Monday, June 16, 2008

Phonola für »Study No. 41« von Conlon Nancarrow bei der Musica Viva
Foto: Tina Karolina Stauner, 2008

Experiment und Avantgarde / Musica Viva 2008, München

Experiment und Avantgarde...1913 veröffentlichte Luigi Russolo das Manifest »L'arte dei rumori«/»Die Kunst der Geräusche«. 1972 hielt Karlheinz Stockhausen den Vortrag »Die vier Krieterien der Elektronischen Musik« in dem als viertes Kriterium »Die Gleichberechtigung von Ton und Geräusch« genannt wird. Dies nur kurz zur Orientierung, Man sollte wissen wann das Terrain definiert und abgesteckt wurde. Denn das sind nicht so leicht wirklich neue Wege, die in der E-Musik (und auch der U-Musik) noch gegangen werden können. Aber es geht um die eigenen Wege, die findbar sind. Wo im Jahr 2008 solche Pfade, Stege, Spuren sind, zeigt mein Blick auf das Musica Viva Festival, das Anfang diesen Jahres an vier Wochenenden in München stattfand. Die Musica Viva präsentiert Exponenten der Neuen Musik und auch verkannte Außenseiter. Von Grenzüberschreitungen war seitens des künstlerischen Leiters Udo Zimmermann die Rede. Von Baustelle und Großlabor des musikalischen Fortschritts. Und es fiel das Wort Kulturpolitik. Bei einem Wochendsymposium, das unter dem Motto »Kunst und Experiment« stand, gab es ergänzend auch viel Theorie, also Denkstoff.
Hier einige Anhaltspunkte:

Karlheinz Stockhausen

Karlheinz Stockhausens Stück »Mixtur 2003« (2003), eine Neubearbeitung einer Komposition aus dem Jahr 1964, spielte sich als Klangereignis ab mit Extremen in der Dynamik im Spektrum von Passagen leisestem Zurückgenommenseins, bei denen kaum mehr als ein Knistern, ein fragiles Klimpern wahrnehmbar blieb und Parts, in denen die ganze Wucht eines Orchesters wie das Zerbersten einer Glasfront wirkte. Das Stück für fünf Instrumentalgruppen, vier Sinusgenerator-Spieler, vier Klangmischer mit vier Ringmodulatoren und Klangregisseur hatte eine extreme Sogwirkung in sein breites Klangspektrum.
Als Einschub vor dem zweiten Teil der Partitur der kurze »Gesang der Jünglinge« aus dem Jahr 1956 mit Klang von allen Seiten.
»...sich die klanglichen Qualitäten der menschlichen Stimme via Analyse und Synthese als kompositorisches Material verfügbar zu machen.« War auch wie Exotik von Menschenstimmen wie in einem riesigen Terrarium, als das ich mir die Welt dabei auf einmal vorstellte. Bevor die Rückwärstversion der Partitur, also die Teile 1 - 20 von »Mixtur 2003« in umgekehrter Reihenfolge, erklangen: »...erlebe ich es wie die Fahrt nach dem körperlichen Tod: weißes Hohes C - Pizzicato-Spieler transparent alternierend - Schichten von Klangskelett in Ton-Hagelsträhnen - Dialog zwischen Schreischüssen und Bronzeschlägen - und so weiter: rückwärts in die verträumte Erinnerung...«, so Stockhausens eigene Worte. Fast beängstigend und gespenstisch die Stimmung, die sich entfaltete, in deren irritierende Dynamik ich mich nicht ziehen lassen wollte. Ich ließ nun vorbeigleiten und nahm mit beobachtendem Abstand wahr.
Die Aufführung von »Mixtur 2003« war schon deshalb etwas Besonderes, da sie als eine Art musikalisches Vermächtnis Stockhausens gesehen werden kann.

Conlon Nancarrow

Es ist immer wieder spannend wie sich inmitten zeitgenössischer Musik »Studies For Player Piano« von Conlon Nancarrow behaupten können. Wie als eine Art Parallelschiene, die die Erinnerung in der Gegenwart ist. Stücke gespielt auf historischen Instrumenten: In Papierrollen gestanzte Partituren, Lochstreifen, steuern Selbstspielklaviere. Nichts ist mit den Arpeggien und Glissandi von Player Pianos, die mit den Händen auf Tasten nicht gespielt werden könnten, vergleichbar. Bei »Study No. 41« (1981) für zwei Phonolas, spezielle Player Pianos mit Spielern, die die Geschwindigkeit und Lautstärke über Fußpedale mit Saugluft regeln, entstanden spannungsreiche, irrationale Temporelationen dadurch, daß sich nach den zwei Teilen mit Solointerpretationen im dritten Teil die zwei Spieler gleichzeitig aufeinander einzustellen hatten auf ihren Phonolas, die, da keine high-tech-Maschinen, nicht exakt synchronisierbar sind.

Erwin Stache

Erwin Stache funktioniert in seinen Stücken alle möglichen und unmöglichen Gegenstände zu Musikinstrumenten um. Viel Spielerei und nicht immer Substanz. Aber wirklich merkwürdig faszinierend seine Licht- und Klanginstallation »Bewegungen - Momente« (2007) mit Saitenkästenmatrix, Murmelzither, elektromechanischen Röhrenwasserobjekten und Waschmaschinenprogramm-
scheibenorchester. Auf dem Holzmosaikboden im Zentrum eines Zimmers ein Rechteck aus aneinandergestellten Kommodenschubfächern, jede mit einer Saite bespannt, die mit Elektromotor zum Schwingen und zum Erklingen gebracht werden konnte während zugleich ein Lämpchen aufleuchtete. Manchmal waren Klangmuster aus einzelnen, manchmal mehreren Schubfachinstrumenten hörbar und mit aufblitzenden Lichtern dazu, manchmal entstand ein dichtes Klang- und Lichtfeld. Dazu entlang der Wände aufgestellte Metallstangen mit sich drehenden Waschmaschinenprogrammscheiben daran, die ein klickendes Geräusch verursachten. Das Ganze einerseits zwar nur amüsiert ansehend ließ ich mich jedoch in dem dunklen Raum und dem Geräusch- und Tonfeld für einige Zeit aus der Realität in einen regelrecht meditativen Gedankenraum und darin in freie Assoziation driften. Gelang perfekt.

Persische Trommler und Gesänge der Sufis aus Oberägypten

Die Persischen Trommler Trio Chemirani und die Gesänge der Sufis von Ensemble Sheikh Ahmad Al Tuni, ein Publikumsmagnet, schufen eine mystische Insel, einer anachronistischen Idylle tranceartiger Rituale nahe. Konventioneller Faltenwurf als Bühnenrückwand und die Halle getaucht in lila- violettes Licht. An diesem kalten, grauen Vormittag war es wie spirituelle Kraft und Wärme tanken tief im Inneren. Doch hatte ich den Gedanken, das Stagedesign hätte den Raum kraß aufreißen müssen, um zu zeigen auf welchen eher unidyllischen Boden sich diese traditionellen Musikdarbietungen in unserem Land tatsächlich hineinwagen.

Gérard Pesson, Beat Furrer, Iannis Xenakis

In die Dramaturgie des Abends mit Kompositionen von Gérard Pesson, Beat Furrer und Iannis Xenakis einzutauchen, machte mir wieder einmal klar, daß man die Wirkung von Orchestermusik bestens für sich einsetzen kann um seine Stimmung zu beeinflussen.
Gérard Pessons »Aggravations et Final« (2002) für Orchester mit Tönen wie hingehaucht und Fragmentarisches hingegezupft und hingeklopft, mit viel Gespür für Freiraum von Pausen und kaum Wahrnehmbarem und immer wieder nur der Ansatz von Melodien im Klangmeer, das auch aufwühlend werden konnte.
Beat Furrers Konzert für Klavier und Orchester (2007) war wie Unruhe pur, die langsam nachlassend sich dann doch wieder steigerte. Extreme Spannung vermittelte welch verquere Räume wie architektonische Gliederung entstanden zwischen den Klavierparts und dem gesamten Orchester.
Iannis Xenakis »Antikhthon« (1971) für Orchester wirkte regelrecht aufreibend und treibend. Klang von Saiteninstrumenten, der direkt und bis zu agressiv und wie gezielt auf's Nervensystem ging mit einer Dosis und Substanz, wie sie kaum etwas anderes als ein exzellentes Orchester vermitteln kann.

Adriana Hölszky, Michael Lentz und Uli Winters

Amüsant, bizarr, grotesk, aberwitzig, wie der Protagonist im szenischen Stück »Countdown« (2007) von Adriana Hölszky nach Texten eines Obdachlosen für Countertenor, acht Alphörner, vier Trompeten, vier Posaunen, vier Konzertflügel und acht Schlagzeuger in der Raummitte alleine auf einer Bühne sich vokal eine autonome Welt schuf. 20 Instrumentalisten getrennt davon außen herum an den Raumwänden verteilt, nicht mit dem Countertenor kommunizierend. Das führte mich zu der Frage: Welch abstruse Gedankenwelt also mag sich im ruinierten Leben von obdachlosen Alkoholikern oftmals wirklich abspielen? Lächerlich, absurd und faszinierend skurril und wie die Verzweiflung selbst. Hölszky bedeutete die musikalische Antwort einiges, wie sie dann beim Applaus offen auf der Bühne zeigte.
Und ich stellte mir am selben Abend noch die Frage, ob das Stück »Boxgesang über 12 Runden« (2006/07) für einen Boxer, klingende Boxsäcke, Piccoloflöten, Bassklarinetten, E-Gitarre, Schlagzeuger, Subwoofer, einen Beatboxer und zwei Sprecher, von Michael Lentz und Uli Winters in irgendeiner Weise weiterführte: Schauspieler auf einen Boxsack eindreschend. Schläge, Schritte, Atem hörbar, Sprachkommentare, im musikalischen Ensemble eine sauberer Rockgitarre. Wirkte auf mich nur wie eine einfache musikalische Trainingsrunde.

Bernhard Lang, Karl Amadeus Hartmann, Giacinto Scelsi

An der Kombination von Kompositionen von Bernhard Lang, Karl Amadeus Hartmann und Giacinto Scelsi war für mich erst einmal das 70 Jahre alte Stück von Hartmann (im Jahr 1945 Musica Viva-Gründer) nicht nachvollziehbar.
Doch dann beim Hören von »Symphonie L'Oeuvre« (1937/38) von Hartmann und Erleben wieviel tiefe Bitterkeit ohne kitschiges Pathos im Ton von Schönheit sein kann bekam das Ganze zeitlose Qualität. Der Ton seiner Musik als Widerstand unter extremen Bedingungen. Selbsreflexion in düsterer politischer Lage in entfremdeter Zeit.
Giacinto Scelis »Uaxuctum« (1966) für sieben Schlagzeuger, Pauker, Chor und Orchester, Untergangsepos nennbar, das rituelle Handlungen von der Selbsthypnose bis zu psychedelischen Zuständen spiegeln soll, mit seiner eigenartigen, fast verstörenden Dynamik besonders der Chorstimmen, kann es schaffen eine böse, unbestimmte Angst aufzurühren, wovor ich plötzlich regelrecht meinte zurückweichen zu wollen. Und wäre es weit ins lebenslange Außenseitertum wie Scelsi. »...Klang«, so seine Überzeugung, »sprengt die Dimension von Raum und Zeit...« Ja, Klänge, die im Innern etwas aufbrechen und weiter in unbekannte Dimensionen führen können.
Mit das stärkste des Festivals war das erste Stück dieses Abends »Monadologie I« (2007) für E-Zither und Orchester. Daß klar Meditatives und absolute Härte in einem Stück in einem Paradoxon vereint sein und wirken können machte dessen Faszination und absolute Stärke aus.

Dieter Schnebel, Peter Ablinger

Beim Symposium war wirklich interessant den fast 80ig-jährigen Dieter Schnebel, dessen aktuelle Oper »Majakowskis Tod«
im vergangenen Jahrzehnt von zwei Bühnen inszeniert wurde, die Geschichte der experimentellen Musik vortragen zu hören, besonders für die, die damals in den 50er bis 70er Jahren nicht dabei waren wurden hier noch einmal Schlaglichter auf zentrale Prozesse der Ereignisse geworfen. Und von allen Symposiumteilnehmern nennen will ich noch Peter Ablinger. Ihm zuzuhören bedeutete auch, mich auf seinen vom Band eingespielten Track »Weißes Rauschen« einzulassen, das wie brachlag für meine sich dabei einstellenden Gedanken und durch Ablinger der Frage nachzugehen, ob wir das Neue oder Erneuerung brauchen. Im Infoheft zum Symposium steht zum Vortrag von Peter Ablinger nur der Satz: »Würde die Wirklichkeit an unser Bewußtsein rühren, so wäre die Kunst überflüssig.« (Bergson, »Das Lachen«)

Veranstaltungen der Musica Viva finden regelmäßig in München statt.

musica viva
veröffentlicht: www.skug.at
Marc Ribot's Ceramic Dog
»Party Intellectuals«
(Enja/Yellowbird)


Der New Yorker Marc Ribot informiert explizit: Ceramic Dog ist eine wirkliche Band, nicht ein Projekt. Mit Ches Smith, mittlerweile ein Name der Westcoast-Szene, am Schlagzeug und dem Autodidakten Shahzad Ismaily aus der NYC-Szene an Bass und Synthesizer. Ribot spielt Gitarre, Trompete, Horn, Melodica.
Ceramic Dog ist ein »free/punk/funk/experimental/psychedelic/
post electronica collective«, das sich mit »Party Intellectuals« zwischen genialem Songwriting, coolen Latinklängen und härterem Rock angesiedelt hat. Fast Hardcore-Crossover-mäßig brechen die beiden ersten Stücke der CD »Break On Through« und »Party Intellectuals« herein. Wie auch alle weiteren Songs wie ein sich Besinnen auf Qualitätsmerkmale wirken, die in früheren Jahren gesetzt wurden. Und wieder erneuert oder zu einem Neuen zusammengefügt werden. Ribot verwendet dabei konsequent einen Gitarrenton, der im Inneren aufreibt, aufkratzt, auf der Schneide fast nervend zu werden, aber im positiven Sinn so tief gehend, daß er auf eine bestimmte, sehr gewollte Art sich einprägt. Da ist viel bewußte, kontrollierte, harte Unmittelbarkeit mit manch vorsichtig einfühlsamen, dabei oft verzerrten, manchmal auch ironisch gebrochenen Momenten in Verbindung oder im Kontrast.
Was für erstklassiges Songmaterial Ribot bietet zeigt besonders »When We Were Young«. Traumhaft. Assoziationen blenden sich ein: »...hazy eyes...«... Ein Tag mit flirrender Hitze. Zu heiß für jede Anstengung. Jemand lehnt sich an ein Auto. Irgendwo unterwegs angehalten. Erinnert sich... »when we were young and we were freaks«... Messerscharf analysieren, was früher war. Aber der Zustand in dieser Hitze an diesem Tag ist nicht wirklich ein klarer Wachzustand... »...sleepwalking...« ... - Alles reflektieren und doch dabei nie mehr wirklich herauskommen können aus einem Leben in das man einmal aus einer Entscheidung oder einem Zufall heraus hineingeraten ist.

www.marcribot.com


Scott Matthew
»Scott Matthew«
(Glitterhouse/Indigo)


Wenn Scott Matthew, ein in Brooklyn lebender Australier, singt, scheint es, als wäre er mit engelartigen, übersinnlichen Wesen in Verbindung. Vielleicht ist er vom Himmel gefallen. Er riskiert extrem überspanntes Pathos und theatralischen Kitsch. Und auf wundersame Weise hat er das alles tatsächlich mit seinen Musikern perfekt im Griff. Auf seinem Debut »Scott Matthew«. Sich selber als »quiet noise maker« bezeichnend. Mit preziösen Folkminiaturen wie Kammermusik. Die Betonung auf Piano und Gitarre, oder auch mal Cello, Ukulele, Akkordeon oder Banjo. Kleine einfache Songs, aber lässig die große Geste. »I no longer can rely / On a friend who once kept me alive« ist der Satz mit dem er einen mit dem wunderschönen zweiten Song der CD in seinen Bann ziehen kann. Und weiter: »...God it's weird / God it's strange / To be the only one to talk to / God it's weird / God it's strange / To be the only one to dance with...« (»Abandoned«). Er hat einen Weg gefunden andere mit Worten zu erreichen: »...There are so many of us / Who'd rather play dead / It's easier to run than explain ourselves...« (»Ballad Dear«). Und er bewegt sich frei in abgehobenen Sphären: »...Like you he's been and gone...« (»Prescription«) Die elf eher kurzen Songs sind fast zu schnell zu Ende. So als wäre eine Vision plötzlich vorbei. Die allerdings auf CD wiederholbar ist. Wollte man bösartig werden, könnte man sagen: Kann süchtig machen wie Zuckerzeug.

www.scottmatthewmusic.com

(skug 75 (print), 7-9/08)
www.skug.at

Friday, May 23, 2008

(Foto: Tina Karolina Stauner, 2008)

Scout Niblett, Die Registratur, München, 14.05.08

Kontrollierte Extreme und Ungeschliffenheit

Scout Niblett stellt sich allein mit ihrer E-Gitarre auf die Bühne, versetzt sich in ihrer Vorstellungswelt in eine Stadt namens Himmel und verkündet: "but I am your queen and you are my king". Sowas geht auch nur noch bei Niblett gut. Wahrscheinlich weil sie in irgeneiner Sache mit dem Captain konspiriert, auf dessen Schiff sie da also geraten ist, wie wir auch gleich erfahren haben. In "Do you Want To Be Buried With My People". Und wir wissen auch: Sie könnte umgebracht worden sein. Nicht nur wegen eines Kusses. Statt dessen hat sie aber ihr viertes Album "This Fool Can Die Now" veröffentlicht. In München war da irritierenderweise beim Soundcheck bei ihr und dem sie begleitenden Drumer eine Explosion im Kopf, erzählt sie, die eine tödliche Thrombose hätte sein können. Aber dann war das eben glücklicherweise eine Explosion im Hirnstoffwechsel, die in ein wunderbares Konzert führte. Faszinierend wie sie schon im ersten Song in ihrem ganzen Ausdrucksspektrum ist. Ihre helle, gefühlvolle aber durchsetzungsfähig dominante Stimme steigert sich oft in ein fast agressives Schreien, bei dem sich ihr Gesicht verzerrt anspannt. Sie kann aber auch einfach vielsagend schweigend, elfenhaft vor sich hin sehen. Und mal wirkt sie verschlossen, fast wie verbissen, im nächsten Moment dann erstrahlt ein übertrieben breites Lächeln. Ihr lautes Vorsichhinlachen immer wieder zwischendurch klingt lieblich entrückt wie böse zugleich. Sie hält Extreme und Ungeschliffenheit unter Kontrolle. In ihrem Verhalten und in ihrer Musik. Der Minimalismus ihrer Songs, einzelne, meist langsam hingezupfte, angerissene Gitarrentöne und -akkorde, mündet immer wieder in besonders hübsche Melodien oder aber im Gegenteil in schräge Krachattacken und Lärmorgien. Und der Schlagzeuger steigt mal sparsam einfühlsam, mal mit plötzlichen Schlagzeuggewittern in manche Songs mit ein. In "Moon Lake" sitzt sie selber an den Drums und baut sicher ihren Gesang mit ein. Ihr Auftreten aus der Nähe beobachtend und analysierend muß ich auf einmal doch denken, daß da etwas zu viel Banalität und Naivität ist, in dem was sie mitteilt und spielt. Aber mit der Intensität, mit der sie alles zur Schau stellt, steht sie über so kritischen Gedanken. Und im Grunde stimmt einfach, daß es Spaß macht zu sehen und zu hören mit welchem Charme und in welchen Gefühlsfacetten diese eigenwillige Songwriterpersönlichkeit in ihren Songs präsent ist und agiert.

www.scoutniblett.com
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www.skug.at

Friday, May 09, 2008

(Foto: Tina Karolina Stauner, 2008)

Nik Bärtsch's Ronin - Ampère, München, 16.04.08

Zen und Funk, kein Widerspruch

Nik Bärtsch bezeichnet seine Arbeit mit Ronin von Beginn an mit Zen-Funk. Und steht nach eigener Aussage nicht so sehr dem Jazz als der rituellen/sakralen Musik und der neuen Klassik nahe. Zen-Funk: Ein Paradoxon. Zen, das wäre die Stille. Funk, das ist Rhythmik von Grooves.
Bärtsch sagt die Stücke aus »Holon«, von ihm Module genannt, ironisch mit »Lieder aus unserer Heimat« an. Wohl eine Anspielung auf Japan, wo er Zeit verbrachte. Ronin ist die Bezeichnung für herrenlose Samurai Japans.
Man findet sich anfangs aus eher konventionellen Positionen, denen ich sonst nicht zuhöre, noch kaum zu einem wirkenden Ganzen zusammen. Noch ist mir nicht klar, ob mit nur oberflächlichen esoterischen Ebenen gespielt wird oder ob dieses energetische Feld aus Reduktivem, Repetetivem und Improvisation zu funktionieren beginnt, wie ich es von Ronin erwarte. Das auch dem philosophischen Begriff Zen gerecht wird und bei dem die Härte des Funk spürbar ist. Doch genau auf dieses Level bringen die Musiker das Konzert. Ronin sind Nik Bärtsch, piano & fender rhodes, Kaspar Rast, drums, Andi Pupato, percussion, Björn Meyer, bass, Sha, bass-,
contrabass clarinets. Was zuerst wie einfache, virtuose Technik und nur perfekte Phrasierung, wie ein Ineinanderfließen, Ineinanderdriften von Harmonien und Soli scheint, wird dann zu komplex arbeitenden Strukturen und Motiven, wird zum Greifen von Pattern bei Entstehen von konzentrierter Energie, der Minimal Music, der japanischen Ritualmusik nahe und bewußt werden die verzahnten Rhythmen des Funk mit eingesetzt. Der Gedanke des Gestylten nur manchmal eine Idee zu nah. In den Modulen öffnet sich regelrecht auch eine bestimmte Sphäre räumlicher Erfahrbarkeit, wenn man die Sensibilität dafür hat, in dem in sich sehr geschlossen wirkenden Set, bei dem das Lightdesign gezielt mit eingesetzt wird.
Mit Beginn der Zugabe, einem Modul aus dem Vorgängeralbum »Stoa«, kommt dann mehr metallische Kantigkeit ins Spiel und ich meine, daß eigentlich erst dadurch tatsächlich auch so etwas wie ein Moment tranceartiger Qualität freigesetzt werden kann. Doch bei den vorher eher klareren, ruhigeren »Holon«-Modulen war das wohl latenter, wirkten bestimmte Kerne unterschwellig auf feinere, subtilere Art.
Und da war dann auch die Musik-Businessfrau, der das Konzert durch die Zugaben zu lange dauerte, wegen des bestellten Tisches für danach. Warum so jemand, dem es offensichtlich nicht um den Effekt und die Tiefe der Musik geht, in einem Roninkonzert ist, weiß ich nicht. An dieser Stelle werfe ich jetzt eine Frage in Sachen Zen und Musikhören auf, indem ich aus »Methaphern (Wenn die Klänge die Klänge wären)« (2004) von Peter Ablinger zitiere, der wiederum ein Zitat eingebaut hat: "...Der Zen ist kein Ziel. Das Nichts ist kein Ziel. Sie sind Voraussetzungen für das was ist, das Leben. - »Es ist für den kultivierten Menschen schwer zu glauben, daß seine Art der Wahrnehmung von Musik in der Tat die niedrigste Stufe der Möglichkeiten darstellt, die der Musik innewohnen.« (Hatim el-Askari)...««

www.nikbaertsch.com

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Friday, March 28, 2008



»Lucie & Maintenant« - Journal Nomade

Unmittelbares Erleben zwischen Aufbruch und Ankommen

Nach ihrem bislang bekanntesten Film »Step Across The Border« (1990, u.a. mit Fred Frith) führen Nicolas Humbert und Werner Penzel wieder filmisches Experiment und freie Improvisation ineinander.


Inspiriert von der literarischen Vorlage »Die Autonauten auf der Kosmobahn« von Julio Cortázar und Carol Dunlop begeben sich die Filmemacher mit dem Künstlerpaar Océane Madelaine und Jocelyn Bonnerave auf die autoroute du soleil. Die Reise von Paris nach Marseille, als Versuchsanordnung, damals 1982 ursprünglich mit der Spielregel versehen, 33 Tage nur auf der Autobahn und auf Raststätten zu leben. Das bedeutet für die jetzige Zeit auch, sich in der Tradition der Roadmovies zu bewegen.
Filmeinstieg von »Lucie et Maintenant« mit kurzen Schnitten – Zeichen, Farben, Strukturen, Licht, Schatten, Rhythmus. Ein Spiel auf formaler Ebene. Die Schnitte bleiben kontrastreich. Beobachtungen von Straßen- und Parkplatzszenen. Die Kamera auf den Spuren des Flüchtigen, des Ungreifbaren. Die Autobahn als Klangteppich. Momentaufnahmen an unwirtlichen Durchgangsorten und Zwischenräumen im Transitraum. Metamorphosen der Nomadologie. Stilleben und Porträts in gemeiner Rastplatzatmosphäre. Einfachheit wie ein bunter Feldblumenstrauß, ein heißer Automatenkaffee oder ein herumliegendes Buch beginnt man als edle Dinge wahrzunehmen. Und beim Campieren mit dem Auto erscheint der Mikrokosmos des Liebespaares wie ein Inbegriff an Lebensgenuss ungebrochener, bewusster Wahrnehmung bei unzerstörbarer Idylle. »Wächter der offenen Räume«, ein poetischer Gedanke, der auftaucht – »auf den Spuren ihrer Inspiratoren und gleichzeitig auf der Suche nach dem Hier und Jetzt.«, so Nicolas Humbert.
Madelaine schreibt nebenbei Tagebuch und liest daraus vor. Ihre Gesichtszüge sind dabei in Nahaufnahme analysierbar. Leben und Literatur wirken wie direkt ineinandergespiegelt, wie eine produktive Einheit. Worte und Schriftkultur erhalten einen überbetont hohen Wert. Der Philosoph Vilém Flusser wird ins Spiel gebracht, der die heutige Gesellschaft auf einem Weg in eine nachalphabetische Phase der nulldimensionalen technischen Bilder sieht, bei der die Texte ihre Funktion verlieren.
Und als Gedanke von ihm wird erwähnt: »Unsere Wohnung ist die Weltmitte, der Verkehr zwischen Wohnung und Welt ist das Leben ...«. Es geht um unmittelbares Erleben zwischen Aufbruch und Ankommen. Und Linien ziehen und nicht Punkte setzen. Somit wird auch Gilles Deleuze zitiert. Parallelen zum Ausnahmezustand der Zeit auf der Autobahn sind visualisierbar und Wege darüber hinaus. Und das Schreiben, die Literatur wird gleichbedeutend mit Unterwegsein ins Bewusstsein gebracht.

»Lucie & Maintenant« (CH/F 2007, R: Nicolas Humbert, Werner Penzel, Simone Fürbringer, Balzli & Fahrer Filmproduktion, Bern)

website von Nicolas Humbert und Werner Penzel: www.cinenomad.de

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(SKUG 74 (print), 4-6/08)
Joe Lally
»Nothing Is Underrated«

(Dischord)

Ein dunkles Cover mit Joe Lally's wenig erkennbaren, verschlossenen Gesichtszügen, auch sein Name und der CD-Titel
»Nothing Is Underrated« in dunklen Buchstaben auf dunklem Grund kaum zu sehen, nur das weiß geschriebene, herausstechende Wort nothing sofort lesbar. Um nun gleich auf einen Song hinzuweisen, bei dem jeder Satz mit I'm not beginnt: »...I am not defined by terms of belief...I am not a profile based on statistics.« (»Mistaken Identity«). Sich Verweigerung leisten: »...I have no address the place I am living one step up from death...« (»Motora«). Aber auch die Fähigkeit zu Klarsicht und Entschlossenheit: »Painfully aware something's wrong I know I don't belong years on years nothing's changed my resolve remains« (»Painfully Aware«). Aus Verneinung heraus entsteht eine eigene Haltung voll ungemein positiver, unkorrumpierter Kraft. Joe Lally's sprödes Songwriting, eher sparsam instrumentiert, mit perfekten Arrangements, paßt sich keinem Trend an, ist kompromißloser Ausdruck von Persönlichkeit und Meinung. Bei dem Fugazi-Bassisten spürt man die Wurzeln im Post-Core. Obwohl die Songs Folk sind. Aber eher mit Changes und Dynamik wie im Math-Rock. Und oft mit jazzigem Touch. Lally's zweite Solo-CD besticht durch dominierende, schöne Basslinien und
-figuren, prägender, einfacher Schlagzeugarbeit, eckigen, dissonanten Gitarrenmelodien und manchmal atmosphärischen Keybordebenen. Zu diversen Mitmusikern gehörten auch Ian MacKaye und Guy Picciotto von Fugazi.

Bob Mould
»District Line«

(Beggars)

Bob Mould, ehemals Hüsker Dü und Sugar, ist auch, dies auf seine sehr gitarrenlastig rockige Weise, in die derzeitige neue Leichtigkeit im Songwriting geraten. »District Line« sei seine Art gewesen »etwas in ein Tagebuch zu schreiben«, sagt er. Ja, Notizen wie nebenbei. Zwar manches mitteilenswert gelungen, aber so manches auch unspektakulär belanglos. Er spricht von den vergangenen Jahren als »sehr positive Erfahrung«. Umgesetzt dann also zu etwas mit eingängigem Pop-Appeal, wenngleich reflektiert: »...the slow romantic decay....« (»Shelter Me«), durch Amy Domingues' Cellomelodien in einigen Songs verfeinert und kantig durch die Drums von Brendan Canty von Fugazi.

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(SKUG 74 (print), 4-6/08)
("Venus at the Forge of Vulcan" by Jan Breughel the Younger)

Elliott Sharp's Terraplane
»Forgery«

(Intuition)

Terraplane ist eines der diversen Bandprojekte von Avantgarde-Downtown-NYC-Größe Elliott Sharp. Derzeit mit schnörkellosem,
urbanen Blues mit Free Jazz-Elementen. Auch futuristic Guerrilla Blues genannt. Sharp besann sich als Basis für das neue Album »Forgery« auf eine alte Weisheit des R&B und läßt Wirkung beruhend auf einer funky Rhythmusgruppe (David Hofstra: Bass, Tony Lewis: Drums) und einer jazzy Horn Section (Curtis Fowlkes: Posaune, Alex Harding: Baritonsaxophone) entstehen. So gelingt es Terraplane geballte Energie freizusetzten, die zusammen mit Gitarre, Steel Guitar und Tenorsaxophon von Sharp und der emotinalen Stimme von Eric Mingus zu einer immensen Kraft wird. In einem Spektrum von merkwürdig beunruhigender Stimmung, die aktuelle Situation nach nine-eleven widerspiegelnd - »War Between The States«, bis zu einem dem alten, warmen Blues nahen Feeling - »How Much Longer Blues«. »Katrina Blues« über New Orleans bekommt durch den Gesang von Poetin Tracie Morris eine besondere Atmosphäre. Der CD-Titel »Forgery« bezieht sich auf den derzeitigen Zustand von New York, »jener Stadt, die immer noch vorgibt, der Puls der Welt zu sein, aber in Wirklichkeit längst zu einem Museum ihrer selbst verkommen ist.« - »...Von dem New York, das ich einst liebte, ist nichts mehr übrig.«, wird Sharp im Label-Info zitiert. Und in dieser Lebenssituation entstanden Aussagen über Politisches und Zwischenmenschliches - auf dem Cover teilt er mit: »...to move or advance against strong resistance...«.

www.elliottsharp.com

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(SKUG 74 (print), 4-6/08)

Wednesday, February 27, 2008



Architektur in Wien, 2008
Foto: Tina Karolina Stauner

Das Ausstellungsgebäude der Wiener Secession, 1897/98 von Joseph Maria Olbrich errichtet.

https://www.secession.at/

Saturday, December 29, 2007


Toshinori Kondo
»Silent Melodies«
stilll/off/broken silence

Der Tokioter Avant-Jazz-Trompeter Toshinori Kondo, sonst in Zusammenarbeit u.a. mit Größen der New Yorker Downtown-Szene, hat die Solo-CD »Silent Melodies« veröffentlicht: nur elektrische Trompete und Effekte ohne jegliche Overdubs. Er öffnet einen seltsamen, dunklen Klangraum. Melodiegebilde beginnen sich darin auszubreiten wie erratische Objekte in einer Parallelwelt zur Wirklichkeit. Eine spirituelle Sphäre entsteht, die nichts mit flacher Esoterik zu tun hat. Manche Stücke werden zum Meditationsraum. Und es kann sich auch ein diffuser Negativraum spiegeln. Manchmal sind in Hall fragmentarisch gebrochen Themen zu erahnen, die für Momente an Jazzklassiker erinnern. Und echoartig blenden sich Rhythmusebenen ein wie Sterotypien. Kondos Trompetenimprovisationen in einem extremen Spektrum von fragilen bis kraftvollen, oft verfremdeten, verzerrten, manirierten Tonfolgen führen zu einer Spannung eigenartiger, schwer benennbarer Dimension zwischen archaischen Tiefen und Zukunftsvisionärem. Die Klangfacetten seines Trompetentons blitzen aus Düsterem und sind merkwürdig meditativ und wie ein Statement gegen jede oberflächliche Eloquenz.

www.skug.at
(SKUG 73 (print), 1-3/08)
Richard Thompson
"Sweet Warrior"
Proper Records/Rough Trade

Richard Thompson gehört zu den Musikern, die Maßstäbe gesetzt haben für das, was Substanz im Songwriting bedeutet. Er begann mit Fairport Convention, veröffentlichte dann mit seiner Frau Linda zusammen und danach Soloalben auf kontinuierlich hohem Niveau. Dieses Jahr erschien »Sweet Warrior«, Songs die von Verlust und Verrat erzählen. Wir befinden uns an persönlichen und öffentlichen Kriegsfronten...Der Opener, das griffige »Needle And Thread«, gibt Anhaltspunkt dafür von welch desolatem Seelenzustand man ausgehen kann: »...I'll thread up my needle and then/Gonna sew my soul back together again...«. Doch dann folgt gleich der tighte Up-Tempo-Kick »I'll Never Give It Up«. Und im kraftvollen, provokativen »Dad's Gonna Kill Me« über die Situation eines jungen Soldaten in Bagdad, das als Dad bezeichnet wird, gibt Thompson ein politisches Statement. Eins der einprägsamsten Stücke ist in saxophon-akzentuiertem Ska-Rythmus »Francesca«. Ein Paradoxon, denn zu einer wunderschönen Melodie, regelrecht Synonym für Lebensfreude pur, gibt es eine abgrundtieftraurige Geschichte über Rufmord. Mit emotionaler Klarheit gelingt es auch jeder der Balladen dieses Albums im Innersten zu berühren.
Insbesondere Fiddle, Mandoline, Hurdy Gurdy und Harmoniegesang auf »Sweet Warrior« sind sehr der Folkrocktradition verbunden und fast wie musikalische Zitate wirken manche reinen Folkeinschübe in dem insgesamt aber oft dem straighten Rock nahen, höchst energiegeladenen Album. Thompson hat das Gespür für den perfekten Song, er hat das besondere Timbre in der Stimme und seine E-Gitarre ist Präzisionsarbeit über dem warmen Acoustic Bass von Danny Thompson. Dazu schnörkellos exakte Rockdrums von Michael Jerome. Stellt sich allerdings die Frage warum eine Spur zugänglicher produziert wurde als man es von Thompson gewohnt ist und als es der Härte der Aussagen und des Zynismus näher sein könnte. Sieht man Thompson doch abgebildet auf der Cover-Rückseite eine Gitarre haltend wie ein Gewehr im Anschlag.

www.richardthompson-music.com

www.skug.at
(SKUG 73 (print), 1-3/08)

Sunday, November 18, 2007

"...Ich glaube, das was uns allen Sorgen macht, das ist das Ende des Pop..." (aus "Lager ohne Grenzen. Europäische Benefizveranstaltung gegen den Krieg" von Christoph Schlingensief, Hörspiel WDR, 1999)

17.11.07 - "Stifters Dinge", Heiner Goebbels, Muffathalle München


Die neue Heiner Goebbels-Bühnenproduktion spiegelt das wider, was ich für einige Zeit hauptsächlich tat: mich (aus diversen Gründen) nicht unter Leuten der Kulturszene aufhalten. In dem Projekt "Stifters Dinge" fehlt der Musiker und der Schauspieler. Auf menschenleerer Bühne bieten Klaviere, Objekte und Maschinen, die von einer Software gesteuert werden, im Kontext des Bühnenbildes ein Eigenleben und ein Konzert...bei dem u.a. ein Stiftertext gelesen wird: "...Das Rauschen, welches wir früher in den Lüften gehört hatten, war uns jetzt bekannt; es war nicht in den Lüften, jetzt war es bei uns. In der ganzen Tiefe des Waldes herrschte es ununterbrochen fort, und entstand, wie die Äste und Zweige krachten und zur Erde fielen. Es war um so fürchterlicher, da alles Andere unbeweglich stand … Wir harreten, und schauten hin, ich weiß nicht, war es Bewunderung oder Furcht, in das Ding hinein zu fahren..." (Adalbert Stifter, "Die Mappe meines Urgroßvater")
Meine eigene Arbeit in Text und Bild der vergangenen Monate ist noch nicht online, veröffentlicht oder ausgestellt.
(Foto: Berliner Festspiele)
www.heinergoebbels.com

Saturday, September 22, 2007

Gob Iron "Death Songs For The Living", 2006

Irritierend auf einmal von der CD "Death Songs For The Living" von Gob Iron so sehr an die Zeit erinnert zu werden in der ich besonders Folk und Folkrock hörte. Die Tage vor mehr als 15 Jahren als ich nach den frühen Aufnahmen von Bruce Cockburn oder Murray McLaughlan suchte. Damals war damit selbstverständlich ganz klar eine Lebenshaltung und politische Einstellung verbunden, bei jedem, der sich mit dieser Musikrichtung befaßte. Das war noch bevor die Worte political correctness zum Begriff und auch zur Floskel wurden und dann wieder aus den Medien verschwanden.
Es geht Gob Iron, einem Song-Interpretationen-Projekt, mit dem Jay Farrar (Son Volt) und Anders Parker (Varnaline) Originalen nachspüren, um den Stellenwert von Tradition, ernsthaften Aussagen und erstklassigem musikalischen Handwerk und darum dies weiter oder wieder ins Bewußtsein zu bringen. Deshalb eine wichtige CD.

Friday, September 21, 2007

Kontraste »Seltsame Musik«
05. - 13.10.2007 Klangraum Krems Minoritenkirche

Absolut jenseits des Mainstream bietet das 5. Kontraste mit »Seltsame Musik« ein extremes Musikspektrum. Performance, Klangkunst, interdisziplinäre und auch raumbezogene Projekte von Musikern, Instrumentenbauern, Klangerfindern in der speziellen Atmosphäre der Minoritenkirche. Einige Programmpunkte: Unter dem Motto »Odd Orchestras« spielt das Ensemble Extended Heritage Stangl-Castelló-Kompostionen für Saxophon (John Butcher) und Quiet Players. Sie lassen uns wissen: »Wir lassen in erhabener Ereignislosigkeit eine sorgfältige Unordnung walten...«. Weiter aufgeführt werden Improvisationen polyphoner Bläsermusik vom Franz Hautzinger Trumpetorchestra. Hautzinger über seine Musik: »Ich spiele zwar Trompete, aber meine Arbeits-, Denkweise und Haltung ist in Struktur, Klang und Frequenz elektronisch.« Der Höhepunkt des Abends »Magnetic Ladies« ist Diamanda Galás. Ihr Konzert mit dem Titel »Guilty, Guilty, Guilty« sind Liebes- und Todeslieder. Galás spricht von explodierenden Grenzen, der sophisticated Waffe Stimme und rohen Emotionen über das Programm aus eigenen Songs und Interpretationen. Im folgenden Teil »Strange Instruments« stellen Hans Reichel & Kazuhisa Uchihashi die Daxophone vor, selbstgebaute Streichinstrumente, die ähnlich wie eine singenden Säge klingen. Pierre Bastien leitet dann ein futuristisch-dadaistisch anmutendes »Mechanikum« aus hybriden toyrobots. Die Musiker sind arrangierte Maschinen in einem kuriosen Orchester aus Teilen von Metallbaukästen. Ein Tohuwabohu, das wie melancholische, surreale, meditative Minimalmusik klingt. Schließlich »Trash 'n Pop«. Mit Bob Rutman und dem irritierenden Sound der großen Instrumentenskulpturen des Steel Cello Ensemble. Den Fluxus-Performerinnen Nista Nije Nista, die in freier Improvisation, Noise, simplen Songs und ironischen Sprachspielen der Aussage nachgehen: »Nichts ist nicht Nichts.« Zum Abschluß die Beat-Legende The Monks. Die »Anti-Beatles« mit absurden Statements zu primitiven Rhythmen sind Kult.
www.klangraum.at
(SKUG 72 (print), 10-12/07)

(Auftragsübersetzung aus dem Englischen für skug)


music unlimited #21
9.–11.11.2007 Alter Schl8hof Wels

Dieses Jahr wird »music unlimited« in Wels von Carla Kihlstedt kuratiert. Die klassisch geschulte Violinistin und Vocalistin bewegt sich mit ihrer Arbeit in einem Spannungs- und Kommunikationsfeld traditioneller und experimenteller Klänge von Folk, Jazz, freier Improvistion, zeitgenössischer Kammermusik, Metal-Versatz, amerikanischer Rootsmusik und diverser Weltmusik. Bei dem mit »Songs For Hands & Mouths« betitelten Avantgarde-Festival ist sie mit Ben Goldberg Quintet, das Hard Bop, Free Jazz und Neue Musik kombiniert, mit der Avant-Rockband Sleepytime Gorilla Museum und mit ihrer Aufführung
»Sympathy and Difference« zu erleben. Kihlstedt und die von ihr eingeladenen Musiker loten die Differenziertheit von Komposition und die Augenblicksidentität von Improvisation bis über Grenzen und auch deren Überschneidungen aus. In Crossovers, die nach einer Befreiung von einfacher Spartenzuordnung verlangen. Eine Erschließung neuer Klangäume, über die Carla Bozulich, die »Evangelista« präsentiert, schreibt: »...Sogar wenn du an nichts glaubst. Gut oder böse, es gibt nichts mit leerem Raum vergleichbares. Sogar in diesem Hohlraum ist Sound. Du wirst es hören...« Weiter dabei u.a. das bizarre Rockabilly-Bossa -Folkpunk Trio Bolivar Zoar, neo-psych-folk Songtelling von Faun Fables, die chinesische Guzheng-Spielerin Wu Fei, tribal Rhythms bis komplexe Soundstrukturen von Larry Ochs Sax & Drumming Core & Guests, die Secret Chiefs 3 und ihr Genre-Medley mit Anklängen an die Musik des Mittleren Ostens und Free Hardcore-Jazz von Ron Anderson & the Molecules. Im Spektrum von Free Jazz, Electronics, Postmoderne und neuer Improvisation die Formationen John Butcher & Gino Robair, Kurzmann/Tilbury/Dafeldecker/Wishart genannt Violet Quartet und Ellery Eskelin & Andrea Parkins & Jim Black. Und sogenannte Neue Musik von Lisa Bielawa und Marina Rosenfeld. Plus DJing und Sound-Installation.
www.musicunlimited.at
(SKUG 72 (print), 10-12/07)

(Auftragsübersetzung aus dem Englischen für skug)

www.skug.at

Saturday, August 25, 2007


Hofgarten München
Detail Dianatempel, der von Heinrich Schön im Jahr 1615 angelegt wurde.
Foto: Tina Karolina Stauner, 2007

Friday, August 24, 2007

Äl Jawala (...BalkanBigBeatz...) in der Münchner Fußgängerzone einige Tage vor ihrem Konzert beim Jazzfestival Saalfelden
Foto: Tina Karolina Stauner, 2007

Thursday, August 23, 2007

"Francis Bacon - Form und Exzess", Regie: Adam Low, Musik: u.a. Brian Eno, 2005/2007

Das Gesicht Bacon's, seine Mimik beobachten und seine Körperbewegungen und die Art wie er sprach...ein Mann, der sich selbst als "medium of chance and accident" bezeichnete. Ich sah vor Jahren die Retrospektive im Haus der Kunst in München und las umfangreiche Literatur über ihn. Jetzt einfach in Nahaufnahme persönliche Details seines Lebens und seiner Beziehungswelt entdecken. Collagenhaft die dokumentarischen Film-, Interview- und Musiksequenzen, die sich zu einem Bild von Bacon's Persönlichkeit zusammenfügen. Und Bilder der Deformation, mit denen er auf ein kaum kontrollierbares Potential an latenter körperlicher Gewalt und psychischer Kräfte im Menschen hinweist. Wer sich für Bacon interessiert, soll sich das Wissen über ihn erarbeiten. Mit einigen schnell lesbaren Worten über ihn oder diesen Film besteht die Gefahr ihn gerade mal oberflächlich klischeehaft zu skizzieren.
- hier Informationen und Bilder: http://www.francisbacon.com

Saturday, August 18, 2007

Christiane Osann



Josef Alexander Henselmann, 1998
(Fotos: Tina Karolina Stauner, 2007)
Porträtserie aus einer Welt jenseits allübergreifender oberflächlicher Eloquenz. Reliefs aus dem Jahr 1998 von dem Bildhauer Josef Alexander Henselmann in der Münchner Frauenkirche. Gesichter mit Ecken und Kanten. Die Augen sind mit Höhlen, Löchern als Pupille, die dem Blick etwas Doppeldeutiges geben, einerseits wie verzweifelt nach innen gerichtet, andererseits wie klar und selbstbewußt beobachtend aus unkorrumpierter Position an einer Grenze zwischen Macht und Resignation. Bin ich im sakralen Raum auf zu konservativem Terrain, frage ich mich. Aber als Vergleich, als einer der Orientierungspunkte, im einen Extrem, scheinen mir diese Reliefs gerade geeignet, auch im Hinblick auf die Inflation der Bilder z.B. in MySpace, im anderen Extrem. Und im Kontrast zu dem Relief eine Skulptur von Christiane Osann. Derzeit in der Galerie Westend in München.

Friday, August 03, 2007

21.06.07 Sonic Youth, Tollwood Festival, München

Sonic Youth spielen die "Daydream Nation"-LP von 1988 nach.
Ich frage mich jedenfalls zuallererst: Warum das? Um zu zeigen, daß diese Songs nichts an Kraft und Wichtigkeit verloren haben? Oder um bewußt das Gegenteil zu demonstrieren, nämlich daß die Zeit vergangen ist...?
Ich gehe am frühen Abend auf das Festivalgelände zu. Sonic Youth spielen längst. Als das weiße, hell leuchtende Festivalzelt in der Ferne in Sichtweite ist, ist auch der Sound schon so deutlich, daß die Songs gut zu hören sind. Das Völkchen der Tandler hat sich mit kleinen Zelten und Buden um das große Musikzelt angesiedelt. Mit lauter hübschem Kunsthandwerk, Kleinkram, Tand. Der ganze Platz ist beleuchtet mit Kerzen und Lampions. Bunte Lichter überall. Und Drinks und Gesprächsfetzen. Ein Ort einfach für gute Laune und gemütliche Stimmung am Rande eines grauen, durchschnittlichen Stadtalltags. Ein bißchen wie eine kleine Märchenwelt für sich, das Musikzelt ein strahlender Märchenpalast mit Sonic Youth als Märchenfiguren. Hatten die Gefühle und Gedanken der "Daydream Nation"-Zeit realen Wert?
Zwar flackerndes Kerzenlicht in der ganzen Zeltstadt, doch die Gerhard Richter-Kerze des Plattencovers ist nur noch auf dem Bild angezüdet. Das Licht der damaligen Zeit brennt nicht mehr.
Ich höre und sehe etwas Artifizielles, dem es an echter, innerer Spannung fehlt, wenn ich mich heute mit der Show von "Daydream Nation" originalgetreu auf der Bühne nachgespielt konfrontiere. Das zutiefst existenzielle Element, das "Daydream Nation" einmal hatte, ist vorbei. Vielleicht sogar vergessen? Ich weiß was aus dem Leben so manchen Sonic Youth Fans dieser Zeit wurde...bei der Zugabe kommt man zu aktuellem Songmaterial, das feeling verändert sich und so wird es auch interessant Sonic Youth zu hören...und ich bin gedanklich beim Thema Musik und Relevanz...
sonic youth infos: www.sonicyouth.com