Sunday, June 06, 2010

Internationale Biennale für neues Musiktheater in München - Faszinosum Oper im Kreuzfeuer

"Es ist Mittag. Schwerer Glanz auf allem." (Rilke)
- Zweite Moderne? Kunst als Weltverbesserung?

Münchener Biennale - Beobachtungen: vier Opern-Uraufführungen - “Maldoror”, “Die weiße Fürstin”, “Die Quelle”, “Amazonas” (Prinzregententheater, Carl-Orff-Saal Gasteig, Reithalle), drei Konzerte - Francesco Filidei/Gérard Pesson/Luciano Berio/Luigi Dallapiccola und Anton Webern/Helmut Lachenmann/Raphael Cendo/Yang Lin sowie Christoph Reiserer (Herkulessaal, Villa Stuck), zwei Wochen (im April/Mai 2010), ein Symposium (Akademie der Schönen Künste).

“Maldoror”
Spinnennetz der Macht der Worte - “Schreie, die man in der Stille sternenloser Nächte hört” (Ducasse)

Eine annähernd perfekte Inszenierung wird unter der Regie von Georges Delnon und Joachim Rathke mit “Maldoror”, einem Stück nach "Chants de Maldoror" von Isidore Ducasse, auch Compte de Lautréamont genannt, gezeigt. Symbolismen und “schwarze Romantik” des Bösen dieser literarischen "Apokalypse" von 1874 transformiert ins Heutige, dem Bösen dieser Zeit, im Libretto von Thomas Fiedler. Machtkampf, Machtmissbrauch, jemand kommt um -
inzwischen hat die Menschheit in Theorie und Praxis des Grauens gewaltige Fortschritte gemacht, sagt das Programmheft (in kritischer Manier, versteht sich von selbst). Das Klischee des Bösen in Person wird bei der Umsetzung auf die Bühne nicht überstrapaziert. Überbetont die Ergänzung Schrift, als Gestaltungsmittel bis zu raumübergreifend großformatig und ständig in Bewegung auf Videoprojektionsleinwänden ins Bühnenbild von Roland Aeschlimann mit einbezogen. Wie als ein entscheidender Hinweis: Schrift oft stärker präsent als die Figuren im Szenischen. Was ist das Böse: Oft auch nur ein Wort. Ein Satz. Nicht immer offensichtlich. Nicht immer verifizierbar auf den ersten Blick. Und im Leben und in den Medien ist es leider präsent, in allen Zeitungen unglücklicherweise zu sehen. (Kann eine Oper etwas zum Besseren ändern? Zumindest stellt sie den Versuch dar, wie jede anspruchsvolle Kunst und Kultur, die von uns Journalisten und Künstlern in der Kulturszene weitergegeben wird.)
Die Szenen spielen in einer halbrunden, metallverstrebten Gitterform im Bühnenraum, einem Teil einer überdimensionalen Lauftrommel gleichend. In der die Protagonisten aber auch wie in einem riesigen Spinnennetz gefangen wirken innerhalb der permanent laufenden Wortfilme bis in Großaufnahme. Inszeniert ist ein ständiges Übereinandergehen, Aneinandergreifen, Ineinanderspiegeln von Flächen, Ebenen, Schichten, Schriften, Szenen.
Die Komposition von Philipp Maintz ist dabei wie ein Kraftfeld in merkwürdigem Zusammenspiel von kühler Eleganz und Kontolliertheit und extremen Emotionen, hochdifferenziert von zart bis gewalttätig. Mit vor allem überzeugend-eindringlichen stimmlichen Sphären zur Musik interpretiert von Dirigent Marcus R. Bosch mit dem Sinfonieorchesters Aachen. (Anmerkung für geistig minderbemittelte Leser: Dies ist eine Kritik einer sozialkritischen Oper.)




“Die weiße Fürstin”
Fein gestylte Coolness - “Hack mir die Hände ins Herz” (Rilke)

Entblößend grell in Langzeiteinstellung das Scheinwerferlicht auf dem Ambiente mit Flair von Runway, Styling, Luxusliner, Deckchairs, designtem Stillife von Christian Wiehles Ausstattung von “Die weiße Fürstin“. Ein bißchen Champagner in gezierter Pose hier, etwas gespreiztes Plantschen im durchsichtigen Pool dort. Schwarze Desous unter weißen Spitzenkleidchen. Und in Overalls hinauf in einen riesigen Plexiglasschaukasten wie als ein Quarantäneraum inmitten allem gegen eine offenbar drohende Katastrophe. Handlung: Die Fürstin in Gesellschaft auf ihren Geliebten wartend. Komplett alles so steril wie chic. Andrea Moses führt Regie bei dem von Márton Illés nach Rainer Maria Rilkes dramatischem Gedicht von 1898 komponierten und getexteten Stück. Die Musik, als Scene polydimensionali bezeichnet, dabei manchmal zum Zerreißen gespannt, dann wieder wie entnervt, aber auch leise, filigran und verschwindend hintergründig. Das kleine Orchester aus Mitgliedern des Philharmonischen Orchesters Kiel unter Leitung von Georg Fritzsch mit in die Bühne integriert. Manche Sänger in uneindeutigen Rollen.
Eine anstrengende Stimmung herrscht wie in der Schwebe am Rande eines Vakuums. Ich bin mehr mental angesprochen, emotional oft wie ausgesperrt. Der Methode der polydimensionalen Auffächerung spielt auch mit dem Bewußtsein und Empfinden von Distanz. Und wechselt das schonungslos helle und kalte Licht doch zu warmen, gedämpfteren Farben gelingt es mir erst entspannend verstärkt der Feinheiten der Orchestermusik gewahr zu werden wie gegen das Dominierende des Visuellen.
Die Inszenierung kann man, wenn man das will, als gesellschaftskritisch betrachten. Aber nur: kann. Am Spiel entweder mit dabei auf dem Laufsteg oder untergehen. Illés Komposition hinterlässt dabei nicht sofort nachhaltigen Eindruck. Selber wie in Gefahr unterzugehen. Dabei aber wie nach einer weiteren Möglichkeit fragend. Weniger effekthascherisch denn konträr zu oberflächlicher Wirkung.

“Die Quelle”
Verspielte Leichtigkeit - “I’m eight years old. I want to run off - run to a place that none of you can find.” (Xue)

Ich stelle mir den sich nach hinten verengenden Raum ohne die schräg kubistisch verschachtelten Wandteile, ohne die breiten Spalten und Ritzen vor. Die übergroßen Figuren und Fantasiegestalten in einem tiefen, klaren, einfachen Raum. Die von Gwendolyn Jenkins kreierten Wesen könnten so noch intensiver wirken als in David Schnells Bühnenentwurf. In einem absurd scheinenden Theater, bei dem die Handlung von Andreas Bodes Regie, in der es um die Existenz einer kunstinteressierten Frau und mehrere spirituelle Ebenen und Beziehungen geht, eine untergeordnete Rolle spielt. Statt dessen, ergänzt die Hintergrundinformation, sollen sich Fragen stellen nach den Bewegungen des Denkens und der Empfindungen, dem Verfließen von Gegenwart und Vergangenheit, von Außen- und Innenwelt, von Erlebtem, Erinnertem, Geträumtem, von Mythen und Märchen.
In mir formt sich der Gedanke: Einmal wieder spielen nur um des Spielens Willen wie Kinder sollte man. Und nicht kritisierend eingreifen in diese verrätselte Welt. Könnte das zerplatzen wie eine Seifenblase? Ein fantastischer Kosmos auf einer Erzählung basierend von Can Xue, einer zurückgezogen, in völliger Subjektivität schreibenden Dichterin, die eine Zusammenarbeit mit anderen Künstlern eigentlich nie erwog.
Die Komponistin Lin Wang verweist hinsichtlich ihrer Arbeit auf die Moderne, wonach Musik gleichermaßen aus Geräuschen wie Tongebilden bestehen kann. Was natürlich längst niemandem mehr fremd ist. Und hier verspielte Leichtigkeit und Naivität mit einbezogen, vom Münchener Kammerorchester unter Dirigat von Alexander Liebreich, umgesetzt wird. Europäische Hörer anziehend durch den besonderen Einsatz der traditionell chinesischen Instrumente Sheng, Mundorgel, und Zheng, Zither.

“Amazonas”
Xapiri-Stimmen und Xawara-Gefahr - “Der Wald lebt. Er kann nur sterben, wenn ihn die Weißen weiter starrsinnig zerstören.”

Die Multimedia-Oper “Amazonas” mit drei in Libretto, Bühne und Musik völlig unterschiedlichen Teilen und in einem Zusammentreffen von Wissenschaft, Medienkunst, Installation und Musiktheater ist entstanden in 5-jähriger Entwicklungszeit aus Elementen, Bausteinen. Das Ganze auch Laboratorium genannt, bei dem man sich nicht dem tradierten Bühnenraum unterwirft. Die Problematik, die dieses multiperspektivische Musiktheater anschneidet, bezeichnet Peter Sloterdijk, der beim kurzen Symposium dabei ist, als “amazonischer Schmerz”. Theoretisches zur Thematik innerhalb des transkulturellen Dialogs klingt pathetisch, prätentiös einerseits, aber auch sachlich, informativ andrerseits. So wie man von künstlerischer Freiheit und Unabhängigkeit spricht, spricht man auch davon, dass die Erhaltung des Lebensraums Amazonas eine politische Frage ist.
Für den Besucher bieten sich mehrere Herangehensweisen und Blickwinkel. Ich finde mich sofort stark im Visuellen zur Musik und lasse das Level der Textrezeption nebenbei variieren. Im Programmheft läßt sich später nochmal nachlesen.. Das gesamte Projekt mit seiner umfangreichen Aufführungsdauer und diversen eingesetzten Mitteln und Formen, lässt im Grunde offen, wie man mit ihm umgehen will. Präsentiert sich poetisch, realistisch, technoid, auch surreal. Und fragmentarisch, disparat. diskursiv. Bietet den europäischen, indigenen und globalen Blick. Spannt den kommunikativen und inszenatorischen Bogen inhaltlich und formal von der Ur-Kultur “primitiver” Ureinwohner Brasiliens, Yanomami ohne Besitzdenken, und deren Schamanen bis hin zur westlichen Metropolenzivilisation mit technowissenschaftlicher Kultur und eben auch dieser ungemein aufwendigen, teuren Opernproduktion. Gesamtkonzipiert hauptsächlich von Peter Weibel, ZKM Karlsruhe, Peter Ruzicka, Biennale München, Laymert Garcia dos Santos, brasilianischer Sozologe, und Davi Kopenawa, Yanomami-Schamane.

“Tilt”: In dem Metal- und Hardcore-Noise verwandten Set im Anfangsteil von Klaus Schedl wirken Klangmauern, Klangböden aus ”akustischen Materialblöcken”, aus digitalen Klangdateien entstanden. Erinnerungen an das schwerlastige der Band This Heat vergangener Jahrzehnte drängen sich mir auf. Ähnlich Energetisches erreicht auch dieses Stück, aufgeführt von piano possibile geleitet von Heinz Friedl. Nichts wirklich Neues, aber vergleichsweise Substanzielles. Das sich erfreulicherweise weiter Raum verschafft. Zu Textfragmenten von Roland Quitt nach Sir Walter Raleighs Expeditionsbericht aus dem Jahr 1596. Bei dem es um europäische Eroberung, Macht, Besitzergreifung, Landnahme, Zerstörung im Orinoko-Beckens geht. Dabei werden die drei Porträts der Protagonisten nebeneinander überdimensional auf Videoleinwände projiziert. Die Regiearbeit von Michael Scheidl also mit Fokus auf Gesichtszügen, Mimik. Gestik. Nora Scheidls Bühne betont das Fehlen von Requisiten und Dekorativem.
In der Programmhefttheorie der Hinweis: “Weil “Tilt” ein Stück über eine Vergewaltigung ist, gibt es zwei Männer und eine Frau.“ Die Stärke dieses Inszenierungsteils ist das kompromisslos Schnörkellose. Die Härte gegen die Brutalität.



“A Queda do Céu - Der Einsturz des Himmels”: In einem dunklen, nebeligen Labyrinth aus Stoffbahnen und Lichtmustern, designt von Nora Scheidl, haben im Mittelteil Performer und Zuschauer einen gemeinsames Interaktionsfeld in Inszenierung von Michael Scheidl. Will ich erst nur von außen beobachten, zieht es mich dann doch in dieser visuell-akustischen Hülle zu wechselnden Standpunkten. Die Performance beginnt mit Poesie, für die Roland Quitt verantwortlich ist und die sich auf die Mythen und die sogenannte “Stunde der Fledermäuse” der Yanomami bezieht, die während man diese zu ergründen versucht in Musik von Tato Taborda mündet und in organisiertes Chaos und Zerstörungsphantasien: Orchestermusik, die sowohl von fixierten, herkömmlichen Klangquellen des Ensemble Moderno de Lisboa unter Führung von Heinz Friedl stammt als auch von beweglichen, seltsamen Klangkästen. Raummusik aus Tönen, Geräuschen und Stimmen für begehbare Installation. Der Besucher kann sich versetzen in einen Wald bevölkert mit Geistern und Stimmen: Xapiri-Geister, die, die auf Spiegeln spielen. Und Xawara, überall als Monster des weißen Infekts. Inmitten dessen gefällt Phil Minton einmal wieder in einem Part.



“Amazonaskonferenz - In Erwartung der Tauglichkeit einer rationalen Methode zur Lösung des Klimaproblems”: Als absolute Hightech-Multimedia-Show zeigt sich dieser von Peter Weibel stammende letze Teil der Oper. Wie ein grell-modernes Mosaik aus Farb- und Tonfeldern. Würfel- und schachbrettartige Treppenstufen, einige Chorsänger darauf, alles leuchtend in wechselnden Mustern, welches beispielsweise das Algorithmus-Regelsysthem des “Game Of Life” von John Conway für Musik und Projektion vorgibt. Bis zum Schluss alles in Entropie driftet. Mediales Bühnenbild mit Hilfe digitaler Projektionstechnik changierend in Clustern Oder auch ganzen Filmen darübergelegt, geschaffen von Bernd Lintermann. Ergänzend zur von Schauspielern durchgeführten Klimakonferenz und deren gesprochenen, geschriebenen und bebilderten Reden und Fakten. Zusehend sitz man in einem 24-kanaligen Klangdom mit dem Konzept einer räumlichen Choreografie der Töne um den Zuhörer herum, gestaltet von Ludger Brümmer. Man erhält gleichzeitig herkömmlich Parolenhaftes und abgehoben Futuristisches. Liest sich hallenwandgroß wie folgt: "Zwei Jahrhunderte Kapitalismus haben den Reichtum von Millionen Jahren zerstört."



Diese Oper reißt den echten Bezug zum Amazonasthema auf, vielleicht gerade weil sie eine nicht in sich geschlossene, uneinheitliche Form ist.

Biennalemotto "Der Blick des Anderen" - Politische Musik?

Die, die nur zu Events der Neuen Musik gehen, weil man da eben auch hingeht, waren beim dramaturgisch spannenden Konzertprogramm der Biennale München gar nicht erst da. Möglicherweise hörten dort jene zu, optimistisch gedacht, die die Materie tatsächlich inhaltlich rezipierten und reflektierten. Das Stichwort “politische Musik” wurde gegeben. Hervorzuheben neben Uraufführungen ist in deutscher Erstaufführung “Charge” (2009) von Raphael Cendo gespielt vom Münchner Rundfunkorchester mit Dirigent Ulf Schirmer und “Macchina per scoppiare Pagliacci” (2005) von Francesco Filidei vom ORF Radio-Symphonieorchester Wien mit Dirigent Stefan Asbury.

Bei den Opern aber wohl auch einfach schaulustige Besucher unter elitistischen Insidern. Und das Andere doch eher wenig Spielraum einnehmend als grenzgängerisch Exzentrisches, queer Introvertiertes oder vereinzelt Jutetaschenalternatives im Publikum.
Neues Musiktheater allerdings generell in Frage zu stellen, wie auch journalistisch in den Medien des öfteren, führt so wenig weiter wie andererseits wiederum doch manche Inszenierung. Bleibt aber: Keine andere Kunstform könnte die Dimension des Gesamtkunstwerks Oper ersetzen.

Die Biennale München ist ein einst von Hans Werner Henze gegründetes internationales Festival und Forum für zeitgenössisches Musiktheater. Internationalität als "eine Frage der geistigen Substanz und der ästhetischen Maßstäbe" und zunehmenden "Vernetzung der Welt in Höchstgeschwindigkeit", so Peter Ruzicka, künstlerischer Leiter der Biennale. “Die aktuelle Moderne fordert ein Leben in zwei Geschwindigkeiten. Kulturen lassen sich nicht im Eilverfahren verschmelzen.”

Sounddesign - “some work”

Abschließend gibt es in der Villa Stuck eine Performance nach Christoph Reiserers Konzept “some work“. Vier improvisierende Musiker bauen während ihres Konzerts lapidar-ironisch Technik und Instrumente zu einer Klanginstallation im ganzen Raum um, die schließlich alleine funktioniert.
Noch werden Musiker bei Bühnenshows eher selten vollkommen fehlen und substituiert durch ausschließlich Technik, Instrumente, Maschinen, Programme und Sounddesign.

(Fotos: "Maldoror" © Regine Körner, "Amazonas" © Tina Karolina Stauner)
www.muenchener-biennale.de

veröffentlicht: http://www.textem.de