Friday, January 16, 2009

© Bayerische Staatsoper

"Wozzeck" von Alban Berg, Oper in drei Akten in der Bayerischen Staatsoper in München

"Die Hoffnung ist, dass man über die emotionalere Wahrnehmung der Gewalt, die einer Figur, einem Menschen, einer Kreatur zugefügt wird, einen Schmerz spürt und daraus folgend auch eine Wut entwickelt, die produktiver ist als das rationale Verstehen." (Andreas Kriegenburg)

In der Bayerischen Staatsoper München ist seit dieser Spielzeit Klaus Bachler Intendant, der vorher das Wiener Burgtheater leitete. Am 13.11.08 war in der Zeit zu lesen: "Die konservative Klientel fürchtet sich vor seinen Regisseuren und das auf einen Modernitätsschub hoffende Publikum vor seinem cleveren Eventmanagment." Er selber sagte: "Ich möchte die Pragmatik stören, ohne den Betrieb zu stören...Die Regie soll risikofreudiger und gegenwartsbezogener werden."
Die Inszenierung "Wozzeck" von Alban Berg, bei der Andreas Kriegenburg Regie führt und Kent Nagano dirigiert, ist eine Koproduktion mit dem New National Theatre Tokyo. Ein "Kraftwerk der Gefühle", wie Alexander Kluge die Oper nannte, das eindringlich perfekt funktioniert. Die Bühne ein rechteckiger, blendendheller bewegbarer Raum im dunkel-abgründigen, mit Wasserboden versehenen Bühnenraum. Dieser grellleuchtende, weit in den Vordergrund geschobene Zimmerquader läßt das Bühnenbild so dominant erscheinen, dass die Kraft des Orchesters geradezu davon kleingehalten und fragil wird. Und man sich vom Visuellen irritiert bedrängt fühlt. Während man die Handlung der blassgesichtigen, beigegekleideten, fast puppenartig wirkenden Akteure beobachtet. Als der helle Raum weiter im Hintergrund schwebt beginnt man auf einmal das Orchester zunehmend wie eine sich entfaltende magische Macht wahrzunehmen. Bühne von Harald B. Thor und sporadisch auftauchende choreografische Elemente wirken dabei anfangs noch als ein Spiel mit Formen, das eher Beliebigkeit hat, und sind aber ab einem bestimmten Moment zusammen mit dem Orchester exakte Präzisionsarbeit.
Kriegenburg lässt die Handlung in der Zeit der literarischen Vorlage Georg Büchners in den 1820er, 30er Jahren und sagte bei einem Gespräch, das im Programmheft gedruckt zu finden ist."...Es fällt dem Zuschauer, glaube ich, nicht schwer, die Situation der Armut mit ihrer Gewalt, mit ihrem tiefen Eingreifen in die Psychologie der Figuren aus einer anderen Zeit hin in unser Verständnis zu übersetzen. Es ist vielleicht fast einfacher, die Grausamkeit und das gewalttätige Potential, aus einer zeitlichen Distanz emotional wahrzunehmen..." Trotzdem wäre allerdings eine Adaptiom ins Heute mit seinen darin greifenden Methoden und Mechanismen wichtig. Es ist ein allzugrobes Bild, wenn man eine Menschengruppe sich auf einen ihnen vorgeworfenen Fraß stürzen sieht, wie sie das im Wasser der Bühne in dieser Inszenierung tun. Kriegenburg meint weiter, dass heutige medizinische Experimente nicht so gefährlich sind, die Unversehrtheit des Individuums weniger missachten, als das Experiment an Wozzeck. Fragt sich, ob er sich wirklich bewusstgemacht hat, was heutige medizinische Experimente sind und bedeuten. Klargemacht hat er sich aber folgendes: "Man muß die Idee des Handelns in einen größeren Kontext stellen. Wenn man tatsächlich handeln wollte, ginge es ja nicht darum Wozzeck zu helfen, sondern, den Doktor wegen Menschenversuchen einzusperren und den Hauptmann wegen nachgewiesenen Sadismus seines Postens zu entheben."
Hinsichtlich der Komposition wird von Kriegenburg speziell auf zwei Motive hingewiesen: ein verstörendes, erschreckendes und eines des Trostes. Es entstehen dabei extrem zarte und auch geradezu gewaltätige Momente. Kent Nagano lässt im schwerblütig-expressionistisch Atonalen bis hin zu der dazu kontrastierenden volksliedhaften Leichtigkeit der Oper eine surrelistische Kraft entstehen, die auseinanderstrebene Energien und musikalische Sätze und Charakterstücke zu einer vollkommenen, suggestiven Einheit werden lässt. Eine Verbildlichung surrealistischer Sphäre erscheint mit manch seltsamen, vexierbildartigen Spiegelungen im Bühnenbild. Das öfters an Francis Bacon denken lässt und seine Gemälde, in denen er merkwürdige Figuren in geometrischen Raumkonstruktionen zeigt. Diese strenge Bildsprache steht wie im Kontrast zu Naganos poetisch-feiner Art der musikalischen Sprache. Ein geradezu formvollendetes Gegensatzpaar mit Spielraum für berückende Szenen.

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Thursday, January 15, 2009

Patti Smith traf Christoph Schlingensief und Adrian Brendel am 14./15.12.08 im Haus der Kunst in München

Mich interessiert Pop- und Rockmusik nicht mehr. Statt dessen Free Jazz, Improvisation, diverses Experimentelles, Neue Musik. Gelegentlich klassisches, amerikanisches Songwriting. Da allerdings lässt es sich nicht immer ganz vermeiden mit Pop und Rock in Berührung zu kommen. Es traf sich gut: Auch Patti Smith war gerade nicht in der Rockszene zu finden, sondern in München zum Gespräch mit dem Regisseur Christoph Schlingensief und dem Leiter des Haus der Kunst Chris Dercon im Kontext der Ausstellung "Spuren des Geistigen". Dort ist sie derzeit auch als bildende Künstlerin vertreten. Und war im Konzert mit dem Cellisten Adrian Brendel zu erleben.
Es ist eine Weile her, dass ich mir Musik von Patti Smith angehört hatte. Ihre kraftvollen Songs hatten mir in früher Jahren etwas bedeuteten. Sie selber lebte nach den Erfolgen ihrer Anfangsjahre zu Punkzeiten, begonnen mit vom John Cale produzierten Album "Horses", dann eine ganze Weile zurückgezogen. Musste den zu frühen Tod von Freunden wie Robert Mapplethorpe oder Fred Sonic Smith verkraften.
Ihre neueste Veröffentlichung der vergangenen Jahre ist von 2007 das reine Cover-Album "Twelve". Die Auswahl: 1. Are You Experienced? 2. Everybody Wants To Rule The World 3. Helpless 4. Gimme Shelter 5. Within You Without You 6. White Rabbit 7. Changing Of The Guards 8. The Boy In The Bubble 9. Soul Kitchen 10. Smells Like Teen Spirit 11. Midnight Rider 12. Pastime Paradise.

Bei dem Gespräch im Haus der Kunst, dem Rockjargon nahe und nicht komplizierten Intellektualismen, redete sich Patti Smith in Bühnenpräsenz. Sie erzählte vom Sturm, in den sie beim Aufenthalt bei den Bayreuther Festspielen geriet, über die sie für die Zeit berichtete und wo sie Schlingensief, der dort Regie führte, kennenlernte. Plauderte über Banales wie das rote Gitarrenschulterband, das das Berliner Filmfest ihr schenkte genauso wie außergewöhnliche Zwischenfälle schildernd, die sie als besonderes Zeichen sah. Etwa eine Cobra sehen, einen toten Hasen beerdigen. Die Zufälle will und hat sie immer als etwas Spezielles auf ihrer Seite. Und das Schicksal. Und woran sie glaubt ist die Imagination.
Christoph Schlingensief ging in den vergangenen Monaten getreiben von seiner schweren Erkrankung in seine aktuellen Inszenierungen. Sie sind mit "Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir" und "Der Zwischenstand der Dinge" betitelt. Schlingensief sprach von seiner Familie, in der die Eltern die Arbeit des Sohnes nicht verstehen und die Verwandten bigott in die Kirche laufen. Vom Filmen, wenn zu Beginn das Drehbuch weggeworfen und dann improvisiert wurde und Szenen aus Filmklassikern nachgedreht wurden. Und von der von ihm als krank deklarieten Veranstaltung Politik. Als er seine Krebsproblematik erwähnte, thematisierte sich auch Sterben und Gott. Er jedenfalls will noch nicht in den Himmel hochfahren, sondern hält die Arbeit hier und jetzt in dieser Welt für das best Mögliche. Geriet einen Moment in schiere Verzweiflung. Sieht sich im Spirituellen und das als eine Art Geborgenheit. Mit das Schwierigste, was es im Verlauf des Gesprächs zu verstehen gab, war ein nicht allzuschwer verständlicher Begriff wie "Möglichkeit der Selbstkomposition", den Schlingensief ins Gespräch brachte. Der sonst bei jedem Thema über einen ironischen Plauderton wenig hinausging. Obwohl er Dinge sagte wie er vermute bei der neu ausgebrochenen Cholera in Simbabwe handle es sich um Sabotage von Gegnern.
Patti Smith, die sich selber nicht als ironische Person und Künstlerin bezeichnen wollte, wollte auch bei Schlingensief Stilmittel wie Zynismus nicht sehen und diskutieren und zeichnete von ihrem Freund ein Bild wie in ein Kinderbuch: Er sei ein Peter Pan, der nur beschwörend zu suggerieren braucht: It will! Seine Arbeit sei einfach Freude und Freiheit Alles eine einzige Einladung: "Come on in! Come on into the ship!" Uns alles aus Liebe, nicht für Macht und Geld. Auch sie selber sei nur daran interessiert ein guter Mensch zu sein, der sich aber als Künstler in jede extreme menschliche Rolle verwandeln könne. Und sie sagte: "To see with new eyes, that's what an artist needs continuously." Man hätte noch einmal an die uneingeschränkte Kraft der Rockmusik glauben wollen. So das einmal funktioniert hat. Besonders als Patti Smith zum Abschluss noch für einen Song zur akustischen Gitarre griff. Die oft genannte Macht der drei Akkorde und des Wortes. Geradezu zauberhaft wie im Märchen. Doch Märchen beginnen mit: Es war einmal. Patti Smith sah aus einiger Distanz im Scheinwerferlicht aus wie eine Frau, die geradezu angefüllt mit Wärme und Freude lebt. Eine Glücksfee. Die Lichter dazu hatte derweil eine Glaubensgemeinschaft in einer Demonstation vor dem Haus der Kunst angezündet. Gegen Blasphemie in der Ausstellung "Spuren des Geistigen". Eine Menschenansammlung vor einem mitgebrachten Jesus am Kreuz mit Kerzen in der Hand im Chor Lieder vom Notenblatt singend.

Als Smith mit Dercon redend dann nach der Veranstaltung direkt an mir vorbeiging, blickte ich in die Gesichtszüge einer über 60-jährigen Frau mit eher teuflischem Touch. Die erlebten Strapazen und Extreme eines Rockmusikerdaseins sind nicht spurlos an ihr vorübergegangen. Ein Leben, von dem einer wie Alan Bangs im Gespräch mit Claudia Scholl und Michael Laufersweiler in Köln im Juni 2000 folgendes weitergab:"...wir haben durch Zufall gestern nochmal ein Band gesehen aus der Rocknacht, wo Du Patti Smith interviewt hast... Ach, hör' mir auf, die spritzte in der Garderobe, und war überhaupt nicht mehr ansprechbar. Und es kam dazu, das als sie das erste Mal in Deutschland war, 1976, da hab' ich sie in München besucht, und da haben wir uns total gut verstanden.Ich hatte damals auch die Haare in etwa so lang wie jetzt - aber nicht grau, und sah echt komischerweise wie Tom Verlaine aus, und sie hatte vorher eine Affäre mit Tom Verlaine, und irgendwie haben wir uns total gut verstanden.Ich sollte dann ein Interview mit ihr machen, und sie hat gesagt: "Wenn Du nix anderes vorhast, dann bleib' einfach wie wir hier in München. Ich möchte das Du bei den Interviews dabei bist." Ich war dann drei Tage bei Patti Smith. Bei allen Interviews saß ich immer da, egal wer reinkam, egal was für Journalisten, und das war auch genial mitzubekommen, weil egal, wie oft ihr die gleiche Frage gestellt wurde - sie hat jedesmal was anderes geantwortet. Also das war unglaublich, ich hab' sowas noch nie erlebt.Und jeden Morgen fragten mich die anderen Bandmitglieder: "Na, und? Hat's geklappt", und ich "Was jetzt?", ich wußte überhaupt nix davon, es kam erst später raus, wieso, weil ich eben Tom Verlaine so ähnlich sah. Gut, als sie dann in die Rocknacht kam, da hab' ich mir gedacht, ok, wir haben uns damals so gut verstanden. Das war echt für mich auch ne Riesenenttäuschung, das war weil sie auf Heroin war, sie hat mich einfach nicht mehr erkannt.Sie hat einfach nix mitbekommen...(WDR, Rockpalast)" So mag es gewesen sein, wird in der Szene geredet. Patti Smith jedenfalls hat sich immer oben gehalten. Beruflich. Privat.

Beim Konzert "Words 1"am nächsten Abend mit dem im Gegensatz zu ihr studierten und klassisch ausgebildeten Cellisten Adrian Brendel schien sie dann wieder da zu sein, die Magie, die von Patti Smith ausging in früheren Zeiten. Sie deklarierte beschwörend Texte, zog in den Bann der Wirkung von manischen, stimmungsvollen Akkordwiederholungen und Brendel improvisierte dazu Erlesenes auf seinem Cello. An die Bühnenrückwand projizierte Filmsequenzen und Bilder zeigten Smith, in Großaufnahme, Nahaufnahme, Einen Rosenkranz aus der Jeanstasche ziehend, ihr Gesicht, ihre Hände, sich in Zeitlupe bewegend. Zwischen Steinreliefgesichter, Stilleben, Strassenszenen, Schriften, gallopierende Pferde geschnitten. Eines ihrer neuen Lieder kündigte sie mit den Worten an: Der Song mag euch bekannt vorkommen. Aber das ist weil ich nur fünf Akkorde kann. Ihr fehlte es an diesem Abend doch nicht an Ironie. Und auch nicht daran als eine Art Schamanin, als die Dercon sie ansagte, Ausstrahlung zu zeigen und sich als Größe und Autorität in Szene zu setzen. Jedenfalls gelang ihr das vor dieser versammelten In-Crowd. In der man sich nach Möglichkeit Chic und berufliche Position ansehen liess. Man mischte das von mir verhasste überschwenglich-schrille Pfeifen der Rockkonzerte in den Applaus. Und bei den Zugaben waren tatsächlich dann alle Rhythmus klatschend und mitsingend. Man kann kaum etwas mehr erübrigen als eben so eine Version von "Because The Night". Patti Smith selber stolperte über Textprobleme. Und rettete sich und den Spannungsbogen dann durch eine weitere Zugabe: Gandhi. Wünschte Frieden und ging. Was blieb da zu sagen: Eine heile Welt allen. Wenigstens für zwei Stunden. Bei "Words 2" am folgenden Tag in der Allerheiligen-Hofkirche.

www. pattismith.net
www.schlingensief.com
www.hausderkunst.de

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www.skug.at
www.satt.org

Tuesday, January 13, 2009

Peter Broderick
"Home"
(Bella Union/Cooperative Music/Universal)

Weil Peter Broderick Mitglied der Horse Feather ist, einer viel zu wenig beachtete Band mit wunderschönen Folksongs, höre ich mir seine aktuelle Solo-CD "Home" an. Filigrane, feinsinnige, fragile Songgebilde, die weit in die Welt der Folkmusik hineinziehen. Mit lieblichen Melodien und der Qualität von Betonung verspielter, sanfter Akkorde auf der Akustischen.
Eher problematisch ist die Dimension von orgelartigen Sounds und Chorgesängen, die Broderick teilweise ausschweifend integriert. Mehrstimmig, pathetisch. Manchmal an Simon and Garfunkel erinnerend. Feierlich, fast sakral.
In den besten Teilen ist Brodericks Musik perfekt wie ein schönes S/W-Foto von kleinteiligem Mosaik in architektonischen Verstrebungen von Kathedralenfenstern, genau wie Andreas Gurskys C-Print "Kathedrale I" aus dem Jahr 2007. Kunst also. Aber insgesamt ist die CD einfach geeignet für einen kalten Winternachmittag, den man gemütlich zuhause teetrinkend verbringt, während man zum Zeitvertreib amerikanische Design-Blogs durchklickt, die man dann alle bis auf ein oder zwei wieder vergisst. So wirkt die eigentlich sparsam instrumentierte CD stellenweise überproduziert und wie viel bloß hübsches Design. Und bietet nur wirklich echten, tiefergehenden Wert in ein oder zwei besonderen Songs, die sich einprägen können.

veröffentlicht: www.satt.org