Monday, February 23, 2009

Foto: Tina Karolina Stauner, 2009

Eric Bachman und Neko Case, 19.02.09, Orangehouse, München

Eric Bachmann im Fokus

Im Vorprogramm von Neko Case spielte im Orangehouse Eric Bachmann, ehemals Archers Of Loaf und sonst mit aktueller Band Crooked Fingers. Hier solo, einige Songs mit akustischer, einige Songs mit elektrischer Gitarre. Ich mag die Art, wie Bachmann Basssaiten einsetzt in seinem Spiel als eine Art ins Manische ziehende, minimal-music-nahe Ebene, die unter seinen Fingertechniken liegt, aber oft dominiert. Eine Rhythmusschicht, als wolle er Tranceartiges vermitteln, wie man es etwa von Songs der Native Americans kennt. Aber auch: David Mencon hat in dem Magazin »No Depression« bei der Besprechung von Bachmanns Album von 2006 »To The Races« nicht von ungefähr darauf verwiesen, dass das der Intensität eines Nick Drake nahe kommt. Als absolut souveräner Gitarrist, Sänger, Songschreiber, gibt sich Bachmann relaxt, wechselt zwischen drei klasse Gitarren und diversen exzellenten Songs, bleibt dabei jedoch zurückhaltender, als ich es erwartet hatte. Zwar zeigt er, dass er genug Persönlichkeit besitzt alleine auf der Bühne zu überzeugen, doch er ist ein Charakter für eine sehr viel stärkere Bühnenshow als nur nett Neko Case zu supporten. Seinen ganzen Wert bietet er bei dem kleinen Set nicht. Es wäre schön live mehr von ihm zu hören. Neko Case verdirbt mir dann sofort mit ihrem Gute-Laune-Americana die Stimmung. Wozu war das substanzielle Songwriting der 90er Jahre und davor gut, wenn wir jetzt diesen ganzen Mainstream-Americana haben? Eric Bachmann sitzt nun an einem Tisch mit seinen CDs und als wir uns einmal ansehen funkelt mich grün seine Brille im farbigen Licht an. Neko Case und ihre Band und die versammelte Szene beobachte ich zunehmend gelangweilt. Und will über Case im Grunde gar nichts weiter schreiben. Sie switchte von einem leichten und hübschen Song zum andern, doch mich interessiert so ein Easy Listening- Americana nicht.

www.ericbachmann.com

veröffentlicht: www.skug.at

Sunday, February 22, 2009

Kent Nagano dirigierte am 18.02.09 in der Bayerischen Staatsoper die »Elektra« von Richard Strauss unter zu kritisierenden Vorraussetzungen, einer Wernicke-Inszenierung von 1997

"Wo bleibt Elektra? Ist doch ihre Stunde..." (Hugo von Hofmannsthal)

Das war nicht die »Elektra« wie ich sie will. Sondern ein visuelles Machwerk des 2002 verstorbenen Herbert Wernicke aus dem Jahr 1997 in Wiederaufführung. Suprematistisches Formenspiel ohne echte Mitteilkraft. Konventioneller Kostümball. Dass es anders geht, treffend zeitgemäß, haben andere gezeigt. Kent Nagano versuchte das schwerfällig-theatralische Spiel, von Wernicke gewollt psychologisch dargestellte Figuren, zum Leben zu erwecken. Was er unter dem Einfluss und angesichts der Vorgaben von Regie und Bühnenbild nur schwerlich tun konnte. Eine von Wernicke beabsichtigte Archaik, die nicht bewegte und erschauern ließ, wie intendiert, sondern sich als beinahe hohl pathetische Ästhetik zeigte. Beim Agamemnon-Motiv, die vage Hoffnung, es möge Nagano vollständig gelingen, dem Stück Leben zu geben. Beim späteren Motiv des Orest erst scheint Nagano die Feinheiten und Möglichkeiten aufzugreifen, die die Partitur in sich birgt, und zu beginnen so zu nuancieren und zu interpretieren, dass es wirklich Relevanz bekommt. Man ahnt, wie Nagano diese Partitur im Grunde dirigieren könnte. Nach dem Mittelteil der Oper zwischen den erwähnten beiden Motiven mit immer wieder Tendenzen zu überbetonter Heimatseeligkeit einerseits und oft bloß andeutungsweise und wie merkwürdig blockiert und erratisch die Kraft, die das ins Atonalen greifende in sich trägt, andererseits, das Richard Strauss damals in dieser Oper auftauchen lässt. Musikalische Teile, von Nagono wohl beabsichtigt, wie zerlegt. Er ließ dabei zwar eine kraftvolle Dynamik zu, die aber nirgends hinzuführen schien oder überallhin, die sich um sich selber drehte und wirkte, als ob sie niemanden ganz zu erreichen beabsichtigte. Dirigierte dann nach dem Hinzukommen des Orest aber auf einmal so, dass direkte Anziehungskraft entstand. Und einfach einpeitschen lässt sich Leben nun mal nicht. Da erinnere ich an den Gedanken Naganos, ein Werk brauche Perspektive, wie er gegenüber dem BR kürzlich im Interview mit Dorothea Hußlein erwähnte. Ja, die»Elektra« von Richard Strauss muß man mit Perspektive dirigieren, ob Elektra nun am Ende tanzt oder nicht.
Im Programmheft zur Aufführung Lyrik von Trakl lesend, denke ich an eine »Elektra«, in der sich so etwas wie Roheit, Rauheit, Ungeschliffenheit als eine Kraft aus der Vergangenheit Raum schaffen kann. »...Ein wildes Tier fraß des Liebenden Herz / Ein feuriger Engel / Stürzt mit zerbrochener Brust auf steinigen Acker...« (»Nächtliche Klage«, 2. Fassung, Georg Trakl). Ich stelle mir eine Neuinszenierung vor: Realismus die Bühne. Kent Nagano am Dirigierpult und natürlich, wie von manchem von uns geschätzt, Werkperspektive.

www.kentnagano.com
www.bayerische.staatsoper.de

veröffentlicht: www.skug.at

Saturday, February 21, 2009


James Blood Ulmer, Black Rock Trio, Nightclub Bayerischer Hof, München, 28.01.09
Foto: Tina Karolina Stauner

Friday, February 20, 2009

SIX - Mehrbödige poetische freie Improvisation

Es gibt noch keine CD von SIX, deshalb von mir vorerst ein Rückblick auf ein Konzert vom 13.11.08 in der t-u-b-e in München. Dieser Live-Set war der beste Programmpunkt einer Konzertreihe, die Ende des Jahres von Offene Ohren präsentiert wurde.
SIX, bestehend aus Jacques Demierre (Klavier), Dorothea Schürch (Stimme und Singende Säge),Urs Leimgruber (Saxofon), Charlotte Hug (Viola), Anne Gillot (Klarinette, Flöten),Thomas Lehn (Analog Synthesizer), eine seit Frühjahr 2007 existierende Formation von Leimgruber, hat in den kommenden Monaten weitere live-Termine in der Schweiz und in Österreich. Man wird in spezieller Sache freier Improvisation unterwegs sein. Und darf darauf gespannt sein.

Hier der erster Konzerteindruck: Wie von Streich-, Blas- und Tasteninstrument zu Beginn erst einmal ein paar spärliche, seltsame Töne und Laute zu vernehmen waren, das ließ an Möwenschreie am Meer denken. Ein Gefühl von Weite stellte sich ein in diesem engen, weißgetünchten Kellerraum. Zusammen mit hinzukommendem analogen Syntesizer und der Singenden Säge entstand darauf folgend ein poetischer Raum, in dem die Stimme geradezu wie Schamanengesang eingesetzt wurde. Geopoesie von Kenneth White, die an Orten in der Bretagne entstand, könnte genau in diesem Klangraum ihren Platz haben. Doch diese Bilder verflogen wieder. Die sechs Musiker schufen dann einen abstrakten akustschen Raum, der die Anfangsstimmung wieder vertrieb, der nicht nach Visualisierung verlangte, sondern mit Energielevels spielte. In denen sie einmal zusammengeballt drohende böse Kraft wirken ließen, dann wieder das Gefühl von Zuflucht in sicherem klassischen Repertoir fanden und gaben, sich oft aber wie riskant nach absolut neuen Klängen herumsuchend und -tastend anhörten, oder auch sich fahrig und nervös auf echte Aversionen einzulassen schienen. So entstanden mehrere Spannungsbögen in dem Set, der schließlich wie ruhiges Atmen ausklang. Oder wie Atem der dann stillsteht? Die fasziniernd musik-poetische, mehrbödige Welt von SIX verweist auch darauf, dass überall auch Abgründe sind.

veröffentlicht: www.skug.at