisch Japanischer Garten, Dschungelanlage, Blumenmeer, Parkeleganz und diversen weiteren Facetten.
Hier souverän von der Landschaftsarchitekturfotografin Betsy Pinover Schiff präsentiert. Veronika Hofer gibt in ihren Texten dazu wichtige Hintergrundinformationen.

Ken Smith, Landscape Artist, der u.a. den artifiziellen MoMA Rooftop Fake Garden designte, geht mit Moderne und Postmoderne um. In einem "Garden for the View", einem Schattengarten, der ein Skulpturen-Garten ist mit Lage Central Park South in Manhattan, spielt er mit Materialien. Ein geometrisches Konzept: Verschiedene Materialien sind in klar gerahmten Feldern und Bändern angeordnet. Kleingeschredderte matt-dunkle Gummiteile in starkem Kontrast zu weißen Marmorkieseln und türkisfarbenen, glitzernden Glasmurmeln, die jeden Lichtstrahl reflektieren. Dazwischen vertikale Trennwände aus aluminiumfarbenen Holzgittern, Pflanzen und vereinzelt Skulpturen.

Betsy Pinover Schiff: www.betsysphotos.com
Nigel Rollings: www.nigelrollingslandscapedesign.com
Ken Smith: www.serenityinthegarden.blogspot.com

veröffentlicht: http://www.textem.de

Saturday, May 21, 2011

Lucian Freud, Radierung, 2005

Lucian Freud "Portraits"
18 Radierungen und ein gemaltes Portrait seiner Mutter

Erste Einzelausstellung von Werken Lucian Freuds in einer privaten deutschen Galerie 05.05. bis 03.06.11
Galerieinfo: www.danielblau.com

"Ob das Modell den Künstler anschaut, die Augen gesenkt hat oder zur Seite blickt, während der Maler in zahlreichen Sitzungen paradoxerweise gerade das Flüchtige und Vergängliche des Augenblicks, das Unvorhersehbare des Übergangs von einem Augenblick zum nächsten festhält, es ist immer eine gewisse Melancholie zu spüren."
"Whether the sitter is staring at the artist, looking down, or even looking away, there is rather an inevitable sense of melancholia, as he the artist, paradoxically over in as many as a hundred sittings, captures what in essence is a fleeting and ephemeral moment, immortalised on that unpredictable path to the next..." (escerpt from the essay by Norman Rosenthal)

"Lucian Freud (1922 in Berlin gebnoren, seit seinem 11. Lebensjahr in England lebend) zählt zu den führenden Porträtisten der Gegenwartskunst: Sein schonungsloser Blick auf den menschlichen Körper setzt neue Maßstäbe für das Porträt und die Aktmalerei." Ein Katalog zur Ausstellung beim Hirmer Verlag würdigt erstmals Lucian Freuds grafisches Œuvre. "Über sechs Jahrzehnte schuf er außergewöhnliche Radierungen, die einen privaten Einblick in sein Kunstschaffen geben."
Lucian Freud in his studio, December 2009 (© David Dawson)
Fotoportraits von Lucian Freud

Sunday, May 15, 2011

Ellsworth Kelly
www.matthewmarks.com

Nennenswertes Ausstellungsgeschehen in Münchener Galerien und Kunsthallen:

In der Galerie Pfefferle zu sehen Ist Bernd Zimmer
Info Galerie Pfefferle
In der Galerie Daniel Blau ist derzeit Lucian Freud
Info Galerie Blau

Demnächst in der Hypokunsthalle Klassiker der Porträtkunst: "Dürer-Chranach-Holbein Die Entdeckung des Menschen: Das deutsche Porträt um 1500" Wird vielleicht nicht an "Adolph Menzel radikal real" und "Frans Hals und Haarlems Meister der Goldenen Zeit" erst kürzlich im Programm der Hypo Kunsthalle herankommen. Wird sich zeigen.

Im Haus der Kunst bald Ellsworth Kelly "Black & White"
Wichtige Ausstellung in München vergangenes Jahr: Der Schwarzweiß-Realismus von Michael Schmidt: Michael Schmidt "Grau als Farbe" im Haus der Kunst. Michael Schmidt: Bücher, Werke, Ausstellungen

Im Kunstbau des Lenbachhaus Mondrian und De Stijl
Rückblick Lenbachhaus: Maria Lassnig und Dan Flavin

Sunday, May 08, 2011

Fotos: Tina Karolina Stauner, 2011

Architekturdetails Art Nouveau, Schwabing, München

Bekanntes Münchner Gebäude dieser Epoche ist die Villa Stuck.
www.villastuck.de

Saturday, May 07, 2011

Neil LaBute, Foto: New York Times

"Das Mass der Dinge"/"The Shape of Things" von Neil LaBute
Münchner Volkstheater, 06.05.11


Show vs. Statement

Anglistikstudent, gleichzeitig Museumsaufseher, und Kunststudentin, fotografisch an einem Projekt arbeitend, lernen sich in einem Museum kennen. Die Kunststudentin lehnt sich gegen Zensur auf und initiiert eine Metamorphose bei ihrem neuen Freund, dem Anglistikstudenten. In der Kommunikation sind als Beobachter zwei Freunde dabei.

"The Shape of Things"/"Das Mass der Dinge" wurde von Neil LaBute geschrieben. LaBute, 1963 in Detroit geboren, studierte Theater- und Filmwissenschaften in Provo, Utah und New York und lebt heute in Forth Wayne, Indiana. "The Shape of Things" wurde auch verfilmt. Wird von The Independent als abgründige Satiere bezeichnet. Des erfolgreichen Autors "...beunruhigende Darstellung menschlicher Beziehungen und Abgründe in seinem Werk, führte auch zu Missbilligung seitens der kirchlichen Oberhäupter...", so die Programminfo. LaBute: "Warum ich schreibe? Weil ich muss...Es bereitet mir Genuss...Ich halte nicht viel von Autorität. Ich höre nicht gerne 'Nein'. Ich bin ein eigensinniger, hart arbeitender Typ. Für den das, was er tut, Arbeit ist. Nicht Kunst, sondern Arbeit....".

Im Volkstheater München ist das Stück von Florian Helmbold inszeniert, Alu Walter ist für Bühne und Kostüme verantwortlich und das Sounddesign stammt von Heiko Schnurpel.

Herausfilterbar ist für den Rezipienten ein Ausloten von Gegensätzen: Beispielsweise "...Künstler werden um jeden Preis..." (LaBute) vs. "...es muss doch irgendwo eine Grenze geben..." (LaBute). "Fleisch vs. Wille". "Show vs. Statement". "Langeweile vs. Relevanz".

Die Bühne: Ein Raum in Flitter, lila-pink Kitsch. Der Kontext: Pop-Mainstream und nur ansatzweise Kunst. Das Stück könnte Realismus sein, aber nur Realismusfragmente finden sich irgendwo mitten in schillerndem, schrillen Popdesign. Zwischenmenschliche Beziehung ist oft wie eine Showeinlage. Ernster Diskurs scheint irgendwo mitten im Geplapper. Wirkt teilweise langweilig und oberflächlich. "Warum muss man in einem Stück einfach immer über alles reden?" (LaBute)

Erst durch einen Abschlussmonolog zeigt sich ein Spannungsbogen und wird philosophienahe Tiefe eingeblendet.

Bühne, Kostüme und Sounddesign schwächen Helmbolds Regie eher, der eigentlich selber auch Bühnenbildner und Musiker ist. Heiko Schnurpel ist oft fraglich 70er-discolike. Alu Walter zeigt in der Ausstattung wohl nicht seine beste Seite. Das spannungsreich Sprachorientierte von LaBute kann sich streckenweise nicht wirklich durchsetzen.

"Das Stück ist natürlich auch eine Abrechnung mit einem Kunstbegriff und einem Kunstmarkt, die Ehrlichkeit, Moralität, Menschliches belächeln." (Herbert Fuchs)

"I love theater because there’s a clear distinction between process and product. You know you’re going to show it to people, but the process is clearly defined."
(Neil LaBute by Jon Robin Baitz, Bomb 83/Spring 2003)

www.muenchner-volkstheater.de

veröffentlicht: http://www.textem.de

Tuesday, May 03, 2011


Jüdisches Museum München, 2011
Foto: Tina Karolina Stauner

Architekten sind Wandel Hoefer Lorch aus Saarbrücken. Sie schufen eine Bühne städtischen Lebens, so die website des jüdischen Museums.
www.juedisches-museum-muenchen.de

Typisch jüdische Musik ist Klezmer.
Informationen:
www.klezmershack.com
Typisch für Avantgarde und Klezmer ist beispielsweise Tzadik:
www.tzadik.com

Saturday, April 23, 2011


Architektur Marstallplatz München
Foto: Tina Karolina Stauner, 2011

"Landschaftsarchitektur - Freiräume leben":
www.strauma.com

Monday, April 04, 2011

jazz lines 2011, München, 27.03. - 03.04.11

jazz lines 2011 ist ein Münchner Festival mit zeitgenössischen, aktuellen Facetten schwerpunktmäßig der improvisierten und Neuen Musik. Betont aber auch mit Rückbezügen. Rückbezüge beispielsweise auf die 90er Jahre der Downtown Musikszene New York oder auf die 20er bis 50er Jahre der Fotografie in Amerika.

Festival Opener war eine Diskussionsrunde betitelt mit "Für eine Unabhängigkeit der Phantasie und des Denkens" mit Johan Simons, Beat Furrer, Carl Oesterheld, Nicolas Humbert, Christian Stückl, Andrian Kreye.
Und Fragen, die sich in Relation zur Diskussion auftun sind etwa: Wird ein Kulturschaffender zu einer Unabhängigkeit des Denkens gezwungen oder zum Gegenteil? Ist man zwischen verlorengehenden traditionellen Räumen und Risikobereitschaft zu absolut Neuem? Wird zu oft Raum als politisch gestaltbar aufgegeben, zu wenig eingefordert, ist Kunst und Kultur zu privat?
Aber fragt sich auch: Worte sind Worte sind Worte? Nur Worte?

www.jazzlines.de

veröffentlicht: www.skug.at

Sunday, April 03, 2011


Allerheiligenhofkirche und Neue Musik, München 2011
Foto: © Tina Karolina Stauner

Erster Kirchenbau in Bayern nach der Säkularisation von 1803. Von König Ludwig I. nach Plänen des Architekten Leo von Klenze zwischen 1826 und 1837 errichtet. Im Zweiten Weltkrieg teilweise zerstört und 2003 erhaltene Bausubstanz wieder zugänglich. Ergänzt durch moderne architektonische Gestaltungsmittel nun Konzert- und Veranstaltungsraum.

Thursday, March 31, 2011


jazz lines 2011, München, 27.03. - 03.04.11

Der Eröffnungskonzert am 27.03. im Volkstheater mit Bill Frisell und Francesco Bearzatti Tinissima Quartet betont die Relation zu den Fotografen Tina Modotti und Michael Disfarmer.

"Suite für Tina Modotti"

Tina Modotti wurde als Fotografin bekannt als sie in den 20er Jahren mit dem Fotografen Edward Weston in Mexiko lebte. Und war auch politisch und skandalumwittert. Das Francesco Bearzatti Tinissima Quartet präsentiert eine "Suite for Tina Modotti", die das Leben der Künstlerin thematisiert im Spiel mit diversen Ebenen und Jahrzehnten der musikalischen Ausdrucksarten und Genres von Swing bis Flamenco, Free Jazz bis Trauermarsch.
Sitzt Danilo Gallo mit der Gitarre auf der Bühne, eigentlich beeindruckend eine elektroakustische Vintage Fox, kann ich aber kaum Bezüge zu Tina Modotti finden, wie ich sie für mich entdeckt habe als Künstlerin. Steht Gallo statt dessen mit Kontrabass in der Band ist die Musik für mich stärker in direkter Verbindung zu Modotti und ihrem Werk. Über das bloße Virtuose immer wieder hinausgehend die Musiker: bestechende Trompetenmelodien von Giovanni Falzone und Saxofon- und Klarinettenmelodien von Francesco Bearzatti. Sichere Rythmusarbeit von Zeno de Rossi am Schlagzeug.
Nicht ganz nachvollziehbar warum zwei weiße, asymetrisch-schwarzlinigunterteilte, rechteckige Leinwände an den Bühenseiten die Visuals zur Suite darstellen.

"Disfarmer Project"
Bill Frisell Quartet: Disfarmer – Musical portraits from Heber Springs

Michael Disfarmer (1884 -1959) gründete in den 30er Jahren ein Fotostudio. Er fotografierte Personen, Ganzkörperaufnahmen, Porträts. Setzte dabei explizit direktes Nordlicht ein und schuf eine ganz spezeille Lichtatmosphäre. Die Ausleuchtung der Fotosituation bis ins Detail konnte mehr als eine Stunde in Anspruch nehmen. Disfarmer wird heutzutage zu den Klassikern in der Geschichte der amerikanischen Fotografie gezählt.
Bill Frisell hat 2009 ein musikalisches Disfarmer Project auf CD bei Nonesuch veröffentlicht und bringt das Ganze mit Bildprojektion nun auf die Bühne.
Nahezu hundertprozentig stimmig wirkt das Zusammenspiel von Steel-Gitarrist Greg Leisz, Bassist Viktor Krauss, Violinistin Jenny Scheinmann und Gitarrist Bill Frisell. Umgesetzt wird der Charakter des sich nicht sehr sozialfähig gebenden Disfarmers, sein ländliches Kleinstadt-Heber Springs in Arkansas und seine einfachen, klaren Schwarz-Weiß-Fotografien von Menschen in eine musikalische Welt aus Country-Folk-Jazz-Klängen. Ursprünglich eingespielt in Nashville. Frisell sagt dazu: "... als ich die Musik schrieb, stellte ich mir vor, Disfarmers Perspektive einzunehmen und seinem Blick durch die Linse einen Klang zu geben..."
Auf der Bühne dazu Bildprojektion von Disfarmers Fotoarbeiten: auf zwei collageartig- unterteilten Leinwänden links und recht neben der Band Schwarz-Weiß-Porträts in Verbindung mit verhaltenen-monochromfarbigen Flächen von Set Designer Alexander Nichols.
Als Pendant die Musik, die man als rein und schön bezeichnen kann. Aber auch als zu spröde um kitschig zu sein. Das hat dann auch nichts Nostalgisches, sondern spiegelt einen Realismus wieder, der zeitlos wirken kann und von emotionaler Wahrheit ist. Und somit zeitgemäß etwas mitzuteilen hat. Wenn man genau in die Gesichter der Bilder sieht und wenn man genau in die Klänge der Musik hineinhört. Bill Frisell und die Mitmusiker nutzen die Möglichkeit sich in Bestform zu präsentieren in einem wie perfekt scheinenden Set.

veröffentlicht: www.skug.at

www.jazzlines.de
www.billfrisell.com
www.francescobearzatti.com
www.disfarmer.com
www.modotti.com

Tuesday, March 29, 2011

Wand beim Volkstheater München


Grafitis, Subkultur, Isarauen München

Foto: © Tina Karolina Stauner, 2011

culture clash...Hochkultur, Elite und Subkultur, Alltagskultur, Massenkultur, Volkskultur, Populärkultur...

www.muenchner-volkstheater.de
www.streetartist.de

Saturday, January 01, 2011

Höchste Genauigkeit Erforderndes zwischen traditioneller Musik und Neuer Musik. Fein-Solistisches und Bewegungsmuster, Energieflüsse, Schichten, Zeitebenen im Ensemble.

Miroslav Srnka

Bemerkenswertes Konzert im Jahr 2010: Klangspuren Plus der Münchener Biennale mit dem Komponisten Miroslav Srnka am 20.10.10 in der Black Box Gasteig.
Spuren von etwas bedeutet auch: "kaum wahrnehmbar, suchen um wahrzunehmen." (Srnka)
Fragt sich aber, wieviele überhaupt derartig Verfeinertes, Differenziertes zu hören versuchen, sei gleich einmal vorangestellt.

Ergänzend zur Uraufführung von Srnkas Stück “Hejna” für Klarinette, Akkordeon, Harfe, Schlagzeug und Klavier wählte Srnka ein Programm aus mit Solostücken und Musik zwischen zaghaften Einzeltönen, dissonanten Mehrklängen, zwischen Tradition und Neuer Musik. Geprägt von überzeugender Einfachheit, Vorsicht, Klarheit zwischen Verstummen und Attackieren. Und auch theoretisierend einordenbar in Volkstümlichkeit zweiten Grades, getäuschte Schlichtheit. Beginnend mit seiner eigenen Komposition “Ranni Hajahu” für Schlagzeug. Desweiteren Antonin Dvorák und “Romantische Stücke” (1887) transkribiert für Klarinette und Klavier, L’ubica Cekovska mit “Fragment and Elegies” (1997) für Akkordeon, Leos Janácek mit “Im Nebel” (1912) für Klavier, Gérard Grisey mit “Charme” (1969) für Klarinette.

“Hejna” folgte als Abschlussstück und aber mit weniger starker Wirkungskraft als die äußerst konzentriert-intensiven Solostücke. "Hejna" war eher schwer zugänglich. Srnka erklärte, es ginge darum visuelle Vorstellungen in Klang umzusetzen. Es ginge um einen klangillustrtorischen Kosmos und eine Recherche über Bewegung von Vogelschwärmen. Das Stück wirkte wie ein Versuch das Thema zu erfassen und auch das Zuhören wie ein Versuch das Thema zu erfassen. Beides also wie eine Annäherung. „Tatsächlich funktionieren die Energieflüsse in beweglichen Kollektiven, wie sie in Vogel- oder Fischschwärmen und Tierherden auftreten, nach physikalischen Prinzipien, die dem Fließen von Bewegungsmustern in der Musik ähnlich sein können. Voraussetzung für die Überlagerung von Bewegungsmustern ist die mögliche Polyphonie der Instrumente. Um ein Kontinuum, das sich ständig verwandelt und in sich beweglich ist, geht es in Hejna, um das innere Pulsieren des Klanges. Und dies nicht nur in der Lautstärke, sondern auch der Dichte oder der Bewegungsrichtung…Abläufe in mehreren Schichten und Zeitebenen von der schnellen bis zur langsamen Bewegung übereinandergelegt.“ (Marie Luise Maintz, [t]akte 2/2010 )

“Ich hab immer Musik geliebt…” sagte der 1975 geborene Miroslav Srnka. Er lebt in Prag und wie er erwähnte abseits der Szene. Auf die Frage warum er komponiert antwortete er: “Das ist mein Leben.” Sein Abschlusssatz lautete: “Meine Arbeit ist Klang zu schreiben. Und das war’s.”

www.muenchenerbiennale.de

veröffentlicht: http://www.textem.de