Saturday, April 06, 2013
Thom Hell Schulter an Schulter mit den Schwestern von Larkin Poe
Aus den Lovell Sisters, die bis 2009 aktiv waren, ging die Band Larkin Poe durch zwei Lovells hervor, benannt nach deren Urgroßvater. Alt-Country in der Form von Girl-Country, und das mit Betonung von Harmoniegesang, Mandoline und besonders Lap Steel Guitar. Vielleicht konservativ in der Instrumentierung, aber mit einer Prise Neo und Progressiv im Gesamtkonzept. Larkin Poe begann mit vier Platten, die einfach nach den Jahreszeiten benannt wurden. Und Larkin Poe spielte immerhin schon im Vorprogramm von Elvis Costello.
Nun ist in Kollaboration mit dem norwegischen Musiker Thom Hell "The Sound Of The Ocean Sound" erschienen. Mit astreinem Songwriting und Folkrock. Die Schwestern Rebecca und Megan Lovell, Jessica aus frühen Lovell Sisters-Zeiten ist nicht mehr dabei, und Thom Hell, der zuvor mit Marit Larsen zusammenarbeitete, sind für Ohren, die Puristisches mögen. Und das dann gerne mit einem kritischen, frischen und durchaus melancholischen Touch. Wenig Frauen profilieren sich so an der Lap Steel, wie es Larkin Poe tatsächlich exzellent gelingt. Genau das ist auch die Stärke der Band und unterscheidet sie aufs Beste vom Gros der anderen Singer/Songwriterinnen.
Kann sein, dass manches etwas melodiös geraten ist. Dies jedoch ist wie makellos und durchaus mit passablen Texten. Wie die Lyrics von Megan Lovell, die auch die Lap Steel spielt. Sie insbesondere prägt den Sound, auch wenn die Mitmusiker, zu denen außer ihrer Schwester noch Mike Seal, Daniel Kimbro und Gäste gehören, nahezu Perfektionistisches beitragen. Wie etwa so: "...Even so - dear, without you / I'm a ship that is lost to the land..." ("Shoulder To Shoulder"). Aber na ja, schon romantizistisch.
Larkin Poe & Thom Hell
"The Sound Of The Ocean Sound"
www.larkinpoe.com
veröffentlicht: www.melodiva.de
Aus den Lovell Sisters, die bis 2009 aktiv waren, ging die Band Larkin Poe durch zwei Lovells hervor, benannt nach deren Urgroßvater. Alt-Country in der Form von Girl-Country, und das mit Betonung von Harmoniegesang, Mandoline und besonders Lap Steel Guitar. Vielleicht konservativ in der Instrumentierung, aber mit einer Prise Neo und Progressiv im Gesamtkonzept. Larkin Poe begann mit vier Platten, die einfach nach den Jahreszeiten benannt wurden. Und Larkin Poe spielte immerhin schon im Vorprogramm von Elvis Costello.
Nun ist in Kollaboration mit dem norwegischen Musiker Thom Hell "The Sound Of The Ocean Sound" erschienen. Mit astreinem Songwriting und Folkrock. Die Schwestern Rebecca und Megan Lovell, Jessica aus frühen Lovell Sisters-Zeiten ist nicht mehr dabei, und Thom Hell, der zuvor mit Marit Larsen zusammenarbeitete, sind für Ohren, die Puristisches mögen. Und das dann gerne mit einem kritischen, frischen und durchaus melancholischen Touch. Wenig Frauen profilieren sich so an der Lap Steel, wie es Larkin Poe tatsächlich exzellent gelingt. Genau das ist auch die Stärke der Band und unterscheidet sie aufs Beste vom Gros der anderen Singer/Songwriterinnen.
Kann sein, dass manches etwas melodiös geraten ist. Dies jedoch ist wie makellos und durchaus mit passablen Texten. Wie die Lyrics von Megan Lovell, die auch die Lap Steel spielt. Sie insbesondere prägt den Sound, auch wenn die Mitmusiker, zu denen außer ihrer Schwester noch Mike Seal, Daniel Kimbro und Gäste gehören, nahezu Perfektionistisches beitragen. Wie etwa so: "...Even so - dear, without you / I'm a ship that is lost to the land..." ("Shoulder To Shoulder"). Aber na ja, schon romantizistisch.
Larkin Poe & Thom Hell
"The Sound Of The Ocean Sound"
www.larkinpoe.com
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Sunday, March 24, 2013
Jason Molinas Gedankenwelt vom sogenannten "The Black Album" bis "Autumn Bird Songs 10”
Der Songwriter Jason Molina lebt seit diesem März nicht mehr. Er wurde 39 Jahre alt. Ich nahm seine durcharrangierten - dies zwar meist sparsam - Aufnahmen und Live-Einspielungen mit Band bisher einfach wahr wie die von vielen anderen passablen Songwritern. Molina begann in den 90er Jahren mit dem Projekt "Songs: Ohia" und spielte später mit Magnolia Electric Co. Mit der Mini-LP "Autumn Bird Songs 10” veröffentlichte Molina im Herbst 2012 eine CD, die er wie ein Demo-Tape solo mit akustischer Gitarre einige Jahre zuvor schon aufgenommen hatte, bevor er er sich aus gesundheitlichen Gründen zurückzog. Auf "Autumn Bird Songs 10” wurde ich nun aufmerksam, weil Molina tatsächlich heraussticht mit diesen Aufnahmen und sich von vielen anderen um manches abhebt. Eine stark melancholische, beunruhigende Grundstimmung prägt zusammen mit einer gewissen fast beängstigt machenden Härte dieses Album. Das aber gleichzeitig ungemein kraftvoll wirkt und zeigt, welche Klasse Molina eigentlich hatte und zu was für exzellenten Interpretationen seines Songwritings er fähig war. In "Owl & Raven" heißt es: "...Owl and the raven in the pine / Old ghost in the valley, watch / I will drown the light, draw the star / And follow the blues back to you...". Der Illustrator William Schaff ergänzte Jason Molinas Songs mit seiner Arbeit “From Black Sheep Boys To Bill Collectors- The music-related artwork of William Schaff” und es wurde dem Booklet Text hinzugefügt von Will Sheff, John Darnielle und Darren Jackson. Schaff arbeitete auch schon in früheren Jahren für Molinas Band Magnolia Electric Co.
Molinas Songs sind nun online anhörbar: live.magnoliaelectricco.com
(Artwork: The Magnolia Demos)
www.magnoliaelectricco.com
veröffentlicht: www.culturmag.de
Der Songwriter Jason Molina lebt seit diesem März nicht mehr. Er wurde 39 Jahre alt. Ich nahm seine durcharrangierten - dies zwar meist sparsam - Aufnahmen und Live-Einspielungen mit Band bisher einfach wahr wie die von vielen anderen passablen Songwritern. Molina begann in den 90er Jahren mit dem Projekt "Songs: Ohia" und spielte später mit Magnolia Electric Co. Mit der Mini-LP "Autumn Bird Songs 10” veröffentlichte Molina im Herbst 2012 eine CD, die er wie ein Demo-Tape solo mit akustischer Gitarre einige Jahre zuvor schon aufgenommen hatte, bevor er er sich aus gesundheitlichen Gründen zurückzog. Auf "Autumn Bird Songs 10” wurde ich nun aufmerksam, weil Molina tatsächlich heraussticht mit diesen Aufnahmen und sich von vielen anderen um manches abhebt. Eine stark melancholische, beunruhigende Grundstimmung prägt zusammen mit einer gewissen fast beängstigt machenden Härte dieses Album. Das aber gleichzeitig ungemein kraftvoll wirkt und zeigt, welche Klasse Molina eigentlich hatte und zu was für exzellenten Interpretationen seines Songwritings er fähig war. In "Owl & Raven" heißt es: "...Owl and the raven in the pine / Old ghost in the valley, watch / I will drown the light, draw the star / And follow the blues back to you...". Der Illustrator William Schaff ergänzte Jason Molinas Songs mit seiner Arbeit “From Black Sheep Boys To Bill Collectors- The music-related artwork of William Schaff” und es wurde dem Booklet Text hinzugefügt von Will Sheff, John Darnielle und Darren Jackson. Schaff arbeitete auch schon in früheren Jahren für Molinas Band Magnolia Electric Co.
Molinas Songs sind nun online anhörbar: live.magnoliaelectricco.com
(Artwork: The Magnolia Demos)
www.magnoliaelectricco.com
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Saturday, March 23, 2013
Musikalische Facetten der Fantasiewelt der Isländerin Ólöf Arnalds
Aus einer Überdosis von irgend einer Art unerträglichem Alltag lässt sich mit Ólöf Arnalds wundersam-fantasievollem musikalischen Kosmos wieder ganz herausfinden. Die Isländerin Arnalds singt mit glockenklarer, heller Stimme Folksongs, die einer merkwürdig entrückt-verrätselten Welt angehören. Ihr jetzt erschienenes drittes Album "Sudden Elevation" wurde bereits 2011 in einer Hütte in Hvalfjördur in Island zusammen mit Skúli Sverrisson aufgenömmen und scheint bevökert von Fabelwesen und deren Geschichten, die eigentlich aber Menschen sind. Zuhörer finden sich in einer Formvon Märchenstunde für Erwachsene wieder. Menschliche Gefühlwelten können unendlich ins Abgrundtiefe und Himmelhohe führen und mehr. Ein Leben ein ganzes Stück entfernt vom Rationalen sein. Das transformiert Arnalds in Musik. Arnalds ist ausgebildete Violinistin, aber entwickelte sich zur Multinstrumentalistin und ihre Stärke ist auch die Stimme, die einer abgehobenen Sphäre anzugehören scheint. Die Songs haben manchmal einen kleinen Moment von mittelatlerlichen Liedern und können gleichzeitig etwas noch unentdeckt Zukünftiges widerspiegeln. In einem Irgendwo und keinesfalls im Hier und Jetzt. Es bleibt der Fantasie überlassen, wo und wann. Es sind jedenfalls Folksongs, sparsam arrangiert zu akustischer Gitarre und u.a. Charango, Koto, Bass. Und Arnalds befindet sich in Verwandschaft zu Musikerinnen der 60ies wie Sandy Denny oder aktuell Joanna Newsom. Vielleicht klingen Arnalds Lieder eine Spur zu romantisch und zu naiv. Oder eigentlich ganz sicher. Aber zwischendurch im nicht falschen Moment, so sich dieser findet, tun sie ihre richtige Wirkung. In "German Ground" singt Arnolds: "Feathers over German Fields / her face / suddenly touched our untouched /school ground / with love and hate...". Und in "Perfect" teilt sie mit: "Now the wheel within / slowly started to turn / Soon to connect with the others / around it // And the spiral is reversed / Do you dare to be so blessed? // Why? / Oh well /Some things remain a mystery..." Es ist eine ganz eigene, in sich versponnene Welt, in der Arnalds einem einige Kleinigkeiten über Facetten des Leben vermittelt, die man sonst vielleicht gar nicht bemerkt. "Sudden Elevation" ist eine Art "school ground" für die Fantasie und es öffnen sich Türen wie in andere Realitäten um gelegentlich mal hineinhören zu können.
www.olofarnalds.com
veröffentlicht: www.melodiva.de
Aus einer Überdosis von irgend einer Art unerträglichem Alltag lässt sich mit Ólöf Arnalds wundersam-fantasievollem musikalischen Kosmos wieder ganz herausfinden. Die Isländerin Arnalds singt mit glockenklarer, heller Stimme Folksongs, die einer merkwürdig entrückt-verrätselten Welt angehören. Ihr jetzt erschienenes drittes Album "Sudden Elevation" wurde bereits 2011 in einer Hütte in Hvalfjördur in Island zusammen mit Skúli Sverrisson aufgenömmen und scheint bevökert von Fabelwesen und deren Geschichten, die eigentlich aber Menschen sind. Zuhörer finden sich in einer Formvon Märchenstunde für Erwachsene wieder. Menschliche Gefühlwelten können unendlich ins Abgrundtiefe und Himmelhohe führen und mehr. Ein Leben ein ganzes Stück entfernt vom Rationalen sein. Das transformiert Arnalds in Musik. Arnalds ist ausgebildete Violinistin, aber entwickelte sich zur Multinstrumentalistin und ihre Stärke ist auch die Stimme, die einer abgehobenen Sphäre anzugehören scheint. Die Songs haben manchmal einen kleinen Moment von mittelatlerlichen Liedern und können gleichzeitig etwas noch unentdeckt Zukünftiges widerspiegeln. In einem Irgendwo und keinesfalls im Hier und Jetzt. Es bleibt der Fantasie überlassen, wo und wann. Es sind jedenfalls Folksongs, sparsam arrangiert zu akustischer Gitarre und u.a. Charango, Koto, Bass. Und Arnalds befindet sich in Verwandschaft zu Musikerinnen der 60ies wie Sandy Denny oder aktuell Joanna Newsom. Vielleicht klingen Arnalds Lieder eine Spur zu romantisch und zu naiv. Oder eigentlich ganz sicher. Aber zwischendurch im nicht falschen Moment, so sich dieser findet, tun sie ihre richtige Wirkung. In "German Ground" singt Arnolds: "Feathers over German Fields / her face / suddenly touched our untouched /school ground / with love and hate...". Und in "Perfect" teilt sie mit: "Now the wheel within / slowly started to turn / Soon to connect with the others / around it // And the spiral is reversed / Do you dare to be so blessed? // Why? / Oh well /Some things remain a mystery..." Es ist eine ganz eigene, in sich versponnene Welt, in der Arnalds einem einige Kleinigkeiten über Facetten des Leben vermittelt, die man sonst vielleicht gar nicht bemerkt. "Sudden Elevation" ist eine Art "school ground" für die Fantasie und es öffnen sich Türen wie in andere Realitäten um gelegentlich mal hineinhören zu können.
www.olofarnalds.com
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Saturday, February 23, 2013
Harmolodic und der Vertrautheitsfaktor - James Blood Ulmer
James Blood Ulmer Black Rock Experience bzw. Odyssey feat. Queen Esther, Unterfahrt München, 29.01.13
Gitarrist und Sänger James Blood Ulmer hatte beim Konzert in der Unterfahrt die Sängerin Queen Esther mit dabei, die wie er aus den Südstaaten der USA kommt. Anders als angekündigt war am Schlagzeug G. Warren Benbow und an der Violine Charles Burnham. Die Formation Black Rock kennt man in anderer Besetzung. So sollten auftreten Mark Peterson und Grant Calvin Weston.
Reizvoll fand ich sofort, dass der Violinist Charles Burnham mit auf der Bühne war. Das ist dann aber eigentlich nicht Black Rock, sondern das 1983 gegründetes legendäre Trio Odyssey, stellte ich fest. Von dem auch einige besonders nenneswerte Alben stammen. Charles Burnham kennt man auch vom Zusammenspiel mit z.B. Cassandra Wilson, Henry Threadgill und Warrren Benbow spielte mit Nina Simone, Betty Carter u.a. Queen Esther, die eine Vier-Oktaven-Stimme hat, sang beispielsweise für Hubert Sumlin.
Aufregend neu ist die Mixtur aus Blues, Rock, Funk, Soul, bei der James Blood Ulmers speziell für Harmolodic gestimmte Gitarre wesentlich ist, nun nicht mehr wie damals, als Harmolodic erstmals aufzutauchen begann. Aus dem Ungestümen und Rohen von Odyssey-Zeiten ist etwas gut und als altbekannt Eingespieltes, Versiertes geworden. Harmolodic ist mittlerweile in weiteren Kreisen bekannter und konnte dabei so manchen Ohren vertrauter werden. Nicht nur Insidern. Harmolodic klingt vielleicht auch selber etwas gemäßigter. Und weniger ungestüm und wild. Vielleicht ist das aber auch nur bei mir so, die Harmolodic über die Jahre beobachtet und ständig gehört hat. Natürlich auch das Werk von Ornette Coleman, von dem James Blood Ulmer einst in Zusammenarbeit entscheidend inspiriert wurde. Und durch den Ulmer stilprägend seinen Free-Funk entwickeln konnte.
Autonomie und alternative Strukturen waren zu Beginn der Harmolodic tonangebend. Doch dass die Musiker der Harmolodic Teil des Musicbussines wurden und durch die Institutionen gingen ist auch an deren Musik nicht ganz spurlos vorbeigegangen. Ornette Colemans Theorien waren so ziemlich das Gegenteil dessen, was allgemein an Musiktheorie gelehrt wurde. Und frei behandelt auch Ulmer die Stimmung und das Spiel seiner Gitarre. Bevorzugte Gitarren von Ulmer sind seit einer Weile schon Gibson und Steinberger.
Aber auch wenn bei der Harmolodic das, was man als Feeling bezeichnet, entscheidend ist, so ist die Harmolodic doch ein Gedankengebäude. Wenngleich kein integrales System im Europäischen Sinne. Nicht kodifiziert, nicht hierarchisiert. Man kann Harmolodic ein offenes Reservoir an Verfahren nennen. In dem Ulmer seinen ureigenen Weg geht.
James Blood Ulmer betont in diesen Jahren gerne den Blues und nicht mehr so sehr den exzessiven Free-Funk. So sah ich den jetzt 71-jährigen bei Shows öfter zurückhaltener als früher. Diesmal aber ging er nun auch wieder in extrovertiertere Spielarten seiner Persönlichkeit. Und ließ dabei an seiner Seite ergänzend Queen Esther als Vocalistin eine wichtige Rolle. Die diese auch souverän wahrnahm. Und Ulmers Songs gekonnt bereicherte. Den Sound von Odyssey kennzeichnet vor allem auch das starke und besondere Einsetzen der Violine und macht ihn zusammen mit Ulmers schroffer Gitarre völlig unverwechselbar.
Im verhalteneren Anfangsteil des Konzerts bot Ulmer gleich nach "White Man Jail" dann "I Can' t Take it Anymore". Später dann ging er bei "Devil Got to Burn" aus sich heraus wie von mir lange nicht mehr gesehen und spielte darauf "Show me Your Love". Ulmer beendete den Set dann mit "America". Natürlich: Harmolodic ist made in America. Ulmer gehört zu den Jazzrevolutinären und seine Einzigartigkeit steht nicht in Frage. Er zelebriert dies. Aber viele begreifen dabei vermutlich nicht, dass die Bedeutung von Harmolodic eine ganze Musikphilosophie ist. Sogar eine soziale Utopie. Sogesehen ist Ulmer eigentlich mit einigen anderen Mitstreitern Verbreiter einer Mission.
Info James Blood Ulmer
veröffentlicht: www.kultura-extra.de
James Blood Ulmer Black Rock Experience bzw. Odyssey feat. Queen Esther, Unterfahrt München, 29.01.13
Gitarrist und Sänger James Blood Ulmer hatte beim Konzert in der Unterfahrt die Sängerin Queen Esther mit dabei, die wie er aus den Südstaaten der USA kommt. Anders als angekündigt war am Schlagzeug G. Warren Benbow und an der Violine Charles Burnham. Die Formation Black Rock kennt man in anderer Besetzung. So sollten auftreten Mark Peterson und Grant Calvin Weston.
Reizvoll fand ich sofort, dass der Violinist Charles Burnham mit auf der Bühne war. Das ist dann aber eigentlich nicht Black Rock, sondern das 1983 gegründetes legendäre Trio Odyssey, stellte ich fest. Von dem auch einige besonders nenneswerte Alben stammen. Charles Burnham kennt man auch vom Zusammenspiel mit z.B. Cassandra Wilson, Henry Threadgill und Warrren Benbow spielte mit Nina Simone, Betty Carter u.a. Queen Esther, die eine Vier-Oktaven-Stimme hat, sang beispielsweise für Hubert Sumlin.
Aufregend neu ist die Mixtur aus Blues, Rock, Funk, Soul, bei der James Blood Ulmers speziell für Harmolodic gestimmte Gitarre wesentlich ist, nun nicht mehr wie damals, als Harmolodic erstmals aufzutauchen begann. Aus dem Ungestümen und Rohen von Odyssey-Zeiten ist etwas gut und als altbekannt Eingespieltes, Versiertes geworden. Harmolodic ist mittlerweile in weiteren Kreisen bekannter und konnte dabei so manchen Ohren vertrauter werden. Nicht nur Insidern. Harmolodic klingt vielleicht auch selber etwas gemäßigter. Und weniger ungestüm und wild. Vielleicht ist das aber auch nur bei mir so, die Harmolodic über die Jahre beobachtet und ständig gehört hat. Natürlich auch das Werk von Ornette Coleman, von dem James Blood Ulmer einst in Zusammenarbeit entscheidend inspiriert wurde. Und durch den Ulmer stilprägend seinen Free-Funk entwickeln konnte.
Autonomie und alternative Strukturen waren zu Beginn der Harmolodic tonangebend. Doch dass die Musiker der Harmolodic Teil des Musicbussines wurden und durch die Institutionen gingen ist auch an deren Musik nicht ganz spurlos vorbeigegangen. Ornette Colemans Theorien waren so ziemlich das Gegenteil dessen, was allgemein an Musiktheorie gelehrt wurde. Und frei behandelt auch Ulmer die Stimmung und das Spiel seiner Gitarre. Bevorzugte Gitarren von Ulmer sind seit einer Weile schon Gibson und Steinberger.
Aber auch wenn bei der Harmolodic das, was man als Feeling bezeichnet, entscheidend ist, so ist die Harmolodic doch ein Gedankengebäude. Wenngleich kein integrales System im Europäischen Sinne. Nicht kodifiziert, nicht hierarchisiert. Man kann Harmolodic ein offenes Reservoir an Verfahren nennen. In dem Ulmer seinen ureigenen Weg geht.
James Blood Ulmer betont in diesen Jahren gerne den Blues und nicht mehr so sehr den exzessiven Free-Funk. So sah ich den jetzt 71-jährigen bei Shows öfter zurückhaltener als früher. Diesmal aber ging er nun auch wieder in extrovertiertere Spielarten seiner Persönlichkeit. Und ließ dabei an seiner Seite ergänzend Queen Esther als Vocalistin eine wichtige Rolle. Die diese auch souverän wahrnahm. Und Ulmers Songs gekonnt bereicherte. Den Sound von Odyssey kennzeichnet vor allem auch das starke und besondere Einsetzen der Violine und macht ihn zusammen mit Ulmers schroffer Gitarre völlig unverwechselbar.
Im verhalteneren Anfangsteil des Konzerts bot Ulmer gleich nach "White Man Jail" dann "I Can' t Take it Anymore". Später dann ging er bei "Devil Got to Burn" aus sich heraus wie von mir lange nicht mehr gesehen und spielte darauf "Show me Your Love". Ulmer beendete den Set dann mit "America". Natürlich: Harmolodic ist made in America. Ulmer gehört zu den Jazzrevolutinären und seine Einzigartigkeit steht nicht in Frage. Er zelebriert dies. Aber viele begreifen dabei vermutlich nicht, dass die Bedeutung von Harmolodic eine ganze Musikphilosophie ist. Sogar eine soziale Utopie. Sogesehen ist Ulmer eigentlich mit einigen anderen Mitstreitern Verbreiter einer Mission.
Info James Blood Ulmer
veröffentlicht: www.kultura-extra.de
Friday, February 22, 2013
Eine blasse musikalische Sache -"Pale Green Ghosts" von John Grant
John Grant sagt mir mit "Pale Green Ghosts" musikalisch überhaupt nichts. Das 80s- und New Wave-ige in seinen Arrangements kann ich zum einen nicht ab. Und zum anderen ist es bei ihm auch tatsächlich nicht überzeugend eingesetzt. Wenn er das Elektronik-lastige zurücknimmt beginnt er als Singer-Songwriter zu wirken und man könnte sich für das, was er wahrscheinlich zu sagen hat, interessieren. Sein Potential zeigte er jedenfalls bei Solo-Performances. Zu Zeiten seiner früheren Formation The Czars konnte er noch als mehr als ein farbloser Geist halbwegs stimmig sein. Wenigstens für völlige und ausschließliche Indie-Rockfans. Zu denen ich aber nicht unbedingt gehören wollte. Grant lebte in u.a. New York, London, Berlin bevor er nach Reykjavik in Island zog. Um dort dann eingeladen von Birgir Þórarinsson, a.k.a. Biggi Veira von Iceland’s electronic pioneers Gus Gus das Album "Pale Green Ghosts" aufzunehmen gemeinsam mit diversen isländischen Musikern. Vielleicht eine gute Idee, aber das Ergebnis ist so aufregend nicht. Grant erzählt über sich und sein Leben: “I’d take the I-25, between Denver and Boulder, which was lined with all these Russian olive trees, which are the pale green ghosts of the title: they have this tiny leaves with silver on the back, which glow in the moonlight...The song is about wanting to get out of a small town, to go out into the world and become someone and made my mark.” Es ist ihm nur leider mit "Pale Green Ghosts" nicht gelungen wie gedacht. Vintage synth-pop und industrial dance gehen mit seinem Songwriting nicht wirklich zusammen. Mag Electronica ein Teil seiner Persönlichkeit sein, wie er sagt, so zeigt er doch nicht Stärke in diesem Genre. "Pale Green Ghosts" bleibt eine blasse Angelegenheit. “Moving to Reykjavik, at the age of 43, was incredibly risky and scary,” teilt Grant mit. Es hat ihn musikalisch nur nicht weitergebracht.
www.johngrantmusic.com
John Grant sagt mir mit "Pale Green Ghosts" musikalisch überhaupt nichts. Das 80s- und New Wave-ige in seinen Arrangements kann ich zum einen nicht ab. Und zum anderen ist es bei ihm auch tatsächlich nicht überzeugend eingesetzt. Wenn er das Elektronik-lastige zurücknimmt beginnt er als Singer-Songwriter zu wirken und man könnte sich für das, was er wahrscheinlich zu sagen hat, interessieren. Sein Potential zeigte er jedenfalls bei Solo-Performances. Zu Zeiten seiner früheren Formation The Czars konnte er noch als mehr als ein farbloser Geist halbwegs stimmig sein. Wenigstens für völlige und ausschließliche Indie-Rockfans. Zu denen ich aber nicht unbedingt gehören wollte. Grant lebte in u.a. New York, London, Berlin bevor er nach Reykjavik in Island zog. Um dort dann eingeladen von Birgir Þórarinsson, a.k.a. Biggi Veira von Iceland’s electronic pioneers Gus Gus das Album "Pale Green Ghosts" aufzunehmen gemeinsam mit diversen isländischen Musikern. Vielleicht eine gute Idee, aber das Ergebnis ist so aufregend nicht. Grant erzählt über sich und sein Leben: “I’d take the I-25, between Denver and Boulder, which was lined with all these Russian olive trees, which are the pale green ghosts of the title: they have this tiny leaves with silver on the back, which glow in the moonlight...The song is about wanting to get out of a small town, to go out into the world and become someone and made my mark.” Es ist ihm nur leider mit "Pale Green Ghosts" nicht gelungen wie gedacht. Vintage synth-pop und industrial dance gehen mit seinem Songwriting nicht wirklich zusammen. Mag Electronica ein Teil seiner Persönlichkeit sein, wie er sagt, so zeigt er doch nicht Stärke in diesem Genre. "Pale Green Ghosts" bleibt eine blasse Angelegenheit. “Moving to Reykjavik, at the age of 43, was incredibly risky and scary,” teilt Grant mit. Es hat ihn musikalisch nur nicht weitergebracht.
www.johngrantmusic.com
Thursday, February 21, 2013
Folksongs wie Wachträume von Luai
Da hält sich offensichtlich ein unbekleidetes weibliches (oder androgynes?) Wesen tagträumend mit geschlossenen Augen über Wasser in einer merkwürdigen Siedlung in der die ganzen Straßen überflutet sind und dürre Rauch-Zweige von Kaminen aus in den Himmel emporstreben. Jedenfalls auf dem gezeichneten Coverdesign von "Boulder Thicket", der aktuellen Veröffentlichung von Luai. Luai ist die Finnin Saara Markkanen zusammen mit Mitmusikern.
Auf "Boulder Thicket" hört man fragile und spröde Folkmusik. Zwar wie man sie immer wieder von allen möglichen mehr oder weniger interessanten Leuten angeboten bekommt. Doch: Luai ist eine herausragende Ausnahmeerscheinung. Es gibt Momente, da möchte man fast an Nick Drake denken. Introspektiv versponnen oder auch verhalten swingend klingen die Songs von Luai. Hübsch und manchmal leicht schräg. Und jeden Moment wie kleine Kostbarkeiten. Luais Lieder konnten mich vom ersten Kontakt an in den Bann ziehen.
Saara Markkanen lebt derzeit in Berlin und spielt erst seit einigen Jahren akustische Gitarre, was sie sich einfach beim Songschreiben beigebracht hat. Die Lyrics handeln von Befindlichkeiten. So etwas verarbeiten auch andere Musiker zu Stücken, aber nicht immer so schwebend schön wie bei Luai. Markkanen schreibt über nebensächliche Kleinigkeit oder große Gefühle gleichermaßen. Klingt dabei altklug naiv. Weiß beispielsweise etwas über Einsamkeit: "...I knew how to give / but not to receive / Lonely as alone can be / I am full of empty sounds laying around / Lonely as alone can be." ("Lonely As Alone Can Be") Oder etwas, das mit dem Coverbild korrespondiert: "...too much of everything / enough of nothing / I stand still as the rivers flow by / In the middle of it all I forgot to ask why // I travelled far to meet all my tomorrows / only one greeting me was my past / running away from all the sorrow / I travelled far and I travelled fast..." ("Nobody Is An Island") Und weiß noch vieles mehr zu berichten. Das zu akustischer Gitarre, Bass, Perkussion, Piano, Cello und Holzblasinstrumenten erzählt wird. Luai ist ganz sicher etwas Besonderes im Meer des Songwriting.
Luai
"Boulder Thicket"
www.saaramaija.tumblr.com
veröffentlicht: www.culturmag.de
Friday, February 15, 2013
Dem Jazz total ins Netz gegangen - junge deutsche Jazzband, alter Herr des amerikanischen Jazz und außerdem eine internationale Jazzlabelgeschichte: Ebene Null, Wayne Shorter Quartet und ECM.
"Ebene Null ist die Summe seiner Einzelteile. Sie ist oberhalb und unterhalb, überall und nirgendwo zugleich. Sie verteilt sich wie blauer Dunst. Sie ist einfach sie selbst ohne zu fragen. Wenn ich ein Stein wäre würde ich mich zu ihr legen" (Lucas Leidinger)
"Ich meine ja, dass nichts wirklich zum Ende kommt (...) Wir versuchen das Beste der Klassiker als eine Art Licht zu nutzen, das den Weg ins Ungewisse erhellt." (Wayne Shorter)
"Musik ist das Zentrum, und alles verzweigt sich von hier aus, hierher kehre ich immer wieder zurück: in die Konzertsäle, Kirchen und Studios...Bei Musikaufnahmen sollte jene unverwechselbare Atmosphäre entstehen, die den Wunsch weckt, etwas zu verändern oder, wenn notwendig – besser, vollkommener zu machen..." (Manfred Eicher)
Leichtes Kaliber - Ebene Null
Ebene Null nennen sich die Kölner Jazzer Lucas Leidinger, Christoph Möckel, Stefan Berger, Max Andrzejewski. Pianist Leidinger sagt über die erste CD "Wandertrieb" der Band: "Sicher ist es Jazz. Aber es könnte auch etwas ganz anderes sein...." Ist es aber nicht. Aber dass es Jazz ist genügt in diesem Fall tatsächlich eigentlich. Nullebene, ein Bautechnikfachbegriff, ist die Oberkante von Erdgeschossfußboden. Oder im Speziellen was die Band betrifft inspiriert durch Ebene Null einer Tiefgarage. Im Jazz von Ebene Null ist das dann musikalisch eine gradlinige Klarheit mit einer ständig wachsenden Summe von Möglichkeiten, kann man so definieren. Aber die Stücke entspannen beim Anhören einfach und können fast gute Laune machen. Man kann bei "Schwarzes Wollknäuel" sich vielleicht verspielt wie eine Katze fühlen. Oder sich bei "Traumfänger" an einem Nachmittag in Gedanken verfangen. Und die Musik auch einfach ins Ohr stöpseln wenn man ziellos Straßen entlangspaziert auf Nullebene...einfach nur Jazz, ganz gut und: ein leichtes Kaliber.
Drahtseilakt - Wayne Shorter Quartet
Eine eher schwere Ladung Musik und ein starkes Pegel im Jazz ist Wayne Shorter mit seinem Quartet. Seine aktuelle CD "Without A Net" ist nach 43 Jahren eine Rückkehr zum Label Blue Note bei dem seine ersten Aufnahmen schon 1959 für Art Blakey auftauchten. Wayne Shorter ist mittlerweile 80. Und man sollte sich die älteren Herren des Jazz anhören jetzt, wenn sie leben, dachte ich mir. Und pickte Shorter aus dem CD-Stapel. Ich, die von Shorter immer nur nebenbei Kenntnis genommen hatte. Denn: Ich habe mir schon immer viel Free Jazz gegönnt, aber habe noch nie Fusion gemocht. So habe ich bis jetzt Shorter jedenfalls am Rande als Sideman von Miles Davis hören können und habe halt zufällig hie und da von seiner Arbeit mit Weather Report was mitgekriegt.
Bei Wayne Shorter und seinem seit Jahren bestehenden Quartet wird Jazz schon mal Drahtseilakt genannt. Musik, bei der es um eine Sphäre völliger Offenheit gehen kann mit Raum zwischen den Tönen, um Höhen und Abgründe , Neugierde, Geheimnisse, Bewegung, Suche, "Wenn wir rausgehen um zu spielen, kennen wir die Antwort nicht", so Shorter. Es bereichert die Sensibilität die Perfektion des Quartets, bei dem Danilo Pérez, John Patitucci und Brian Blade mitspielen, zuhörend zu erforschen und deren musikalische Wege und so manche Hochseilakrobatik mitzuverfolgen. Einmal ergänzt auch durch das klassische Bläserquintett Imani Wind. "Whitout A Net " sind Live-Mitschnitte aus dem Jahr 2011. Neben gerade entstandenen Stücken taucht auch Material früherer Jahre auf wie "Orbits" vom Album "Miles Smiles" und "Plaza Real" von Weather Report. Und zwar in absolut spannend-heutiger Improvisation. Harmonischen Jazz mag ich selten hören, aber ein Tenor- und Sopransaxofonspieler wie Shorter ist zugegeben jedenfalls genug abenteuerlich und fesselnd. Kennt im Ton mit einfühlsamer Wärme und extremerer Schärfe, Details und Leerstellen und gut auch die einen oder anderen Sprödheiten faszinierend gekonnt umzugehen und sich Freiheiten zu nehmen und anzubieten. Und eine Nachmittagsstunde profan gesagt zu verschönen. Sollte man wohl zu schätzen wissen. Sich genießend in so einen edlen Klangraum zu begeben. Anspieltipp das kurze und neue "Myrrh".
"Alles, was gesagt worden ist, ist offen für Veränderung" (Wayne Shorter) - eine metaphysische Diskussion...
"Jazz kann so vieles sein. Und manchmal ist Jazz eben einfach nur Jazz. Nicht mehr, nicht weniger, und fertig! " (Ebene Null)
www.ebenenull.de
www.wayneshorter.com
Aber schon bin ich wieder bei Free Jazz, Improvisation und Avantgarde...
veröffentlicht: www.culturmag.de
"Ebene Null ist die Summe seiner Einzelteile. Sie ist oberhalb und unterhalb, überall und nirgendwo zugleich. Sie verteilt sich wie blauer Dunst. Sie ist einfach sie selbst ohne zu fragen. Wenn ich ein Stein wäre würde ich mich zu ihr legen" (Lucas Leidinger)
"Ich meine ja, dass nichts wirklich zum Ende kommt (...) Wir versuchen das Beste der Klassiker als eine Art Licht zu nutzen, das den Weg ins Ungewisse erhellt." (Wayne Shorter)
"Musik ist das Zentrum, und alles verzweigt sich von hier aus, hierher kehre ich immer wieder zurück: in die Konzertsäle, Kirchen und Studios...Bei Musikaufnahmen sollte jene unverwechselbare Atmosphäre entstehen, die den Wunsch weckt, etwas zu verändern oder, wenn notwendig – besser, vollkommener zu machen..." (Manfred Eicher)
Leichtes Kaliber - Ebene Null
Ebene Null nennen sich die Kölner Jazzer Lucas Leidinger, Christoph Möckel, Stefan Berger, Max Andrzejewski. Pianist Leidinger sagt über die erste CD "Wandertrieb" der Band: "Sicher ist es Jazz. Aber es könnte auch etwas ganz anderes sein...." Ist es aber nicht. Aber dass es Jazz ist genügt in diesem Fall tatsächlich eigentlich. Nullebene, ein Bautechnikfachbegriff, ist die Oberkante von Erdgeschossfußboden. Oder im Speziellen was die Band betrifft inspiriert durch Ebene Null einer Tiefgarage. Im Jazz von Ebene Null ist das dann musikalisch eine gradlinige Klarheit mit einer ständig wachsenden Summe von Möglichkeiten, kann man so definieren. Aber die Stücke entspannen beim Anhören einfach und können fast gute Laune machen. Man kann bei "Schwarzes Wollknäuel" sich vielleicht verspielt wie eine Katze fühlen. Oder sich bei "Traumfänger" an einem Nachmittag in Gedanken verfangen. Und die Musik auch einfach ins Ohr stöpseln wenn man ziellos Straßen entlangspaziert auf Nullebene...einfach nur Jazz, ganz gut und: ein leichtes Kaliber.
Drahtseilakt - Wayne Shorter Quartet
Eine eher schwere Ladung Musik und ein starkes Pegel im Jazz ist Wayne Shorter mit seinem Quartet. Seine aktuelle CD "Without A Net" ist nach 43 Jahren eine Rückkehr zum Label Blue Note bei dem seine ersten Aufnahmen schon 1959 für Art Blakey auftauchten. Wayne Shorter ist mittlerweile 80. Und man sollte sich die älteren Herren des Jazz anhören jetzt, wenn sie leben, dachte ich mir. Und pickte Shorter aus dem CD-Stapel. Ich, die von Shorter immer nur nebenbei Kenntnis genommen hatte. Denn: Ich habe mir schon immer viel Free Jazz gegönnt, aber habe noch nie Fusion gemocht. So habe ich bis jetzt Shorter jedenfalls am Rande als Sideman von Miles Davis hören können und habe halt zufällig hie und da von seiner Arbeit mit Weather Report was mitgekriegt.
Bei Wayne Shorter und seinem seit Jahren bestehenden Quartet wird Jazz schon mal Drahtseilakt genannt. Musik, bei der es um eine Sphäre völliger Offenheit gehen kann mit Raum zwischen den Tönen, um Höhen und Abgründe , Neugierde, Geheimnisse, Bewegung, Suche, "Wenn wir rausgehen um zu spielen, kennen wir die Antwort nicht", so Shorter. Es bereichert die Sensibilität die Perfektion des Quartets, bei dem Danilo Pérez, John Patitucci und Brian Blade mitspielen, zuhörend zu erforschen und deren musikalische Wege und so manche Hochseilakrobatik mitzuverfolgen. Einmal ergänzt auch durch das klassische Bläserquintett Imani Wind. "Whitout A Net " sind Live-Mitschnitte aus dem Jahr 2011. Neben gerade entstandenen Stücken taucht auch Material früherer Jahre auf wie "Orbits" vom Album "Miles Smiles" und "Plaza Real" von Weather Report. Und zwar in absolut spannend-heutiger Improvisation. Harmonischen Jazz mag ich selten hören, aber ein Tenor- und Sopransaxofonspieler wie Shorter ist zugegeben jedenfalls genug abenteuerlich und fesselnd. Kennt im Ton mit einfühlsamer Wärme und extremerer Schärfe, Details und Leerstellen und gut auch die einen oder anderen Sprödheiten faszinierend gekonnt umzugehen und sich Freiheiten zu nehmen und anzubieten. Und eine Nachmittagsstunde profan gesagt zu verschönen. Sollte man wohl zu schätzen wissen. Sich genießend in so einen edlen Klangraum zu begeben. Anspieltipp das kurze und neue "Myrrh".
"Alles, was gesagt worden ist, ist offen für Veränderung" (Wayne Shorter) - eine metaphysische Diskussion...
"Jazz kann so vieles sein. Und manchmal ist Jazz eben einfach nur Jazz. Nicht mehr, nicht weniger, und fertig! " (Ebene Null)
www.ebenenull.de
www.wayneshorter.com
Aber schon bin ich wieder bei Free Jazz, Improvisation und Avantgarde...
veröffentlicht: www.culturmag.de
Monday, February 11, 2013
ECM-Ausstellung
Foto: © Tina Karolina Stauner
Repeating - "a cultural archaeology": ECM
Am letzten Ausstellungstag ging ich noch in die ECM-Ausstellung im Haus der Kunst. Aus einem eisig-kalten, sonnigen Februarnachmittag kommend geriet ich als erstes als zufällige Auswahl in das schmale, abgedunkelte Klangkabinett mit Musik von Wadada Leo Smith. Und ließ mich dann von Eindruck zu Eindruck durch die Ausstellung treiben. Ich erlebte in knapp zwei Stunden meine eigene Collage aus Bild und Musik entstanden aus der Ästhetik, die ECM anbietet.
Dunkle Klangkammern mit Filmen und Installationen und kleine Klangkabinette mit Musik gab es bei ECM im Haus der Kunst. Und zu sehen waren auch Mastertapes, Notenblätter, LP-Cover und Cover-Entwürfe und natürlich Fotos von z.B. Roberto Masotti von Jazzgrößen wie z.B. Carla Bley, Keith Jarrett, Keith Rowe und und und. Das Ganze ein akustischer, audiovisueller Zugang zum ECM-Label und wie der kulturelle Austausch zwischen Europäern und Amerikanern durch die Jahrzehnte funktioniert hat.
Das Label ECM (Edition of Contemporary Music) gibt es seit 1969. Gegründet von Manfred Eicher in München um improvisierte und Avantgarde-Musik einzuspielen.
Repeating ist ein Stichwort zur Ausstellung, das ich aus dem Video Essay von The Otolith Group "People To Be Resembling" von 2012 habe. Wir sind mit dem Codona-Trio, bestehend seit 1978, nun bei Post-Free Jazz und Pre-World Music. Im Nebenraum Free Jazz der 60er Jahre mit Albert Aylers "Spirits Rejoice" aus dem Jahr 1965. Und in einem anderen Bereich der Film "Ellis Island" von Meredith Monk von 1981.
An einer Vitrine steh ich dann vor dem aufgeschlagenen LP-Cover von "Dolmen Music" von Meredith Monk. Ich erinnere mich an den Stapel Platten auf meinem Schreibtisch, den ich von Bekannten von Bekannten hatte, und in dem ich auf "Dolmen Music" stieß. Das ich fortan als Cassettenmitschnitt hatte und wieder und wieder hörte. "Dolmen Music" wurde 1981 bei ECM veröffentlicht. Eine LP, die meine Hörgewohnheiten mit prägte.
Zur Ausstellung veröffentlichte ECM ein Buch mit umfangreicher Fotopräsentation und informativen Texten: "ECM - Eine kuklturelle Archäologie" herausgegeben von Okwui Enwezor und Markus Müller (Prestel Verlag, München)
www.hausderkunst.com
www.ecmrecords.com
Foto: © Tina Karolina Stauner
Repeating - "a cultural archaeology": ECM
Am letzten Ausstellungstag ging ich noch in die ECM-Ausstellung im Haus der Kunst. Aus einem eisig-kalten, sonnigen Februarnachmittag kommend geriet ich als erstes als zufällige Auswahl in das schmale, abgedunkelte Klangkabinett mit Musik von Wadada Leo Smith. Und ließ mich dann von Eindruck zu Eindruck durch die Ausstellung treiben. Ich erlebte in knapp zwei Stunden meine eigene Collage aus Bild und Musik entstanden aus der Ästhetik, die ECM anbietet.
Dunkle Klangkammern mit Filmen und Installationen und kleine Klangkabinette mit Musik gab es bei ECM im Haus der Kunst. Und zu sehen waren auch Mastertapes, Notenblätter, LP-Cover und Cover-Entwürfe und natürlich Fotos von z.B. Roberto Masotti von Jazzgrößen wie z.B. Carla Bley, Keith Jarrett, Keith Rowe und und und. Das Ganze ein akustischer, audiovisueller Zugang zum ECM-Label und wie der kulturelle Austausch zwischen Europäern und Amerikanern durch die Jahrzehnte funktioniert hat.
Das Label ECM (Edition of Contemporary Music) gibt es seit 1969. Gegründet von Manfred Eicher in München um improvisierte und Avantgarde-Musik einzuspielen.
Repeating ist ein Stichwort zur Ausstellung, das ich aus dem Video Essay von The Otolith Group "People To Be Resembling" von 2012 habe. Wir sind mit dem Codona-Trio, bestehend seit 1978, nun bei Post-Free Jazz und Pre-World Music. Im Nebenraum Free Jazz der 60er Jahre mit Albert Aylers "Spirits Rejoice" aus dem Jahr 1965. Und in einem anderen Bereich der Film "Ellis Island" von Meredith Monk von 1981.
An einer Vitrine steh ich dann vor dem aufgeschlagenen LP-Cover von "Dolmen Music" von Meredith Monk. Ich erinnere mich an den Stapel Platten auf meinem Schreibtisch, den ich von Bekannten von Bekannten hatte, und in dem ich auf "Dolmen Music" stieß. Das ich fortan als Cassettenmitschnitt hatte und wieder und wieder hörte. "Dolmen Music" wurde 1981 bei ECM veröffentlicht. Eine LP, die meine Hörgewohnheiten mit prägte.
Zur Ausstellung veröffentlichte ECM ein Buch mit umfangreicher Fotopräsentation und informativen Texten: "ECM - Eine kuklturelle Archäologie" herausgegeben von Okwui Enwezor und Markus Müller (Prestel Verlag, München)
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Monday, January 28, 2013
Kokett und Oldschool-mäßig - die Songwriterin Nataly Dawn
Nataly Dawn schreibt ganz amerikanisch Oldschool-haft als Songwriterin und nimmt klassisch mit Band in einem Raum auf. Dawn ist aber eine junge Frau, die in Frankreich aufwuchs, dann in den USA ein Universitätsstudium Kunst und Literatur absolvierte. "How I Knew Her" ist ihr zweites Soloalbum. Der Sound ihrer Band verweist auf die grobkörnige Unmittelbarkeit traditioneller Folkmusik mit bluesigen Einsprengseln. Dawn wirkt wie college gratuated einerseits, streetwise andererseits. Eine spannungsgeladene Mischung. Dawns Stimme ist kraftvoll bissig, mal hell mal dunkel, und sie gibt sich dabei teils auch kokett sophisticated und spielerisch smart. "How I Knew Her" klingt oft ein bißchen nach Aufnahmen von Sam Phillips, was keineswegs nachteilig ist. Vermutlich hat Dawn auch einige Ahnung von der Songwriterszene in Los Angeles. In Kalifornien lebt sie derzeit. In Dawns exzellenter Band fällt prägend der Gitarrensound auf. E-Gitarrist ist Ryan Lerman. Man findet ihn auch an Banjo und Mandoline. Dawn selber spielt auf der CD akustische Gitarre und einmal Piano. Die Gitarrenarbeit von Lerman und Dawn wird immer wieder stark rhythmisch und kantig. Das Backing von Louis Cole und Matt Chamberlain am Schlagzeug ist sparsam, eckig und klar, der Standbass von David Pitch ruhig und warm. Manche Songpassagen betonen Streicher und Bläser. Die Instrumentalisten der Band arbeiten außer mit Dawn mit namhaften Musikern wie z.B. Bill Frisell, Bonnie Raitt oder K.D. Lang zusammen. Dawn und Band sind sich ihrer musikalischen Präsenz spürbar sicher. Man höre sich nur mal "Back To The Barracks", "Caroline" oder "Please Don't Scream" an. Nataly Dawn entstammt dem Duo Pomplamoose, das sie vor ihren Soloveröffentlichungen mit Jack Conte zusammen formierte. Beide begannen 2008 independent über das Internet. Conte hat das vielversprechende "How I knew Her" produziert. Das in den Prairie Sun Studios in Cotati in Kalifornien aufgenommen wurde, wo zuvor einige von Dawn's Lieblingsalben von Tom Waits entstanden waren. Und sehr eigenwilligen Charakter zeigt entsprechend auch Nataly Dawn.
Nataly Dawn
"How I Knew Her"
(Nonesuch Records)
www.natalydawn.tumblr.com
veröffentlicht: www.melodiva.de
Nataly Dawn schreibt ganz amerikanisch Oldschool-haft als Songwriterin und nimmt klassisch mit Band in einem Raum auf. Dawn ist aber eine junge Frau, die in Frankreich aufwuchs, dann in den USA ein Universitätsstudium Kunst und Literatur absolvierte. "How I Knew Her" ist ihr zweites Soloalbum. Der Sound ihrer Band verweist auf die grobkörnige Unmittelbarkeit traditioneller Folkmusik mit bluesigen Einsprengseln. Dawn wirkt wie college gratuated einerseits, streetwise andererseits. Eine spannungsgeladene Mischung. Dawns Stimme ist kraftvoll bissig, mal hell mal dunkel, und sie gibt sich dabei teils auch kokett sophisticated und spielerisch smart. "How I Knew Her" klingt oft ein bißchen nach Aufnahmen von Sam Phillips, was keineswegs nachteilig ist. Vermutlich hat Dawn auch einige Ahnung von der Songwriterszene in Los Angeles. In Kalifornien lebt sie derzeit. In Dawns exzellenter Band fällt prägend der Gitarrensound auf. E-Gitarrist ist Ryan Lerman. Man findet ihn auch an Banjo und Mandoline. Dawn selber spielt auf der CD akustische Gitarre und einmal Piano. Die Gitarrenarbeit von Lerman und Dawn wird immer wieder stark rhythmisch und kantig. Das Backing von Louis Cole und Matt Chamberlain am Schlagzeug ist sparsam, eckig und klar, der Standbass von David Pitch ruhig und warm. Manche Songpassagen betonen Streicher und Bläser. Die Instrumentalisten der Band arbeiten außer mit Dawn mit namhaften Musikern wie z.B. Bill Frisell, Bonnie Raitt oder K.D. Lang zusammen. Dawn und Band sind sich ihrer musikalischen Präsenz spürbar sicher. Man höre sich nur mal "Back To The Barracks", "Caroline" oder "Please Don't Scream" an. Nataly Dawn entstammt dem Duo Pomplamoose, das sie vor ihren Soloveröffentlichungen mit Jack Conte zusammen formierte. Beide begannen 2008 independent über das Internet. Conte hat das vielversprechende "How I knew Her" produziert. Das in den Prairie Sun Studios in Cotati in Kalifornien aufgenommen wurde, wo zuvor einige von Dawn's Lieblingsalben von Tom Waits entstanden waren. Und sehr eigenwilligen Charakter zeigt entsprechend auch Nataly Dawn.
Nataly Dawn
"How I Knew Her"
(Nonesuch Records)
www.natalydawn.tumblr.com
veröffentlicht: www.melodiva.de
Sunday, January 27, 2013
Mary Gauthier: eine sensible Geschichtenerzählerin mit akustischer Gitarre - country noire
Mary Gauthier stammt aus New Orleans und lebte von ihrem 15. Lebensjahr an eine Zeit lang mehr oder weniger auf der Straße, jedenfalls in Wohnraum, der ihr nicht gehörte, und in dem, was man seit einer Weile Queerszene nennt. Studierte aber dann doch noch Philosophie und kulinarische Kunst und führte ihr eigenes Cajun-Restaurant. Sie hat spät mit 35 Jahren begonnen Songs zu schreiben. Ihre souveräne Singer-Songwriterseite stellt die 50-jährige Musikerin mit der jüngsten CD "Live At Blue Rock" vor. Eingespielt in der Blue Rock Artists Ranch bei Austin in Texas zusammen mit Tanja Elizabeth an der Fiddle und Mike Meadows an den Percussions. Mary Gauthier selbst ist eine einfühlsame Sängerin und Gitarristin und ihre akustische Gitarre spielt sie im traditionalistischen Songwritersinn. Gauthier erzählt Geschichten von einfachen Leuten, schwierigen Außenseitern, individualistischen Szenegängern. Vieles hat sie wahrscheinlich selbst gesehen, manches selbst erlebt. In der inner city oder der countryside. So wie in "Drag Queens In Limousines" oder "Sugar Cane" bei Genderqueers oder Proletariern.
"...Cane smoke can't be good for you day after day / Every year at harvest time when the black smoke filled the sky / Shed pick me up and take me home and make me stay inside // From Thibodaux to Raceland there's fire in the fields..." (aus "Sugar Cane")
Mary Gauthier
"Live At Blue Rock"
(Proper Records/Rough Trade)
www.marygauthier.com
veröffentlicht: www.skug.at
Mary Gauthier stammt aus New Orleans und lebte von ihrem 15. Lebensjahr an eine Zeit lang mehr oder weniger auf der Straße, jedenfalls in Wohnraum, der ihr nicht gehörte, und in dem, was man seit einer Weile Queerszene nennt. Studierte aber dann doch noch Philosophie und kulinarische Kunst und führte ihr eigenes Cajun-Restaurant. Sie hat spät mit 35 Jahren begonnen Songs zu schreiben. Ihre souveräne Singer-Songwriterseite stellt die 50-jährige Musikerin mit der jüngsten CD "Live At Blue Rock" vor. Eingespielt in der Blue Rock Artists Ranch bei Austin in Texas zusammen mit Tanja Elizabeth an der Fiddle und Mike Meadows an den Percussions. Mary Gauthier selbst ist eine einfühlsame Sängerin und Gitarristin und ihre akustische Gitarre spielt sie im traditionalistischen Songwritersinn. Gauthier erzählt Geschichten von einfachen Leuten, schwierigen Außenseitern, individualistischen Szenegängern. Vieles hat sie wahrscheinlich selbst gesehen, manches selbst erlebt. In der inner city oder der countryside. So wie in "Drag Queens In Limousines" oder "Sugar Cane" bei Genderqueers oder Proletariern.
"...Cane smoke can't be good for you day after day / Every year at harvest time when the black smoke filled the sky / Shed pick me up and take me home and make me stay inside // From Thibodaux to Raceland there's fire in the fields..." (aus "Sugar Cane")
Mary Gauthier
"Live At Blue Rock"
(Proper Records/Rough Trade)
www.marygauthier.com
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Monday, January 21, 2013
Sunday, January 20, 2013
Ein Kurzbesuch im Musikbereich durchaus nahe von Pop in dem ich sonst kaum zu finden bin: Schillernd-düster Traumhaftes von The Soft Hills
Wenn man die ersten Stücke der CD "Chromatisms" von The Soft Hills überspringt, gerät man von da an mit "Dear Mr. Moonlight" in das Schöne, das die Soft Hills dann doch einigermaßen hörenswert und individuell macht: somnambulen Post-Rock schwer zum Pop tendierend mit Ambienthaftem. Viel Hall im Gesang und je schleppender das Schlagzeug, je träger die Saiteninstrumente, je atmosphärischer der Moog-Synthesizer desto besser. Von den dunkleren Bereichen des Sonischen und Lyrischen wird berichtet: Da gibt es zeitreisende Vogelmenschen, einen aus dem Paradies vertriebenen Schizophrenen, ozeanische Traumtherapie, einen Brief an den Mond und dergleichen mehr. The Soft Hills wurden 2007 in Seattle von dem Singer-Songwriter Garrett Hobba gegründet und haben mit "Chromatisms" nun ihre zweite CD veröffentlicht. Mit Songwriting wie "The Gifts You Hide" oder "Mighty River" prägen sie sich ein und können manchmal ganz gut als Backing Sound passen. Es gibt aber doch die einen oder anderen Untiefen über die man bei der CD hinweggehen muß. Dann kann man immerhin in manch phantastische, mysteriöse Tiefe mit der Band zusammen eindringen.
The Soft Hills
Chromatisms
veröffentlicht: www.culturmag.de
Wenn man die ersten Stücke der CD "Chromatisms" von The Soft Hills überspringt, gerät man von da an mit "Dear Mr. Moonlight" in das Schöne, das die Soft Hills dann doch einigermaßen hörenswert und individuell macht: somnambulen Post-Rock schwer zum Pop tendierend mit Ambienthaftem. Viel Hall im Gesang und je schleppender das Schlagzeug, je träger die Saiteninstrumente, je atmosphärischer der Moog-Synthesizer desto besser. Von den dunkleren Bereichen des Sonischen und Lyrischen wird berichtet: Da gibt es zeitreisende Vogelmenschen, einen aus dem Paradies vertriebenen Schizophrenen, ozeanische Traumtherapie, einen Brief an den Mond und dergleichen mehr. The Soft Hills wurden 2007 in Seattle von dem Singer-Songwriter Garrett Hobba gegründet und haben mit "Chromatisms" nun ihre zweite CD veröffentlicht. Mit Songwriting wie "The Gifts You Hide" oder "Mighty River" prägen sie sich ein und können manchmal ganz gut als Backing Sound passen. Es gibt aber doch die einen oder anderen Untiefen über die man bei der CD hinweggehen muß. Dann kann man immerhin in manch phantastische, mysteriöse Tiefe mit der Band zusammen eindringen.
The Soft Hills
Chromatisms
veröffentlicht: www.culturmag.de
Friday, January 04, 2013
Wednesday, January 02, 2013
Matmos-Ganzfeld-Sessions : "...brainwaves transmitted from my mind..." (Buzzcocks) - "So think"
Matmos, eine von M.C.Schmidt und Drew Daniel 1995 gegründete experimentelle Band aus San Francisco, die besonders auch mit Musique concrète, Geräuschen, Samples und Field Recordings und mit diversen Musikern arbeitet, veröffentlichen Ganzfeld-Sessions, Para-Psychologische Experimente, der vergangenen Jahre.
Mit "The Marriage Of True Minds" werden rhytmischer Pop, treibender Techno, Arrangements mit Synthesizern, lateinamerikanische Klänge, alle möglichen Soundquellen, cooles Nightclub-Ambiente, geometrische Kunst, verschiedenster Noise und schöne Melodien von Matmos in Kollaboration diesmal mit u.a. Nautical Almanac und the Arditti String Quartett zusammengestellt.
Grob skizziert: Während Videogefilmter psychischer Experimente im Haus von Matmos in Baltimore und an der Oxford University fragte man Testsubjekte, was sie sehen und hören. Grundprinzip der Ganzfeld-Untersuchungen ist: zwei Versuchspersonen sind räumlich getrennt. Eine Person wird von Umweltreizen abgeschirmt, während der anderen Person Bilder oder Videos gezeigt werden. Diese soll dann diese Information an die isolierte Person „senden“, die ihre Gedanken dazu mitteilt. Ganzfeld-Vorgehen sind wissenschaftliche Erforschung von Gedankenübertragung zwischen Gedanken-Sender, Gedanken-Empfänger und Versuchsleiter. Bei den Matmos-Sessions hörten Testsubjekte in sinnlicher Abgeschiedenheit "White Noise" auf Köpfhörern. Diese Ganzfeld-Arbeiten wurden in Matmos Denken übertragen.
Neun Songs von "The Marriage Of True Minds" sind das Ergebnis von ernsthaft bis ironisch seltsamem Ganzfeld-Herumgespiele zu strangem Electro-Pop und weirdem Noise transformiert. Beginn des Albums: Klavier, Percussions, Stimme: "Telepathy / We want to know...". Eine Adaption von "You" von Palais Schaumburg-Musikern geschrieben. Im hybriden Sounddesign von "The Marriage Of True Minds" von Romantik über Techno bis Metall werden auch Stimmen gefeatured.
Insgesamt als fast unterkühltes, machmal regelrecht merkwürdig abweisend wirkendes, trotzdem wiederum doch auch als hübsche, einladende Spielerei bezeichenbares Album. Rotschimmernd hier und kleine und große grüne Pyramiden überall sprießend dort. Und endet da mit einem Buzzcock-Cover : "Do you believe in E.S.P? ...brainwaves transmitted from my mind..."
Matmos
"The Marriage Of True Minds"
www.vague-terrain.com
veröffentlicht: www.culturmag.de
Matmos, eine von M.C.Schmidt und Drew Daniel 1995 gegründete experimentelle Band aus San Francisco, die besonders auch mit Musique concrète, Geräuschen, Samples und Field Recordings und mit diversen Musikern arbeitet, veröffentlichen Ganzfeld-Sessions, Para-Psychologische Experimente, der vergangenen Jahre.
Mit "The Marriage Of True Minds" werden rhytmischer Pop, treibender Techno, Arrangements mit Synthesizern, lateinamerikanische Klänge, alle möglichen Soundquellen, cooles Nightclub-Ambiente, geometrische Kunst, verschiedenster Noise und schöne Melodien von Matmos in Kollaboration diesmal mit u.a. Nautical Almanac und the Arditti String Quartett zusammengestellt.
Grob skizziert: Während Videogefilmter psychischer Experimente im Haus von Matmos in Baltimore und an der Oxford University fragte man Testsubjekte, was sie sehen und hören. Grundprinzip der Ganzfeld-Untersuchungen ist: zwei Versuchspersonen sind räumlich getrennt. Eine Person wird von Umweltreizen abgeschirmt, während der anderen Person Bilder oder Videos gezeigt werden. Diese soll dann diese Information an die isolierte Person „senden“, die ihre Gedanken dazu mitteilt. Ganzfeld-Vorgehen sind wissenschaftliche Erforschung von Gedankenübertragung zwischen Gedanken-Sender, Gedanken-Empfänger und Versuchsleiter. Bei den Matmos-Sessions hörten Testsubjekte in sinnlicher Abgeschiedenheit "White Noise" auf Köpfhörern. Diese Ganzfeld-Arbeiten wurden in Matmos Denken übertragen.
Neun Songs von "The Marriage Of True Minds" sind das Ergebnis von ernsthaft bis ironisch seltsamem Ganzfeld-Herumgespiele zu strangem Electro-Pop und weirdem Noise transformiert. Beginn des Albums: Klavier, Percussions, Stimme: "Telepathy / We want to know...". Eine Adaption von "You" von Palais Schaumburg-Musikern geschrieben. Im hybriden Sounddesign von "The Marriage Of True Minds" von Romantik über Techno bis Metall werden auch Stimmen gefeatured.
Insgesamt als fast unterkühltes, machmal regelrecht merkwürdig abweisend wirkendes, trotzdem wiederum doch auch als hübsche, einladende Spielerei bezeichenbares Album. Rotschimmernd hier und kleine und große grüne Pyramiden überall sprießend dort. Und endet da mit einem Buzzcock-Cover : "Do you believe in E.S.P? ...brainwaves transmitted from my mind..."
Matmos
"The Marriage Of True Minds"
www.vague-terrain.com
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Tuesday, January 01, 2013
Meine Jahreshighlights:
Einige nennenswerte Veröffentlichungen 2012
Platten:
Scott Walker - Bish Bosch
Sidsel Endresen & Stian Westerhus - Didymoi Dreams
review
The Avett Brothers - The Carpenter
Jack White - Blunderbuss
Bod Dylan - Tempest
Ry Cooder - Election Special
review
The Tallest Man On Earth - There's No Leaving Now
Leonard Cohen - Old Ideas
The Lumineers
Dr. John - Locked Down
Swans - The Seer
Paul Thorn - What The Hell Is Goin' On?
Jim White - Where It Hits You
Black Keys - El Camino
Konzert:
"Carte Blanche für Heiner Goebbels" - Kammerspiele München, 23.05.12
(Heiner Goebbels und das Münchner Kammerorchester, Dirigent Alexander Liebreich, und folgendes Programm: In the Country of Last Things (Goebbels, 1993/94) / Fünf Orchesterstücke (Hanns Eisler, 1938) / Befreiung, Konzertante Szene für Sprecher u. Ensemble (Goebbels, 1989) / Songs of Wars I have seen (Goebbels, 2002/2007), Suite für Ensemble mit modernem und historischem Instrumentarium (Deutsche Erstaufführung))
James Blood Ulmer solo - Nightclub Bayerischer Hof München, 02.05.12
Literatur:
"Die Frage des Zusammenhangs - Alexander Kluge im Kontext" - Herausgegeben von Christian Schulte
"Die Rolling Stone Jahre" - Hunter S. Thompson
Ausstellung:
Erich Hartmann - "New York Stories, 1946-1957″ - Amerikahaus München, 29.05.-27.07.12
Ellsworth Kelly - "schwarz & weiß" - Haus der Kunst München, 07.10.11-22.01.12
Theater:
Höhen und Tiefen beim Fassbinder-Festival des Residenztheater im Marstall im März 2012: "Postparadise Fassbinder Now". 4 internationale Produktionen, einige Filme und Gespräche zum 30. Todestag von Rainer Werner Fassbinder.
Ein Festival mit Stärken und Schwächen. Bestes Stück und tatsächlich exzellente Interpretation: "Die bitteren Tränen der Petra von Kant" am 03.03.12 in der Regie von Martin Kušej. Nennenswert auch: Showghoest-3 mit recht guten Songs und konzipiert von Jan Machacek am 10.03.12.
Veröffentlichung: culturmag Jahreshighlights
www.culturmag.de
Friday, December 28, 2012
Fotocollage: © Tina Karolina Stauner
Brisante Themen, stilvolles Ambiente, hohe Perfektion einerseits bei Premieren und totale Premierenkatastophe und -panne , wie bei "Die Anarchistin" in Regie von Martin Kusej durch Cornelia Froboess Zusammenbruch, andererseits im Dezember zum Jahresende 2012 im Residenztheater München.
Thursday, December 27, 2012
Der Mann als kriminelles Monster in einer verniveaulosenden Sensationsgesellschaft in Amerika - Szenen aus "Call Me God" im Residenztheater
Fotocollage: © Tina Karolina Stauner
"Call Me God" im Marstall des Residenztheater München: Der Beltway Sniper in Regie von Marius von Mayenburg in einer krassen Bühnenshow samt schriller Satire und Parodie - Theatrale und mediale Inszenierung in einer fragwürdigen Gesellschaft.
"...wenn die wolken aufhören weiterzuziehen..." (Ostermaier)
Die Menschen sollten Idyllen haben. Nur Idyllen. Optimalerweise. Natürlich. Manche scheinen es dazu zu bringen und andere nicht. Ob Idyllen leichter zu haben sind wortlos oder wortreich ist vielleicht eine Frage. Tatsache ist aber nun leider, dass unsere Welt insgesamt keine reine Idylle ist und eine Gewaltspirale samt Unglück offenbar existiert, die sich dreht und dreht. Dies spiegeln die Medien tagtäglich wieder. Und zwar nicht wortlos. Sondern bis hin zu wortgewaltig.
Gibt es die Hoffnung der sogenannten Gewaltspirale entgegenzuwirken? Oder ist von allen längst alle Hoffnung aufgegeben. Auch von kritischen Kulturschaffenden?
Selbstverständlich wird auch in Kunst und Kultur Gewalt thematisiert. Als Korrektiv. Versteht sich. Um nicht das altmodische Wort Sozialkritik zu strapazieren. Nicht zuletzt im Theater befasst man sich mit den schwierigsten Stoffen. Ich habe vorbeigeschaut, wie es das Residenztheater derzeit bei der Inszenierung "Call Me God" tut: In Realismusfragmenten in einem länglich-schmalen, rechteckigen weißen Raum mit Tür, Fenster, Glasfront, entworfen von Nina Wetzel. Licht designte dazu Uwe Grünewald und die eingefügte Videoarbeit stammt von Sebastien Dupouey. Wahllos liste ich in der Reihenfolge einfach mal Begriffe zur Inszenierung auf. Eine Reihenfolge scheint beliebig so wie auch im Stück: Gewalt, Sex, Kunst, Ärzte, Gefängnis, Mord, Selbstmord, Todesstrafe, Wissenschaft, Medien, Tote, Lebende, Poesie, Prosa, Realität, Fiktion, Gefühle, Kälte, Monologe, Dialoge, Musik, Videos, Medikamente, Gift, Talkshow, Idylle, Zerstörung, Opfer, Täter, Moderator, Hysterie, Coolness, Überdruss, Langeweile, Sinnlosigkeit. Worte sind Worte sind Worte sind Worte. Bilder sind Bilder sind Bilder sind Bilder sind Bilder. Texte sind Texte sind Texte sind Texte sind Texte sind Texte. Vielleicht will der Konsument ein Worte-, Bilder- und Texte-Kaleidoskop in ständiger Bewegung in den Medien, der Kunst, damit er nirgends in der Realität in Ruhe mit Fakten konfrontierend überrascht wird, die er nicht aushalten kann, nicht aushalten will oder nicht ändern kann oder nicht ändern will? Weil also die Gewalt, die tatsächlich stattfindet, eigentlich längst ein unerträgliches Ausmaß hat. Schließlich: Dabeigewesen sein und eine Veröffentlichung haben, ein Buch etwa, das ist es, was interessant zu sein scheint. Bücher, die irgendwer liest, oder niemand. Geschichten, die am liebsten schnell wieder abgehakt sein sollten. Wie diese samt dem Theaterstück: „Call me God“ hatte ein Attentäter auf eine Tarotkarte notiert um 10 Millionen Dollar Lösegeld zu fordern. Das war im Oktober 2002 gewesen. Als in Washington zwei Männer wahllos zehn Menschen erschossen hatten, drei weitere waren schwer verletzt worden. Der Ältere der beiden Serienmörder wurde 2009 hingerichtet, der minderjährige Komplize bekam lebenslänglich. Vier Theater-Schriftsteller, der Italiener Gian Maria Cervo, der Argentinier Rafael Spregelburd, Marius von Mayenburg, und Albert Ostermaier haben für "Call Me God" unabbhängig voneinander Texte zum Washington-Verbrechen und dem Thema geschrieben. Es ist eine Koproduktion mit dem Festival „Quartieri dell'arte“ in Viterbo, dem Festival „Romaeuropa“ und dem Teatro di Roma. Die Residenztheater-Dramaturgin Laura Olivi, eine Italienerin, hatte mit Gian Mario Cervo das Thema jahrelang in Planung.
Von Mayenburg stellt im Gespräch mit Ivana Garbage, Autorin von "American Gladiator. Crime and Fame in American Postwar Society", die Frage : "Und die Opfer?" Während diese Autorin in der amerikanischen Presse"gemeine Sphinx" genannt wurde für ihre enthüllenden Äußerungen darüber wie Täter durch die Medien im Zentrum der Öffentlichkeit stehen in unserer Gesellschaft. "Der sinnlose Mord stellt den radikalsten vorstellbaren Verstoß gegen sämtliche moralischen Prinzipien dar...", beginnt sie. Cervo lässt wissen: "...Mein Teil des Textes inszeniert kleine Bewegungen und kleine Aktionen, die transversal mit den Beltway Sniper-Attacks in Zusammenhang stehen...". Spregelburd teilt mit: "...Vermutlich tue ich, wenn ich über einige der traurigen, verschwendeten Leben schreiben will, die es vor einem Jahrzehnt in den Vereinigeten Staaten gegeben hat, nichts weiter als mich einem eher lokalen Horror, einem naheliegenderen, gefürchteteren und vertrauteren Monster zu stellen: der Bürokratisierung des Bösen." Ostermaier schreibt: "..dein magazin des glücks war schnell leer...".
Dass aus vier Perspektiven und Blickwinkeln betrachtet wird und auch dazu noch collagenartig, fast willkürlich, ineinandergeschnitten Bilder und Szenen gezeigt werden, entspricht der Intention, zu präsentieren, wie Medien und Unterhaltungsindustrie mit derartigen Themen umgehen. Die vier Schauspieler Katrin Röver, Genija Rykova, Thomas Gräßle und Lukas Turtur beobachtet man dabei in ständig extremem Rollenwechsel zwischen dutzenden involvierter Personen in die gesamte Verbrechensgeschichte in Radio- und Fernsehstudios, CIA-Büros, Verhörzellen, Notaufnahmen und an Tatorten. An verbaler, psychischer und körperlicher Gewalt lässt die Regie es dabei an keiner Stelle fehlen. Die Fragen also: Wie gehen die Massenmedien mit der Thematik um? Wie die Politik? Und wie die Kunst und Kultur? Und wie ein Theater wie das Residenz in München?
"Die Öffentlichkeit hat ein Recht auf Information", lautet ein Satz im Theaterstück. Gleichzeitig wird die ganze Aufführung zur Lachnummer gemacht, auch die darin immanente Information. Der Regisseur Marius von Mayenburg bietet im Marstall das regelrechte zynische Ausnehmen des Themas. Vaudeville, Comedy, Slapstick, Splatter kommen dabei nicht zu kurz. Dass Gewalt nie und nimmer und nirgends eine Lösung sein kann, das bleibt dabei außen vor. Es wird so rasant inszeniert, so klischeeartig und knallbunt, dass man zum Nachdenken gar nicht erst kommen kann. Entlarvt wird zwar. Aber bei dieser grellen Show wird man zum Zuschauer gemacht um des bloßen Zuschauens Willen. Der Unterhaltungswert eben. Aber als Unwert. Dieses Spektakel so also nicht. Teueres Staatstheater. - Und aus einem einstmals kritischen Intellektuellen wurde oder wird flugs ein kommerzieller Konzernmitarbeiter.
(Explizite Anmerkung für geistig minderbemittelte Leser: Dies ist eine essayistische, sozialkritische Rezension eines Stücks eines Staatstheaters.)
www.residenztheater.de veröffentlicht:
www.aurora-magazin.at
Fotocollage: © Tina Karolina Stauner
"Call Me God" im Marstall des Residenztheater München: Der Beltway Sniper in Regie von Marius von Mayenburg in einer krassen Bühnenshow samt schriller Satire und Parodie - Theatrale und mediale Inszenierung in einer fragwürdigen Gesellschaft.
"...wenn die wolken aufhören weiterzuziehen..." (Ostermaier)
Die Menschen sollten Idyllen haben. Nur Idyllen. Optimalerweise. Natürlich. Manche scheinen es dazu zu bringen und andere nicht. Ob Idyllen leichter zu haben sind wortlos oder wortreich ist vielleicht eine Frage. Tatsache ist aber nun leider, dass unsere Welt insgesamt keine reine Idylle ist und eine Gewaltspirale samt Unglück offenbar existiert, die sich dreht und dreht. Dies spiegeln die Medien tagtäglich wieder. Und zwar nicht wortlos. Sondern bis hin zu wortgewaltig.
Gibt es die Hoffnung der sogenannten Gewaltspirale entgegenzuwirken? Oder ist von allen längst alle Hoffnung aufgegeben. Auch von kritischen Kulturschaffenden?
Selbstverständlich wird auch in Kunst und Kultur Gewalt thematisiert. Als Korrektiv. Versteht sich. Um nicht das altmodische Wort Sozialkritik zu strapazieren. Nicht zuletzt im Theater befasst man sich mit den schwierigsten Stoffen. Ich habe vorbeigeschaut, wie es das Residenztheater derzeit bei der Inszenierung "Call Me God" tut: In Realismusfragmenten in einem länglich-schmalen, rechteckigen weißen Raum mit Tür, Fenster, Glasfront, entworfen von Nina Wetzel. Licht designte dazu Uwe Grünewald und die eingefügte Videoarbeit stammt von Sebastien Dupouey. Wahllos liste ich in der Reihenfolge einfach mal Begriffe zur Inszenierung auf. Eine Reihenfolge scheint beliebig so wie auch im Stück: Gewalt, Sex, Kunst, Ärzte, Gefängnis, Mord, Selbstmord, Todesstrafe, Wissenschaft, Medien, Tote, Lebende, Poesie, Prosa, Realität, Fiktion, Gefühle, Kälte, Monologe, Dialoge, Musik, Videos, Medikamente, Gift, Talkshow, Idylle, Zerstörung, Opfer, Täter, Moderator, Hysterie, Coolness, Überdruss, Langeweile, Sinnlosigkeit. Worte sind Worte sind Worte sind Worte. Bilder sind Bilder sind Bilder sind Bilder sind Bilder. Texte sind Texte sind Texte sind Texte sind Texte sind Texte. Vielleicht will der Konsument ein Worte-, Bilder- und Texte-Kaleidoskop in ständiger Bewegung in den Medien, der Kunst, damit er nirgends in der Realität in Ruhe mit Fakten konfrontierend überrascht wird, die er nicht aushalten kann, nicht aushalten will oder nicht ändern kann oder nicht ändern will? Weil also die Gewalt, die tatsächlich stattfindet, eigentlich längst ein unerträgliches Ausmaß hat. Schließlich: Dabeigewesen sein und eine Veröffentlichung haben, ein Buch etwa, das ist es, was interessant zu sein scheint. Bücher, die irgendwer liest, oder niemand. Geschichten, die am liebsten schnell wieder abgehakt sein sollten. Wie diese samt dem Theaterstück: „Call me God“ hatte ein Attentäter auf eine Tarotkarte notiert um 10 Millionen Dollar Lösegeld zu fordern. Das war im Oktober 2002 gewesen. Als in Washington zwei Männer wahllos zehn Menschen erschossen hatten, drei weitere waren schwer verletzt worden. Der Ältere der beiden Serienmörder wurde 2009 hingerichtet, der minderjährige Komplize bekam lebenslänglich. Vier Theater-Schriftsteller, der Italiener Gian Maria Cervo, der Argentinier Rafael Spregelburd, Marius von Mayenburg, und Albert Ostermaier haben für "Call Me God" unabbhängig voneinander Texte zum Washington-Verbrechen und dem Thema geschrieben. Es ist eine Koproduktion mit dem Festival „Quartieri dell'arte“ in Viterbo, dem Festival „Romaeuropa“ und dem Teatro di Roma. Die Residenztheater-Dramaturgin Laura Olivi, eine Italienerin, hatte mit Gian Mario Cervo das Thema jahrelang in Planung.
Von Mayenburg stellt im Gespräch mit Ivana Garbage, Autorin von "American Gladiator. Crime and Fame in American Postwar Society", die Frage : "Und die Opfer?" Während diese Autorin in der amerikanischen Presse"gemeine Sphinx" genannt wurde für ihre enthüllenden Äußerungen darüber wie Täter durch die Medien im Zentrum der Öffentlichkeit stehen in unserer Gesellschaft. "Der sinnlose Mord stellt den radikalsten vorstellbaren Verstoß gegen sämtliche moralischen Prinzipien dar...", beginnt sie. Cervo lässt wissen: "...Mein Teil des Textes inszeniert kleine Bewegungen und kleine Aktionen, die transversal mit den Beltway Sniper-Attacks in Zusammenhang stehen...". Spregelburd teilt mit: "...Vermutlich tue ich, wenn ich über einige der traurigen, verschwendeten Leben schreiben will, die es vor einem Jahrzehnt in den Vereinigeten Staaten gegeben hat, nichts weiter als mich einem eher lokalen Horror, einem naheliegenderen, gefürchteteren und vertrauteren Monster zu stellen: der Bürokratisierung des Bösen." Ostermaier schreibt: "..dein magazin des glücks war schnell leer...".
Dass aus vier Perspektiven und Blickwinkeln betrachtet wird und auch dazu noch collagenartig, fast willkürlich, ineinandergeschnitten Bilder und Szenen gezeigt werden, entspricht der Intention, zu präsentieren, wie Medien und Unterhaltungsindustrie mit derartigen Themen umgehen. Die vier Schauspieler Katrin Röver, Genija Rykova, Thomas Gräßle und Lukas Turtur beobachtet man dabei in ständig extremem Rollenwechsel zwischen dutzenden involvierter Personen in die gesamte Verbrechensgeschichte in Radio- und Fernsehstudios, CIA-Büros, Verhörzellen, Notaufnahmen und an Tatorten. An verbaler, psychischer und körperlicher Gewalt lässt die Regie es dabei an keiner Stelle fehlen. Die Fragen also: Wie gehen die Massenmedien mit der Thematik um? Wie die Politik? Und wie die Kunst und Kultur? Und wie ein Theater wie das Residenz in München?
"Die Öffentlichkeit hat ein Recht auf Information", lautet ein Satz im Theaterstück. Gleichzeitig wird die ganze Aufführung zur Lachnummer gemacht, auch die darin immanente Information. Der Regisseur Marius von Mayenburg bietet im Marstall das regelrechte zynische Ausnehmen des Themas. Vaudeville, Comedy, Slapstick, Splatter kommen dabei nicht zu kurz. Dass Gewalt nie und nimmer und nirgends eine Lösung sein kann, das bleibt dabei außen vor. Es wird so rasant inszeniert, so klischeeartig und knallbunt, dass man zum Nachdenken gar nicht erst kommen kann. Entlarvt wird zwar. Aber bei dieser grellen Show wird man zum Zuschauer gemacht um des bloßen Zuschauens Willen. Der Unterhaltungswert eben. Aber als Unwert. Dieses Spektakel so also nicht. Teueres Staatstheater. - Und aus einem einstmals kritischen Intellektuellen wurde oder wird flugs ein kommerzieller Konzernmitarbeiter.
(Explizite Anmerkung für geistig minderbemittelte Leser: Dies ist eine essayistische, sozialkritische Rezension eines Stücks eines Staatstheaters.)
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