Saturday, December 29, 2007


Toshinori Kondo
»Silent Melodies«
stilll/off/broken silence

Der Tokioter Avant-Jazz-Trompeter Toshinori Kondo, sonst in Zusammenarbeit u.a. mit Größen der New Yorker Downtown-Szene, hat die Solo-CD »Silent Melodies« veröffentlicht: nur elektrische Trompete und Effekte ohne jegliche Overdubs. Er öffnet einen seltsamen, dunklen Klangraum. Melodiegebilde beginnen sich darin auszubreiten wie erratische Objekte in einer Parallelwelt zur Wirklichkeit. Eine spirituelle Sphäre entsteht, die nichts mit flacher Esoterik zu tun hat. Manche Stücke werden zum Meditationsraum. Und es kann sich auch ein diffuser Negativraum spiegeln. Manchmal sind in Hall fragmentarisch gebrochen Themen zu erahnen, die für Momente an Jazzklassiker erinnern. Und echoartig blenden sich Rhythmusebenen ein wie Sterotypien. Kondos Trompetenimprovisationen in einem extremen Spektrum von fragilen bis kraftvollen, oft verfremdeten, verzerrten, manirierten Tonfolgen führen zu einer Spannung eigenartiger, schwer benennbarer Dimension zwischen archaischen Tiefen und Zukunftsvisionärem. Die Klangfacetten seines Trompetentons blitzen aus Düsterem und sind merkwürdig meditativ und wie ein Statement gegen jede oberflächliche Eloquenz.

www.skug.at
(SKUG 73 (print), 1-3/08)
Richard Thompson
"Sweet Warrior"
Proper Records/Rough Trade

Richard Thompson gehört zu den Musikern, die Maßstäbe gesetzt haben für das, was Substanz im Songwriting bedeutet. Er begann mit Fairport Convention, veröffentlichte dann mit seiner Frau Linda zusammen und danach Soloalben auf kontinuierlich hohem Niveau. Dieses Jahr erschien »Sweet Warrior«, Songs die von Verlust und Verrat erzählen. Wir befinden uns an persönlichen und öffentlichen Kriegsfronten...Der Opener, das griffige »Needle And Thread«, gibt Anhaltspunkt dafür von welch desolatem Seelenzustand man ausgehen kann: »...I'll thread up my needle and then/Gonna sew my soul back together again...«. Doch dann folgt gleich der tighte Up-Tempo-Kick »I'll Never Give It Up«. Und im kraftvollen, provokativen »Dad's Gonna Kill Me« über die Situation eines jungen Soldaten in Bagdad, das als Dad bezeichnet wird, gibt Thompson ein politisches Statement. Eins der einprägsamsten Stücke ist in saxophon-akzentuiertem Ska-Rythmus »Francesca«. Ein Paradoxon, denn zu einer wunderschönen Melodie, regelrecht Synonym für Lebensfreude pur, gibt es eine abgrundtieftraurige Geschichte über Rufmord. Mit emotionaler Klarheit gelingt es auch jeder der Balladen dieses Albums im Innersten zu berühren.
Insbesondere Fiddle, Mandoline, Hurdy Gurdy und Harmoniegesang auf »Sweet Warrior« sind sehr der Folkrocktradition verbunden und fast wie musikalische Zitate wirken manche reinen Folkeinschübe in dem insgesamt aber oft dem straighten Rock nahen, höchst energiegeladenen Album. Thompson hat das Gespür für den perfekten Song, er hat das besondere Timbre in der Stimme und seine E-Gitarre ist Präzisionsarbeit über dem warmen Acoustic Bass von Danny Thompson. Dazu schnörkellos exakte Rockdrums von Michael Jerome. Stellt sich allerdings die Frage warum eine Spur zugänglicher produziert wurde als man es von Thompson gewohnt ist und als es der Härte der Aussagen und des Zynismus näher sein könnte. Sieht man Thompson doch abgebildet auf der Cover-Rückseite eine Gitarre haltend wie ein Gewehr im Anschlag.

www.richardthompson-music.com

www.skug.at
(SKUG 73 (print), 1-3/08)

Sunday, November 18, 2007

"...Ich glaube, das was uns allen Sorgen macht, das ist das Ende des Pop..." (aus "Lager ohne Grenzen. Europäische Benefizveranstaltung gegen den Krieg" von Christoph Schlingensief, Hörspiel WDR, 1999)

17.11.07 - "Stifters Dinge", Heiner Goebbels, Muffathalle München


Die neue Heiner Goebbels-Bühnenproduktion spiegelt das wider, was ich für einige Zeit hauptsächlich tat: mich (aus diversen Gründen) nicht unter Leuten der Kulturszene aufhalten. In dem Projekt "Stifters Dinge" fehlt der Musiker und der Schauspieler. Auf menschenleerer Bühne bieten Klaviere, Objekte und Maschinen, die von einer Software gesteuert werden, im Kontext des Bühnenbildes ein Eigenleben und ein Konzert...bei dem u.a. ein Stiftertext gelesen wird: "...Das Rauschen, welches wir früher in den Lüften gehört hatten, war uns jetzt bekannt; es war nicht in den Lüften, jetzt war es bei uns. In der ganzen Tiefe des Waldes herrschte es ununterbrochen fort, und entstand, wie die Äste und Zweige krachten und zur Erde fielen. Es war um so fürchterlicher, da alles Andere unbeweglich stand … Wir harreten, und schauten hin, ich weiß nicht, war es Bewunderung oder Furcht, in das Ding hinein zu fahren..." (Adalbert Stifter, "Die Mappe meines Urgroßvater")
Meine eigene Arbeit in Text und Bild der vergangenen Monate ist noch nicht online, veröffentlicht oder ausgestellt.
(Foto: Berliner Festspiele)
www.heinergoebbels.com

Saturday, September 22, 2007

Gob Iron "Death Songs For The Living", 2006

Irritierend auf einmal von der CD "Death Songs For The Living" von Gob Iron so sehr an die Zeit erinnert zu werden in der ich besonders Folk und Folkrock hörte. Die Tage vor mehr als 15 Jahren als ich nach den frühen Aufnahmen von Bruce Cockburn oder Murray McLaughlan suchte. Damals war damit selbstverständlich ganz klar eine Lebenshaltung und politische Einstellung verbunden, bei jedem, der sich mit dieser Musikrichtung befaßte. Das war noch bevor die Worte political correctness zum Begriff und auch zur Floskel wurden und dann wieder aus den Medien verschwanden.
Es geht Gob Iron, einem Song-Interpretationen-Projekt, mit dem Jay Farrar (Son Volt) und Anders Parker (Varnaline) Originalen nachspüren, um den Stellenwert von Tradition, ernsthaften Aussagen und erstklassigem musikalischen Handwerk und darum dies weiter oder wieder ins Bewußtsein zu bringen. Deshalb eine wichtige CD.

Friday, September 21, 2007

Kontraste »Seltsame Musik«
05. - 13.10.2007 Klangraum Krems Minoritenkirche

Absolut jenseits des Mainstream bietet das 5. Kontraste mit »Seltsame Musik« ein extremes Musikspektrum. Performance, Klangkunst, interdisziplinäre und auch raumbezogene Projekte von Musikern, Instrumentenbauern, Klangerfindern in der speziellen Atmosphäre der Minoritenkirche. Einige Programmpunkte: Unter dem Motto »Odd Orchestras« spielt das Ensemble Extended Heritage Stangl-Castelló-Kompostionen für Saxophon (John Butcher) und Quiet Players. Sie lassen uns wissen: »Wir lassen in erhabener Ereignislosigkeit eine sorgfältige Unordnung walten...«. Weiter aufgeführt werden Improvisationen polyphoner Bläsermusik vom Franz Hautzinger Trumpetorchestra. Hautzinger über seine Musik: »Ich spiele zwar Trompete, aber meine Arbeits-, Denkweise und Haltung ist in Struktur, Klang und Frequenz elektronisch.« Der Höhepunkt des Abends »Magnetic Ladies« ist Diamanda Galás. Ihr Konzert mit dem Titel »Guilty, Guilty, Guilty« sind Liebes- und Todeslieder. Galás spricht von explodierenden Grenzen, der sophisticated Waffe Stimme und rohen Emotionen über das Programm aus eigenen Songs und Interpretationen. Im folgenden Teil »Strange Instruments« stellen Hans Reichel & Kazuhisa Uchihashi die Daxophone vor, selbstgebaute Streichinstrumente, die ähnlich wie eine singenden Säge klingen. Pierre Bastien leitet dann ein futuristisch-dadaistisch anmutendes »Mechanikum« aus hybriden toyrobots. Die Musiker sind arrangierte Maschinen in einem kuriosen Orchester aus Teilen von Metallbaukästen. Ein Tohuwabohu, das wie melancholische, surreale, meditative Minimalmusik klingt. Schließlich »Trash 'n Pop«. Mit Bob Rutman und dem irritierenden Sound der großen Instrumentenskulpturen des Steel Cello Ensemble. Den Fluxus-Performerinnen Nista Nije Nista, die in freier Improvisation, Noise, simplen Songs und ironischen Sprachspielen der Aussage nachgehen: »Nichts ist nicht Nichts.« Zum Abschluß die Beat-Legende The Monks. Die »Anti-Beatles« mit absurden Statements zu primitiven Rhythmen sind Kult.
www.klangraum.at
(SKUG 72 (print), 10-12/07)

(Auftragsübersetzung aus dem Englischen für skug)


music unlimited #21
9.–11.11.2007 Alter Schl8hof Wels

Dieses Jahr wird »music unlimited« in Wels von Carla Kihlstedt kuratiert. Die klassisch geschulte Violinistin und Vocalistin bewegt sich mit ihrer Arbeit in einem Spannungs- und Kommunikationsfeld traditioneller und experimenteller Klänge von Folk, Jazz, freier Improvistion, zeitgenössischer Kammermusik, Metal-Versatz, amerikanischer Rootsmusik und diverser Weltmusik. Bei dem mit »Songs For Hands & Mouths« betitelten Avantgarde-Festival ist sie mit Ben Goldberg Quintet, das Hard Bop, Free Jazz und Neue Musik kombiniert, mit der Avant-Rockband Sleepytime Gorilla Museum und mit ihrer Aufführung
»Sympathy and Difference« zu erleben. Kihlstedt und die von ihr eingeladenen Musiker loten die Differenziertheit von Komposition und die Augenblicksidentität von Improvisation bis über Grenzen und auch deren Überschneidungen aus. In Crossovers, die nach einer Befreiung von einfacher Spartenzuordnung verlangen. Eine Erschließung neuer Klangäume, über die Carla Bozulich, die »Evangelista« präsentiert, schreibt: »...Sogar wenn du an nichts glaubst. Gut oder böse, es gibt nichts mit leerem Raum vergleichbares. Sogar in diesem Hohlraum ist Sound. Du wirst es hören...« Weiter dabei u.a. das bizarre Rockabilly-Bossa -Folkpunk Trio Bolivar Zoar, neo-psych-folk Songtelling von Faun Fables, die chinesische Guzheng-Spielerin Wu Fei, tribal Rhythms bis komplexe Soundstrukturen von Larry Ochs Sax & Drumming Core & Guests, die Secret Chiefs 3 und ihr Genre-Medley mit Anklängen an die Musik des Mittleren Ostens und Free Hardcore-Jazz von Ron Anderson & the Molecules. Im Spektrum von Free Jazz, Electronics, Postmoderne und neuer Improvisation die Formationen John Butcher & Gino Robair, Kurzmann/Tilbury/Dafeldecker/Wishart genannt Violet Quartet und Ellery Eskelin & Andrea Parkins & Jim Black. Und sogenannte Neue Musik von Lisa Bielawa und Marina Rosenfeld. Plus DJing und Sound-Installation.
www.musicunlimited.at
(SKUG 72 (print), 10-12/07)

(Auftragsübersetzung aus dem Englischen für skug)

www.skug.at

Saturday, August 25, 2007


Hofgarten München
Detail Dianatempel, der von Heinrich Schön im Jahr 1615 angelegt wurde.
Foto: Tina Karolina Stauner, 2007

Friday, August 24, 2007

Äl Jawala (...BalkanBigBeatz...) in der Münchner Fußgängerzone einige Tage vor ihrem Konzert beim Jazzfestival Saalfelden
Foto: Tina Karolina Stauner, 2007

Thursday, August 23, 2007

"Francis Bacon - Form und Exzess", Regie: Adam Low, Musik: u.a. Brian Eno, 2005/2007

Das Gesicht Bacon's, seine Mimik beobachten und seine Körperbewegungen und die Art wie er sprach...ein Mann, der sich selbst als "medium of chance and accident" bezeichnete. Ich sah vor Jahren die Retrospektive im Haus der Kunst in München und las umfangreiche Literatur über ihn. Jetzt einfach in Nahaufnahme persönliche Details seines Lebens und seiner Beziehungswelt entdecken. Collagenhaft die dokumentarischen Film-, Interview- und Musiksequenzen, die sich zu einem Bild von Bacon's Persönlichkeit zusammenfügen. Und Bilder der Deformation, mit denen er auf ein kaum kontrollierbares Potential an latenter körperlicher Gewalt und psychischer Kräfte im Menschen hinweist. Wer sich für Bacon interessiert, soll sich das Wissen über ihn erarbeiten. Mit einigen schnell lesbaren Worten über ihn oder diesen Film besteht die Gefahr ihn gerade mal oberflächlich klischeehaft zu skizzieren.
- hier Informationen und Bilder: http://www.francisbacon.com

Saturday, August 18, 2007

Christiane Osann



Josef Alexander Henselmann, 1998
(Fotos: Tina Karolina Stauner, 2007)
Porträtserie aus einer Welt jenseits allübergreifender oberflächlicher Eloquenz. Reliefs aus dem Jahr 1998 von dem Bildhauer Josef Alexander Henselmann in der Münchner Frauenkirche. Gesichter mit Ecken und Kanten. Die Augen sind mit Höhlen, Löchern als Pupille, die dem Blick etwas Doppeldeutiges geben, einerseits wie verzweifelt nach innen gerichtet, andererseits wie klar und selbstbewußt beobachtend aus unkorrumpierter Position an einer Grenze zwischen Macht und Resignation. Bin ich im sakralen Raum auf zu konservativem Terrain, frage ich mich. Aber als Vergleich, als einer der Orientierungspunkte, im einen Extrem, scheinen mir diese Reliefs gerade geeignet, auch im Hinblick auf die Inflation der Bilder z.B. in MySpace, im anderen Extrem. Und im Kontrast zu dem Relief eine Skulptur von Christiane Osann. Derzeit in der Galerie Westend in München.

Friday, August 03, 2007

21.06.07 Sonic Youth, Tollwood Festival, München

Sonic Youth spielen die "Daydream Nation"-LP von 1988 nach.
Ich frage mich jedenfalls zuallererst: Warum das? Um zu zeigen, daß diese Songs nichts an Kraft und Wichtigkeit verloren haben? Oder um bewußt das Gegenteil zu demonstrieren, nämlich daß die Zeit vergangen ist...?
Ich gehe am frühen Abend auf das Festivalgelände zu. Sonic Youth spielen längst. Als das weiße, hell leuchtende Festivalzelt in der Ferne in Sichtweite ist, ist auch der Sound schon so deutlich, daß die Songs gut zu hören sind. Das Völkchen der Tandler hat sich mit kleinen Zelten und Buden um das große Musikzelt angesiedelt. Mit lauter hübschem Kunsthandwerk, Kleinkram, Tand. Der ganze Platz ist beleuchtet mit Kerzen und Lampions. Bunte Lichter überall. Und Drinks und Gesprächsfetzen. Ein Ort einfach für gute Laune und gemütliche Stimmung am Rande eines grauen, durchschnittlichen Stadtalltags. Ein bißchen wie eine kleine Märchenwelt für sich, das Musikzelt ein strahlender Märchenpalast mit Sonic Youth als Märchenfiguren. Hatten die Gefühle und Gedanken der "Daydream Nation"-Zeit realen Wert?
Zwar flackerndes Kerzenlicht in der ganzen Zeltstadt, doch die Gerhard Richter-Kerze des Plattencovers ist nur noch auf dem Bild angezüdet. Das Licht der damaligen Zeit brennt nicht mehr.
Ich höre und sehe etwas Artifizielles, dem es an echter, innerer Spannung fehlt, wenn ich mich heute mit der Show von "Daydream Nation" originalgetreu auf der Bühne nachgespielt konfrontiere. Das zutiefst existenzielle Element, das "Daydream Nation" einmal hatte, ist vorbei. Vielleicht sogar vergessen? Ich weiß was aus dem Leben so manchen Sonic Youth Fans dieser Zeit wurde...bei der Zugabe kommt man zu aktuellem Songmaterial, das feeling verändert sich und so wird es auch interessant Sonic Youth zu hören...und ich bin gedanklich beim Thema Musik und Relevanz...
sonic youth infos: www.sonicyouth.com

Sunday, July 29, 2007

19.06.07 Pop - Eckhard Schumacher im Gespräch mit Moritz von Uslar und Thomas Meinecke, Literaturhaus München

Vorgelesen werden Texte von z.B. Peter Handke, Clara Drechsler. Thomas Meinecke liest selber. Ich bin Insider. Habe genau das auch gelesen. Die gesamte Popkultur, Popliteratur mitverfolgt. Kenne den Pop-Diskurs. Und auf einmal denke ich während der Gesprächsrunde den Satz: "Nur noch Pop haben und nicht mehr Privatleben." Wie ist das bei den anderen? frage ich mich. Für mich war Pop immer eine Parallelwelt, die ich gut kannte, in die ich hineinkonnte, wenn ich wollte. Haben die anderen alles im Sinne von Pop gelebt? Ist Pop ein Lebensstil? Oder eine kulturelle Sparte? Ein Kunststil? Das Reden über Pop ist bisweilen mehr Pop als das, worauf es gerichtet ist, meint jedenfalls auch Roger Behrens. Und dann muß man auch anfangen zu unterscheiden wie Diedrich Diederichsen, der Pop einteilt in Pop I in den 60ern, Pop II in den 80ern und Pop III seit den 90ern. Sind wir bei Pop IV?
Popliteratur entstand schon in den 40er Jahren. Geht auf die Beat Generation zurück, auf Leute wie Allen Ginsberg, Jack Kerouac, William S. Burroughs. In Deutschland war der Aufsatz "cross the border, close the gap" von Leslie Fiedler der Beginn. Und vor allem dann Rolf Dieter Brinkmann.
Den Alltag, nicht elitäre Hochkultur, wollte man damals in der Literatur.
Vielleicht saugt die Hochkultur die Popkultur wieder auf. So klingt es, wenn im Literaturhaus von der Kammerspiele-Schauspielerin Anna Böger ein Rainald Goetz-Text gelesen wird.
Der Pop-Diskurs war noch in den 90ern seiner Zeit voraus, denke ich. Und ich hab schon seit einer Weile den Eindruck, daß er an Bedeutung verliert. Etwa wenn die Moderation mancher, einst wichtiger, heute 50 bis 60-jähriger, Djs für nichts mehr weiter von Belang ist als eine Frischfleischmühle am Laufen zu halten in der die Zielgruppe 20-somethings angemacht wird. Ja, was macht eigentlich der Pop-Diskurs?
Jetzt haben wir das an diesem Abend vorgestellte Buch "Pop seit 1964", herausgegeben von Eckhard Schumacher und Kerstin Gleba, und können uns mal klar machen wo wir stehen. Und mit uns der gesamte Pop-Diskurs.
So fragt Clemens Niedenthal in der taz z.B. in einem Interview mit Klaus Walter und Thomas Meinecke: "Warum ist Pop einerseits in den Jugendwellen so präsent wie nie, während andererseits ein umfassendes, vielleicht linkes Verständnis von Popkultur aus der Radiolandschaft verschwindet?" Ich stelle die Frage hier nochmal in den Raum.

eine Buchkritik: www.textem.de
erwähntes taz-interview: www.taz.de

Sunday, July 08, 2007

Elliott Sharp solo, Café Teufelhart, Dachau
(Foto: Tina Karolina Stauner)

Friday, May 25, 2007

16.05.07 - Elliott Sharp solo, Café Teufelhart, Dachau
(Foto: Tina Karolina Stauner)

Elliott Sharp bietet in zwei Sets Material aus "Velocity Of Hue" (2003),
"Quadrature" (2005) und "Sharp?Monk?Sharp!Monk!" (2006). Zu Beginn hat sein Spiel geradezu magische, mesmerisierene Kraft. Nach etlichen Gesprächen in der Pause ein Atmosphärewechsel. Nun die Monkinterpretationen, auf einmal eine eher unzugängliche, uneinheitliche Stimmung.
Von Thelonious Monk stammt der Satz "I don't know what other people are doing - I just know about me."
Elliott Sharps website:www.elliottsharp.com

Thursday, April 19, 2007

Kritische Distanz

Wenn ich für's Rezensieren bezahlt worden wäre, dann wäre ich ins St. Thomas-Konzert, ins Kristin Hersh-Konzert, ins Otis Taylor-Konzert, ins Melvins-Konzert, zum Wolfgang Muthspiel Duo. Ich war etliche Wochen in keinem Konzert mehr. Auch bei der Fassbinder-Hommage bin ich nicht mal wieder in "Liebe ist kälter als der Tod" aus dem Jahr 1969. Und bei der Pasolini-Lesung von Ulrich Matthes war ich auch nicht.
Ich war also eine Weile nicht im Input kultureller Veranstaltungen. Verbrachte oft Zeit am Schreibtisch. Lesend. Schreibend. Kulturszenepause. Gut für die kritische Distanz. Die kritische Distanz kann nicht groß genug sein, wie ich sehr genau besonders durch meine 90er Jahre weiß.
Was es von daheim vom Fenster aus zu sehen gab, war nicht spektakulär. Drüben im Park sprießten die ersten grünen Blätter. Es dauerte nur einige Tage und der ganze Park stand in vollem Grün. Unten auf'm Platz vor'm Haus fuhren kleine Kinder auf winzigen Fahrrädern Runden. Die Kirchenmauer gegenüber diente den Jungs beim Fußballspielen als Tor. Aus'm nahen Supermarkt schleppten Leute volle Einkaufstüten vorbei.
Hier in der Gegend wohnen viele sogenannte einfachen Leute. Das einfache Leben hier also. Ein paar hundert Meter weiter in den Altbauten haben sich aber Schriftsteller, Übersetzer und andere Kulturschaffende eingenistet, habe ich mir kürzlich in einem der neuen Cafés hier sagen lassen. Ich mag gerade über das Viertel hier nichts weiter sagen.
Vielleicht über's Wetter: Nach einigen geradezu schon sommerheißen Tagen war gestern eine graue Wolkenschicht am Himmel. Und es war seltsames grellhelles Zwielicht, das schneidend in den Augen blendete. Merkwürdigerweise war den ganzen Tag über dazu die Straßenbeleuchtung an. Und die Luft war abrupt wieder eisig kalt geworden.
Und heute ein normaler Sonnentag. Ich höre Richard Thompson. Lese Gedichte von Hart Crane und habe den Fokus in meiner eigenen Bilderwelt.

Sunday, March 04, 2007

01.03.07 John Cale + Band live "Circus Tour 2007", Backstage, München

Mainstream-Circus

Cale zeigt Stärken und Schwächen. Es kommt sehr auf seine Laune und Tagesform an welche Qualität die Dramaturgie und Interpretation der Songs bei einem Konzert hat. Genauso geht es mir bei der Rezeption. In Berlin straighte, selbstbewußte Unmittelbarkeit. Jetzt in München schieben sich verquere Gedankenbilder in die Wahrnehmung. Und im Gegensatz zu Berlin mag ich die Stimmung im Münchner Publikum nicht. Während ich Cale, nicht so souverän wie in Berlin, auf der Bühne beobachte sehe ich auch immer wieder im Zuschauerraum einen Mann in meiner Nähe an, vom Alter her gut über 50, Capy auf, unbewegliche, abgeklärte Mimik. Auf einmal der einzige Mensch, der mir in der Menge um mich herum wirklich sympatisch ist.
"Circus" on stage beinhaltet Material der "Black Acetate"-Härte und Schärfe und Schönheit und besten Schrägheit und der Experimentellen Momente des "Hobo Sapiens"-Stoffs, driftet aber auch phasenweise einfach in die Nähe des Levels von herkömmlicher Rock-Melodik mit Gitarrensoli. Und ähnlich Höhen und Tiefen wenn Cale die Akustische nimmt und auch im Spektrum seiner früheren Arbeit ist. Und ich beim Hören einerseits jedes Stück analytisch regelrecht mental zerhackend, dann wieder einfach Rhythmus in mich aufnehmend und auf mich wirken lassend um aber gleich darauf andrerseits rauszugehen in die Totale und alles von weit außen wahrzunehmen. Ich also im Spektrum unterschiedlicher Wahrnehmungsmöglichkeiten.
Versuch einer klaren Aussage von mir: "Circus" ist rock-circus. Kann man zuhören, wenn man grad mag. "Black Acetate" mit der Tour im vergangenen Jahr war hingegen als Statement selbst einschließlich jeder Formschwankung absolut zwingend.
Und total aus kritischer Distanz will ich gerade nicht urteilen.
28.02.07 Jazz Lines: Blue Note Poetry - Hommage an Pier Paolo Pasolini - Marstall, München

Soloperformances bis weit ins Experimentelle von:
- Bruno Chevillon am Kontrabaß in Verbindung mit Textmaterial aus "poesia in forma di rosa", "la meglio juventu" und "le ceneri di Gramsci". Obsessive Tiefe.
- Michele Rabbia mit Percussions und Einspielungen vom Band aus dem "Interview Enz Biagi mit P.P.P." und den Gesangs-, Musikeinspielungen "Incipit Padre Nostro" aus "Affubalazione" und "Gedanken Carmelo Benes über Pasolini". Schön Verspieltes.
- Vincent Courtois am Cello. Seltsam Melancholisches.
- Stefan Hunstein liest Texte: "Who is me" oder "Il poeta delle Ceneri". Stimme und Text im Widerspruch. Und "Mein Freund Pasolini" von Alberto Moravia. Amüsanter Blick auf P.P.P.
- Die Musiker zum Abschluß dann bei einem gemeinsamen Stück. Sie schufen an diesem Abend eine eigenwillig kreative, poetische Insel, einen stark wirkenden Imaginationsraum öffnend.

Daß es eine Persönlichkeit wie Pasolini heute nicht mehr gibt und seine poetische Welt, dies machte der Abend bewußt.
24.02.07 Alexander von Schlippenbach, Rudi Mahall, Jan Roder - Badenscher Hof, Berlin
Foto: Tina Karolina Stauner, 2007
22.02.07 John Cale + Band "Circus Tour 2007", Postbahnhof, Berlin

Ziemlich gute, relaxte Show. Und ich will erst mal nicht fragen, was ich nun grundsätzlich und jetzt im Speziellen von "Circus" halte. Analysiere nicht. Es ist einfach das Richtige wieder mal aus München weg zu sein und in Berlin in die Stimmung des venues einzutauchen.

Monday, February 19, 2007

Caféfenster - Spiegelung Außen- in Innenraum
Foto: Tina Karolina Stauner, 2007

Sunday, February 11, 2007

09.02.07, "Das Gehege", Wolfgang Rihm/"Salome", Richard Strauss - Bayerische Staatspoper München, Musikalische Leitung: Kent Nagano, Inszenierung: William Friedkin, Bühne: Hans Schavernoch, Kostüme: Petra Reinhardt

"Das Gehege" - die Handlung: "Eine Frau kommt aus dem Dunkel. Es ist Nacht, und sie ist allein. Sie dringt in den Zoo ein und spricht einen Adler in seinem Gehege an, nimmt ein Messer, befreit das Tier und bewundert seinen Körper. Sie fordert den Adler auf, sie zu attackieren. Je mehr sie ihn reizt, desto näher kommt er ihr. Als die Frau das Alter und die Machtlosigkeit des Tieres erkennt, fühlt sie sich ihm überlegen. Der Adler stürzt sich auf sie. Sie tötet ihn."
Das Libretto zu Wolfgang Rihms Komposition stammt von Botho Strauß: "...Anita:...Doch kein Grauen ist so eins mit sich, daß es nicht aus tausend winzigen Schönheiten bestünde. Keine Rohheit so wild, daß sie nicht aus unzähligen Zärtlichkeiten gemacht wäre..."

Und Programmheftzitat von dem sein Denken als reaktionär bezeichnenden Nicolás Gómez Dávila: "Es genügt, daß Flügel uns streifen, damit uralte Ängste zu neuem Leben erwachen." -
Nicht Ängste. Nicht Ängste.

website: http://www.bayerische.staatsoper.de

Monday, February 05, 2007

Plakatwand im Münchner Westend

Plakatwand in Berlin Wilmersdorf

Foto: Tina Karolina Stauner, 2007

05.02.07 "Zorn und Zeit" - Ein Abend mit Peter Sloterdijk, Literaturhaus München

War bei der Lesung von Peter Sloterdijk und seinem Gespräch mit Rüdiger Safranski. "Die Ohren addieren sich."
- weiter: www.petersloterdijk.net

Saturday, February 03, 2007

"Die Ohren addieren sich" mit Klaus Theweleit

"...WERNER: Wie man was hört, verändert sich ja auch, wenn man mit anderen zusammen hört. Es ist ganz erstaunlich, daß man eine Platte alleine hört und sie super findet oder komisch, und dann hört man dieselbe Platte mit einer anderen Person und denkt...THEWELEIT: Es funktioniert nicht...WERNER:...oder man hört wie sie. Man denkt, man hätte einen Satz neue Ohren bekommen. THEWELEIT: Entweder es funktioniert nicht, oder man hört doppelt, es addiert sich. Körperliche Anwesenheit. Was ich allein gern hören würde, möchte ich mit bestimmten Leuten zusammen nicht hören, das klingt da nicht, kommt da nicht an, da sind Widerstände, das raubt mir etwas von der Musik. Aber wenn jemand das genauso gern hört oder noch ein dritter, ergänzt sich das ungeheuer. Die Ohren addieren sich." ( aus "Vorgemischte Welt", Klaus Sander/ Jan St. Werner, 2005)
- zu Theweleit: http://www.klaus-theweleit.de/

Wednesday, January 31, 2007

Notizbuch
Foto: Tina Karolina Stauner, 2007

Sunday, January 28, 2007

Ornette Coleman, "Sound Grammar", 2006

Als Coverart des live-Albums "Sound Grammar" das Gegenteil einer Deadline im Fokus...mit einem Stück wie "Sleep talking" auf Harmolodikterrain... www.harmolodic.com

Saturday, January 27, 2007

Im Literaturhaus Berlin
Foto: Tina Karolina Stauner, 2007

Einfach mal Kaffeehauskultur und dabei gedanklich kleiner Exkurs zur Kaffeehausgeschichte bis hin zur digitalen Bohème von heute. Vielleicht nur soviel dazu: Es gab eine Zeit, da trug ich Schriften wie "Die Fackel" von Karl Kraus aus der Bibliothek nach Hause. Heute ist die Zeit für www.wirnennenesarbeit.de

Sunday, January 21, 2007

20.01.07 Hauschka, Adam Butler and Sylvain Chauveau, Nachtmix-Mitschnitt (Bayern2Radio, Zündfunk) vom 05.12.06, Gasteig -Blackbox, München

Durch den Mitschnitt sehr schöne Neuentdeckungen für mich: Hauschka, Adam Butler und Sylvain Chauveau. Menschen, die vom Minimalismus viel verstehen. Solopiano und Songwriting. Assoziationen, die bei dem Wort "Fernpunkt", einem Songtitel von Hauschka, auftauchen, sind den Assoziationen, die beim Hören der Konzertaufnahme insgesamt entstehen, nahe. Weitere Nachforschungen hier:
www.hauschka-net.de
www.adam-butler.com
www.sylvainchauveau.net

Saturday, January 20, 2007

Abend in der Münchner Fußgängerzone
Foto: Tina Karolina Stauner, 2007

Friday, January 19, 2007

Brinkmanncollage im Film
Foto: Tina Karolina Stauner, 2007

"Brinkmanns Zorn", Regie: Harald Bergmann (2006), Maxim, München

Wiederbegegnung mit der Arbeit von Brinkmann: Rolf Dieter Brinkmanns Tonbandaufnahmen aus den Jahren 1973 und 1975. Eckhard Rhode als Brinkmann. Brinkmanns Zorn. Das war. Dazu bestehende website:
www.brinkmann-literatur.de - Jetzt das derzeitige Buch "Zorn und Zeit" von Peter Sloterdijk.

Wednesday, January 17, 2007

Maxim Filmtheater
Foto: Tina Karolina Stauner, 2007

Monday, January 15, 2007

"The New York Art Scene 1940 - 70" - Emile de Antonio (1972) - "Black Paintings", Haus der Kunst, München

Den Film "The New York Art Scene 1940 - 70" nahm ich zum Anlaß auch nochmal die Ausstellung "Black Paintings" im Haus der Kunst anzusehen.
Über zwei der präsentierten Künstler, Ad Reinhardt und Mark Rothko, und zu dem, was das Haus der Kunst zum Ausstellungsthema an Informationen herausfilterte, einige knappe Worte.
Ad Reinhardts Gemälde wirken auf den ersten Blick streng. Und doch oberflächlich betrachtet an der Grenze zu dem, was man heute auch als Design sieht. Läßt man den Blick eine Weile auf dem exakt Geometrischen und den Schwarztönen, erst dann entsteht eine tiefere Wirkung. Bei Reinhardt steht Schwarz für Verweigerung, für Unsichtbarkeit und Gleichmut. Er will sich bewußt am Ende und im Außerhalb der Kunstgeschichte positionieren. Weitere Stichworte sind Verneinung und Verharren im Fragen. Absolute Verneinung wird als Befreiung von Dogmen gesehen.
Offener und leichter wirken im Grunde erst einmal Mark Rothkos Bilder. Stark dunkelfarbige und schwarze Farbflächen, die räumlich zu werden scheinen. Hier werden Begriffe wie Leere und Nichts ins Spiel gebracht. Der Betrachter soll auf existenzielle Fragen zurückgeworfen werden. Rothko ist derjenige, der in einen freiwilligen Tod ging.
Es ging damals, es waren die 50er Jahre, insgesamt um nichts Geringeres als künstlerische Identität. Und doch klingt es extrem pathetisch, wenn man heute ließt: "Die schwarzen Bilder beinhalten die archetypische Idee der Schöpfung, des Beginns, des Chaos der Urmaterie, des künstlerischen Schaffens und können somit im Zusammenhang mit der Nacht als Ort der Schöpfung und des Übergangs gebracht werden."
Die erste schwarze Farbfeldmalerei, ein schwarzes Quadrat, allerdings mit weißer Umrahmung, war immerhin in Rußland schon im schwarzen Suprematismus um 1915, lange vor amerikanischem Hard Edge, von Kasimir Malewitsch geschaffen worden.
Durch den Film "The New York Art Scene 1940 - 70" jedenfalls ist in Erfahrung zu bringen, daß in der Künstlerszene New Yorks in hellen, großräumigen, regelrecht malsaalartigen Studios gearbeitet wurde. Dort in dieser Szene muß auch das Geld gewesen sein. Einfach Bohème und kleiner Underground war also wohl auch die Welt der schwarzen Bilder und die Nacht, von der die Rede ist, zu keiner Zeit.
Der Film von de Antonio, der einen Einblick in die gesamte New Yorker Malerszene gibt, bietet auch schöne Künstlercharakterstudien. Von den anfangs zahlreichen Zuschauern interessierte die Persönlichkeit der Maler, der kunstgeschichtliche Rahmen und der genaue Entstehenskontext der Bilder letzendlich aber eher wenige. Viele verließen den Raum während des Films. Scheint zu anstrengend zu sein, sich mit mehr als der Oberfläche des Themas zu befassen.
Doch wer wollte, konnte was sich damals Rang und Namen in New Yorks Malerwelt schuf durch den Film in aller Ruhe analytisch betrachten.
Ausstellungskontext: www.hausderkunst.de

Friday, January 12, 2007

Oneida - New Yorker Band

Als Soundtrack für's Dazwischen, zwischen den Ereignissen, Terminen, Events, eignet sich recht gut die Brooklyner Band Oneida.
Oneidas Spannweite ist auf der einen Seite im härteren Rock, berührt aber auf der anderen Seite noch den Folk. Und Fat Bobby, Kid Million, Hanoi Jane sind eine Konstellation, die dabei mitten im sogenannten Noise ist. Eines ihrer Hauptstilmittel ist der Minimalismus, also die Wiederholung. Psychedelische Räume öffnen sie vor allem in den Ebenen um den Gesang und eine weitere charakterisierende Ebene ihrer Musik nimmt Bezug auf deutschen Krautrock und direkt auch auf die Band Can.
Oneida im web: www.enemyhogs.com

Derzeit sind die musikalischen Strukturen etlicher internationaler Bands stark dem deutschen Krautrock entliehen. Krautrock kam vor dem, was Neue Deutsche Welle war. Wie überhaupt alles, das Neue Deutsche Welle war oder damit zu tun hatte oder davon beeinflußt ist, zu ignorieren ist. Von Oneida inspiriert guter Blick zurück. Und dies dann im web: www.krautrock.com
11.01.07 "Festival Dances": "Sheer Bravado" von Richard Alston, "Sacred Space" von Philip Taylor, "If To Leave Is To Remember" von Carolyn Carlson - Staatstheater Gärtnerplatz, München

"Sheer Bravado", Klavierkonzert Nr. 1 in c-Moll, op. 35 für Klavier, Trompete und Streicher von Dimitri Schostakowitsch, Choreographie: Richard Alston, Musikalische Leitung: Andreas Kowalewitz, Bühne und Kostüme: Claudia Doderer.
Der Grundcharakter dieser Aufführung bleibt wie eine Kindheitserinnerung in einer anscheinend heilen Welt. Der Komponist Schostakowitsch (1906 - 75) hingegen wurde zu Lebzeiten in Rußland wegen seines Modernismus angegriffen und in die Einsamkeit getrieben. In der sich im Münchner Ballett entfaltenden oberflächlichen Eleganz und Virtuosität war davon weder in der musikalische Interpretation noch in der Choreografie etwas zu ahnen.

"Sacred Space" von Arvo Pärt, Choreographie: Philip Taylor, Musikalische Interpretation: Andreas Kowalewitz, Bühne und Kostüme: Claudia Doderer.
In dem Stück des 1935 in Estland geborenen Komponisten Arvo Pärt finden sich traditionell religiöse Momente und für damals avantgardistische Stilmittel vereint. Das Orchester in diesem anderen Teil des Abends nun auf einmal auch wie auf einer anderen und absolut zeitgemäßen Ebene sogar beinahe Visionäres mit einblendend. Dies kann in der Zusammenarbeit mit Philip Taylor offenbar entstehen. Die Choreografie wie ein düsterer Wachtraum, der zeigt, daß in der Ästhetik des Tanzes, im Artifiziellen, Abstrakten oder Konkreten von Bewegung, Form, Farbe, Licht und Musik der Zustand dieser Welt aufblitzen, aufscheinen, auftauchen kann ohne daß mit Worten etwas kommentiert oder erklärt werden muß. Den Tanzfiguren immanent Synonyme für erschreckende Aspekte der Dynamik des Lebens. Aber auch das Wissen, daß es eine spirituelle Kraft gibt.

"If To Leave Is To Remember" oder "Mishima" für Streichquartett und Streicher von Philip Glass, Choreographie: Carolyn Carlson, Musikalische Leitung: Andreas Kowalewitz, Bühne und Kostüme: Claudia Doderer.
Tanz wie verstehbare Handlung einer Geschichte. Und psychische Zustände visualisiert. Wobei die harten, grausamen, kalten Aspekte des Lebens bloß gelegt werden. In die minimalistischen Strukturen des Stücks sind auffallend Pausen sowie in die Körperbewegungen Zeitlupen eingefügt. Und in die Bewegung und die Musik hinein wird am Ende des Stücks ein Gedicht vorgetragen.
Die Komposition des 1937 geborenen amerikanischen Minimalmusikers Philip Glass ist Teil aus "Mishima", der Musik für den Film von Paul Schrader, der sich mit dem Leben des japanischen Schriftstellers Yukio Mishima (1925 - 70) befaßt. Mishima starb durch Seppuku, einer ritualisierten Art der männlichen Selbsttötung.

Ich würde gern das Bildmaterial des Tanzes in die Wirklichkeit schneiden. Als Cut-ups. Die Ästhetik der reinen Bewegung. Als Bereiche, in denen mit anderen Mitteln als mit Worten mitgeteilt wird. - Der Ballettabend endete damit, daß er sich geradezu in Text auflöste. Im Programmheft finden sich die Gedichtzeilen von Shami Mansei: "This world of ours / To what shall I compare it? / To the white wake of a boat / that rows away in the early dawn." Diese Worte sehe ich als Bild. Medienkunstwelt...
Nach der Simulationstheorie von Jean Baudrillard sind die Bilder der Medien mächtiger und wirklicher geworden als die Wirklichkeit selbst.
Demzufolge, denke ich, bleiben uns nur noch Entscheidungen in der Wahl der Bilder.

- und genaueres zum Werk der Komponisten:
www.philipglass.com

Saturday, January 06, 2007


Münchner Schwabing-Cafés

Münchner Westend-Café
Foto: Tina Karolina Stauner, 2007

Thursday, January 04, 2007

Filmwirtschaft und Atelier, München
Foto: Tina Karolina Stauner, 2007

Aki Kaurismäki "Lichter der Vorstadt"( 2006), Kino Atelier, München

Einer der wenigen, die etwas von Rockmusik verstehen, ist Aki Kaurismäki.
Sein neuer Film wie immer bestes Bildmaterial in der Tradition von Edward Hopper. Und Sprache lakonisch, wie immer. Schwarzer Humor, wie immer. Rockmusik, wie immer. Es ist die finnische Band Melrose.

Denke ich zu Beginn noch amüsiert reine Komödie zu sehen, wird der Film dann im Grunde zum schonungslosen Psychogramm eines Menschen auf dem Weg nach unten inmitten von Spiel und Verbrechen.
Gerne wird Kaurismäki dabei auch doppeldeutig. Wie bei den letzten Worten des hoffnungs- und chancenlosen Protagonisten Koistinen an seine Retterin, die Inbegriff des normalen, geradezu schönen Daseins ist. Koistinen sagt: "Ich sterbe nicht hier." Der Händedruck danach zwar vermutlich nicht zu spät. Und doch klingen Koistinens Worte genau so, als hätte er gesagt: Ich sterbe nicht hier in dieser Welt. Er, im Außerhalb, nicht hier in dieser Welt. Einer Welt, zu der er in purer Resignation während der Gechichte über im Grunde schon nicht mehr gehört. Unfähig falsche Geschäfte einzufädeln oder eine Spielernatur zu sein wie die anderen. Ganz am Ende einer Low-End-Theory.

Perfekt setzt Kaurismäki die Musik im Film ein. Zum einen im Hintergrund Musik von Puccini, Carlos Gardel und finnische Chansons. Und zum anderen auf der Bühne die Rockband Melrose. Die es schon seit den 80ern gibt, die nicht das erste Mal mit Kaurismäki arbeitet, die schon einige Alben veröffentlicht hat und die immer noch kaum bekannt ist. Straighter, schnörkelloser Rock. Gerne der Hinweis auf die website
www.myspace.com/melrosefinland

Kleine Anmerkung: Kaurismäki in einem Interview vom 21.12.06 in Die Welt: "Hören sie: 70 Prozent aller Menschen wollen einfach nur einigermaßen gut leben. 20 Prozent möchten gerne Chef sein, in ihrer Stadt oder ihrer Firma. 10 Prozent sind Psychopathen. Diese 10 Prozent haben die Macht..."

Werkübersicht Kaurismäki: www.aki-kaurismaeki.de