Friday, October 18, 2013

 Songwriting als innere und äußere Kartographie - "Dream River" von Bill Callahan

Kartograph von Emotionalem in seinem ureigen speziellen Songwriterkosmos ist Bill Callahan schon immer. Unterwegs auf durchaus auch intellektuellen Wegen ist er dabei musikalisch mal ausgeprägter romantizistisch und lieblich, mal etwas ruppiger und gradliniger. Oft findet man ihn im Melancholischen, nicht selten im Naturalistischen. Diesmal auf "Dream River" in ausgewählter Leichtigkeit. Musikalisch wird er da eine gute Spur zu verspielt. Weniger ist bei ihm oft mehr. Und diesmal ist er wieder mal mehr in Arrangements eingetaucht, als es eigentlich gut für ihn wäre. Zwar stürzt Callahan nie ganz ab in zu eingängig hübsche Songs. Er besitzt einfach Substanz, die ihn vor sowas bewahrt. Aber er scheint es sich wohl mit "Dream River" zu leicht gemacht zu haben. So wirket es stellenweise. Ganz exquisit ist es leider nicht geraten. Mehr entschiedene Kargheit täte gut. Wie zu manchen Zeiten von Smog, dem Vorgänger-Langzeitprojekt der bisher nun vier Soloalben. Aber starke Momente gibt es auch diesmal natürlich. Sie sind eigentlich gar nicht allzu rar. Wie bei "Ride My Arrow". Und auch Songs wie "The Sing" und "Winter Road" können mit allem versöhnen und überzeugen. Und zwar in guter Songwritertradition. Die Geige als ergänzende Instrumentierung ist jedenfalls das weitaus Bessere als die Querflöte, die teils fast nervt. Schön und gut, das reicht im Fall Bill Callahan nun einmal nicht. So geht die Qualität von "Dream River" nicht immer ganz ins Exzellente. Ist aber eine einigermaßen wohltuende musikalische Songwritingsache. Balsam für die einen oder anderen Überstrapaziertheiten und Musik für ein Stündchen Zurückgelehntheit. Nachmittäglich Kontemplatives. Zwielichtig Verhaltenes bis fein Erlesenes. Und einfach ignorieren, dass die Arrangements gelegentlich gerade am Kitsch vorbeischrammen?

veröffentlicht: www.culturmag.de

Monday, September 16, 2013


Collage: Tina Karolina Stauner Bilder: Intakt und Tina Karolina Stauner

Sylvie Courvoisier und Mark Feldman: Neue Kammermusik - nonkonform und auch konsonant

Sylvie Courvoisier und Marc Feldman im Duo  »Live At Théatre Vidy-Lausanne «, eingespielt 2012, das ist wie die Wiederaufnahme des Konsonanten in die experimentelle New Yorker Downtown-Szene.

Courvoisier und Feldman sind Partner, sowohl im Leben als auch in der Musik, und da mit Piano und Violine. Courvoisiers teils präpariertes Piano ist eine neoklassische und  eigenwillig zeitgenössische Verbindung von europäischem und amerikanischem Spielen und Musikdenken. Feldman ist amerikanischer multiperspektivischer Violinist, der die nonkonformistische Improvisation beherrscht.

Beim Zusammenspiel der beiden Könner wird bei der Aufnahme der 7 Stücke von »Live At Théatre Vidy-Lausanne « fast ein Übermaß an Emotionen spürbar. Statt analysierend darüber zu schreiben wäre Poetisches der Musik und dem Gefühlskosmos des Duos sehr viel näher. Und dem Eintauchen der beiden Instrumentalisten in die Geschichte der Musik der Klassik, der Romantik, des Impressionismus und bis hin zur Zwölftonmusik und wie dies in Spannung gebracht wird zum Experimentellen und Improvisatorischen der New Yorker Gegenwart, wo Courvoisier und Feldman leben und arbeiten. Neue Kammermusik mit reinterpretiertem Jazz ist das. Und kondensiert das bisherige Musikalische der Virtuosen Courvoisier und Feldman, das sich mal einfühlsam sanft, dann wieder kompromisslos harsch darstellt.  Sehr gefühlsgeladen, mit stark romantschen Zügen schon. Dies aber doch aufregend gebrochen durch das mal mehr, mal weniger Schräge der New Yorker alten Gewohnheiten und neuen Erforschungen der Downtown-Avantgarde von Free Jazz bis Improvisation und Neuer Musik, zu der das Paar seit langem in Kollaboration mit namhaften Musikern der Szene gehört. Im Duo sind sie in ihrer ureigenen und besonders poetischen Klangwelt mit feinem Gespür.

Sylvie Courvoisier/Mark Feldman

»Live At Théatre Vidy-Lausanne «

Intakt, 2013




Thursday, August 22, 2013

Bild: Tina Karolina Stauner

Wednesday, July 24, 2013


Wednesday, July 17, 2013

Bryan Ferry und sein derzeitiges Orchester auf Zeitreise - Mr. Perfect?

Als Poser zeigt sich Bryan Ferry immer noch. War er einmal Avantgarde? War er Glam oder Art? Die unterschiedlichsten Szenen haben jedenfall über die Jahre Bryan Ferry gehört. Und zumindest Roxy Music war mehr Art als Glam.

Way back with Bryan Ferry

Die Ursprungsbesetzung der 1971 gegründeten Band Roxy Music war:  Bryan Ferry, Brian Eno, Andy Mackay. Es kamen und gingen diverse weitere Musiker. Und die nach der Bandauflösung folgenden Soloalben von Ferry waren teils doch sehr im Kommerz. Wenn auch das, natürlich, nicht ohne Niveau. Nun taucht der Sound einiger von Bryan Ferrys früheren Aufnahmen in ein Styling ein, das ein Jahrhundert alt ist. In die Jahre der Roaring Twinties und des Dixieland-Jazz. Merkwürdig mutet das an beim ersten Hören. Irgendwie dezent cool aber schon. Cool muß sein, was Ferry tut. Schon immer. Der mittlerweile 67-Jährige hat als jüngste Aktivität im vergangenen Jahr Musik zur Baz Luhrmann-Verfilmung von "The Great Gatsby" eingespielt mit dem formierten Bryan Ferry Orchestra. Und in dieser Besetzung auch Songs seiner früheren Jahre verfremdet zu "Yellow Cocktail Music" und dem Album »The Jazz Age« transformiert. Und lässt also auf Tonträger und zudem live auf der Bühne Teile seines Werks in einem Sound von Anfang des 20. Jahrhunderts verschwinden: Verschwinden, denn man erkennt die Songs manchmal kaum. Und rätselt beim Hören das eine oder andere Mal, welches Stück das nun ist. Fragt sich, ob man das also tatsächlich gut finden soll. Aber das Bryan Ferry Orchestra hat das, was man Klasse nennt. Und Ferry hat sich dafür entschieden, seinem Werk teilweise gerade diesen Touch zu geben.  Eigenartig daran ist auch, dass zahlreiche interpretierte Stücke rein instrumental sind und die Lyrics nun dabei fehlen. Die altbekannten Songs verwandelten sich merkwürdig in gute alte Jazznummern. Klingen wie eingespielt mit einer Dixieland-Jazzband, wenn ein Banjo mit im Orchester ist. Und teils auch recht swingend, mit einer Geste wie zu Zeiten einer Big Band als der Cotton Club in New York ab den 1920er Jahren bekannt wurde. Aber: Der Cotton Club spielte mit Südstaatenklischees und hatte dabei eine reaktionäre Attitude, muß man wissen. Schwarze Besucher bekamen keinen Zutritt. Obwohl es um den Jazz ging, die Musik, deren Wurzeln bei Schwarzen liegt und die auch von Schwarzen gespielt wurde. Auch im Cotton Club der High Society. Weiße machten sich ja damals zunehmend den Sound der Schwarzen zueigen und verbreiteten ihn.

Bryan Ferry live 2013

Beim Konzert in der Tollwood-Arena in München am 03.07.13 eröffnet das Bryan Ferry Orchestra mit einem Set, der nun also an die Zeit des Cotton Clubs erinnert. Ferry selber ist dabei erst mal nicht mit auf der Bühne. Das Bryan Ferry Orchestra spielt gekonnt Instrumentalinterpretationen aus Ferrys Werk. Von "Do The Strand" über "Avalon" und "Just Like You" gibt es mal mehr Dixie, mal mehr Swing. Erst bei der siebten Nummer des Abends klinkt Bryan Ferry sich in den Sound ein. Er wirkt etwas zurückhaltend. Und seine Stimme hat auch tatsächlich nicht mehr die schneidende Kraft wie früher, aber er kann ihr  immer noch, wenn auch anders als in seinen jüngeren Jahren, den Moment Erotik geben, den sie haben soll. Alles ist durchinszeniert bei der ganzen Show, jede Geste, mit Ferry im Anzug, großem Oerchester und glitzernden Background-Sängerinnen. Ferry hat sich das genau überlegt. Und hat also wirklich Teile seiner Vergangenheit in die Zeit vor seine Vergangenheit verlegt. Eine seltsame Entscheidung. Bei "Love Is The Drug" und"Back To Black" wird Ferry eigenwilliger. Und beginnt schließlich einen Sound zu bieten aus Pop, Rock, Funk und Jazz, der nicht mehr in der Vergangenheit des Jazz liegt und nichts anderes als aktuell zeitgemäß zu sein hat. Souverän integriert Ferry auch "Knockin' On Heavens Door". Und zeigt bei Songs wie "Crazy Love" und "Chain Reaction" höchst selbstbewusst Pop- und Rockform. Insgesamt bringt Ferry mit Band und dem Bryan Ferry Orchestra einen Mix aus 25 Stücken einschließlich Zugaben auf die Bühne.

"I thought"

Aber was will ich eigentlich sagen? Warum ich überhaupt hingegangen bin: Es war einfach so, dass ich einmal eine zeitlang Roxy Music anhörte. Deren Alben bildeten bei mir nicht selten den Backing Sound im Alltag. Ich kannte so gut wie jeden Song bis ins Detail. Obwohl ich Roxy Music nur ganz nebenbei hörte. Aber ständig wieder. Als ich meinen Fokus auf Free Jazz und Improvisation zu legen begann, klinkte ich mich gleichzeitig bei Bryan Ferry aus, ohne das bewusst entschieden zu haben. Rückwirkend kann ich sagen, dass ich auf einmal nicht mehr Roxy Musiy und Brian Ferry wahrnahm und diese regelrecht plötzlich vergaß. Weder die Aufnahmen von Roxy Music, noch Bryan Ferry solo nahm ich mehr zur Kenntnis. Er verschwand völlig aus meinem Leben. Jetzt im Juli 2013 wollte ich einfach mal wissen, was mich eigentlich eine Weile mit Ferry verband, warum ich ihn dann ignorierte und ob seine Arbeit mich wieder interessiert. Die Antwort ist ganz einfach:  Bryan Ferrys Musik gehört nicht mehr zu meinem Leben. Und ich nahm sie auch nicht wieder mit rein. Roxy Music war einzigartig. Bryan Ferry erinnert heute live auf der Bühne wie nur noch daran. Und die derzeitige Entscheidung für den Weg in die 1920er und 1930er des vergangenen Jahrhunderts bleibt etwas strange. Man kann gleich Cap Calloway und  Duke Ellington hören und Cocktails trinken. "Move On Up" gibt Ferry zum Abschluss mit auf den Weg. Aber hübsch klingt das Bryan Ferry Orchestra schon. Oder soll man gelegentlich mal Bryan Ferry hören, etwa mit "Can't Repeat The Past?"?

www.bryanferry.com

 veröffentlicht:  www.kultura-extra.de
                          www.skug.at

Sunday, June 23, 2013


© Tina Karolina Stauner  www.zenhardedge.blogspot.com
"Verwandlung und Reisen ins Innere... »Schweigen oder Leere – das kann auch Schatten sein. Schweigen und Klänge, Schatten und Licht – auch das ist Yin und Yang. Man kann das auf ganz verschiedene Weise deuten … «"

Toshio Hosokawa "Solo Concertos Vol. 2", CD, 2013

-Cello Concerto (1997),
  In memory of Toru Takemitsu,
  Rohan de Saram, cello
-Voyage VII (2005), trumpet and strings with percussion,
  Jeroen Berwaerts, trumpet
-Metamorphosis (2000), clarinet, string orchestra, percussion,
 Olivier Dartevelle, clarinet
 (Orchestre Philharmonique du Luxembourg,
 Robert HP Platz, conductor)

Schaustelle, München 2013
Foto: © Tina Karolina Stauner 

Saturday, June 22, 2013


Jazz, Minimalismus und mehr: Isabel Sörling Farvel

Minimalismus ist Isabel Sörling Farvels Terrain mit Auslotung über dessen Grenzen hinaus in Free Jazz, Improvisation, Art Rock, Folk bis zum Bereich der Neuen Musik. Vokale Experimente und Atonales bilden Hauptmerkmale der Musik der Formation, die sich aus Stimme, Saxofon, Trompete, Piano, Bass und Schlagzeug zusammensetzt. Von fragilen, leisen Passagen, bei denen einzelne Instrumente und der Gesang von Sörling sparsam eingesetzte Mittel sind, wird gewechselt in vollinstrumentierte, überbordende Grooves. Vom Unterkühlten und Zerklüfteten wird der Bogen gespannt in wild ekstatische Klangformen. Betonung ist allerdings insgesamt das Minimalistische, Sachliche, Nüchterne, was den Gesamtcharakter der CD prägt und deren Qualität und Eigenwilligkeit ausmacht, die sie vom Gros der Veröffentlichungen abhebt. Etwas spröde und unnahbar wirkt das Ganze und nimmt dann doch teilweise immer wieder packend in manche Parts der Stücke mit hinein. Die schwedische Sängerin Isabel Sörling kann ihre Stimme fein Solistisch wirken lassen oder ins Musikalische einordnen beinahe wie ein Musikinstrument klingend.
Wem Carla Bley oder Sidsel Endresen vertraut sind, wird auch Isabel Sörling Farvels Sound nicht zu fremd sein. "...don't say that I've been away / cause you don't know where I've been today..." singt Farvel und für weltoffene und freigeistige Menschen ist Sörlings Experimentieren und Spielspielerei auch nichts zu Sperriges oder Abseitiges, sondern Jazz vom best Zeitgemäßen. Die fünf Mitmusiker Kim Aksnes, Otis Sandsjö, Henrik Magnusson, Alfred Lorinius und Carl-Johan Groth  verstehen es aufs Einfühlsamste der außergewöhnlich spannenden Jazzstimme Sörlings die richtige Ebene und den großzügig geeigneten Raum zu geben.

 www.isabelsorlingfarvel.com

veröffentlicht:  www.melodiva.de

Friday, June 07, 2013

Ausstellungsplakatdetail - Mel Bochner, Haus der Kunst München
Foto: © Tina Karolina Stauner

Sunday, May 19, 2013

S T R A N D E D

Hier geht es zu STRANDED, einer Seite von mir mit Fotografie, Kunst und Kultur: S T R A N D E D

 
Foto: © Tina Karolina Stauner

Saturday, May 18, 2013

Alexander Kanoldt, Kaktus-Stilleben, 1923

Sozialkritik und Idylle - Neue Sachlichkeit des 20. Jahrhunderts im wiedereröffneten Lenbachhaus in München: Neue Sachlichkeit und Lenbachhaus Und vorübergehend ist nun die Schaustelle aktiv als Raum für Experimente: Schaustelle Foto: Lenbachhaus

Monday, April 29, 2013

Helle und düstere Ebenen, Vergangenheit und Gegenwart - Musica Viva, 26.04.2013, Herkulessaal München

Neue Kompositionen von Salvatore Sciarrino und  Rebecca Saunders kontrastierend zu einem bekannten Orchesterwerk von Helmut Lachenmann

Salvatore Sciarrino - fast übernatürlich Traumhaftes

Salvatore Sciarrino ist ein Komponist, der sich exakt entscheidet, wie er seine poetische Musiksprache für Orchester instrumentiert. Er ist sich vor allem bewusst, dass er den Orchesterapparat nicht komplett ausschöpfen muss. Manches gezielt wegzulassen spielt bei ihm eine entscheidende Rolle, auch für die gesamte Klangfarbe eines Stücks. Eine Vorliebe hat der Italiener grundsätzlich für Flageoletttöne, diese Halbwelt der Töne, die von manchen als undefinierbare Schatten bezeichnet werden. Es gibt von Sciarrino den Satz: "Ich liebe das Flageolett, weil ich selbst ein Flageolett bin." Wenn in kaum definierbaren Konturen mehr oder weniger zufällig die Tonhöhe getroffen wird, oder sie dem Interpreten wegbrechen könnte, darin lässt Sciarrino gern Spannung entstehen. Eine Geige kann für ihn wie ein übernatürliches, traumhaftes Instrument klingen in einem Reich der Melancholie, das lang Vergangenes mit einbezieht. Während Sciarrino aber gleichzeitig neue, eigene Formen findet und verwendet.

"Verhüllter Tag beim schwarzen See"

Der Solo-Sologeige wurden bei der Uraufführung von "Giorno velato presso il lago nero / Verhüllter Tag beim schwarzen See" sozusagen Sologeigen zur Seite gestellt und ungewöhnliche Instrumente wie eine Lastra und Gran Cassa waren untypisch für ein Violinkonzert  in das Orchester eingebaut. "Giorno velato presso il lago nero" zeigte sich als ein Stück, bei dem Zustände wie Unruhe und Gelassenheit dynamisch konkurrieren und Stillstand und Bewegung merkwürdig kontrastieren. Sciarrino spricht bezüglich der Arbeit an dieser Musik von immer wieder zerbrechender, zersplitternder Konzentration und dem Komplettieren der Komposition schließlich vergangenes Jahr in München. Sciarrino, den beim Komponieren auch als melancholisches Moment ein Exprimentieren mit der herabsteigenden Bewegung  interessiert, hatte natürlich bei einer Uraufführung von "Giorno velato presso il lago nero" bei der Musica Viva eine durchaus positive Dynamik, die zu  mancher dem Stück immanenten Stimmungen und Bestrebungen produktiv in Spannung steht. Wie Glück zu Unglück. Fragt sich jemand, wen alles es bestürzt, wenn ein Glückliches fällt? Sciarrino zitiert Rainer Maria Rilke mit den Worten: " Und wir, die an steigendes Glück  / denken, empfänden die Rührung, / die uns beinah bestürzt, / wenn ein Glückliches fällt." Als inspirierend für die Arbeit an "Giorno velato presso il lago nero" erwähnt Sciarrino die Arbeitsphase "Girl by a black lake" des Malers Jan Preisler in dem gegensätzlich mattes Schwarz mit Kreideweiß eingesetzt wird.

Dunkle und helle Ebenen

Was realisierbar ist, wenn man keine ergänzenden Informationen vom Komponisten und den Interpreten zum Werk kennt, sind erst einmal musikalisch zwei Hauptebenen, eine düstere, eine hellere, beide eher verhalten  bis mittellaut. Und umfassender Orchesterklang setzt nur die einen oder anderen extrem lauten Akzente in die beiden Bereiche, die immer wieder wie merkwürdige Dehnungen wirken, die in Spannung zueinander stehen. Eigentlich dachte ich dabei zuerst eher an Pastell- oder Grautöne. Und erst durch ergänzende Lektüre machte ich mir nach der Aufführung mit etwas Distanz den stärkeren Kontrast bewußt. "Giorno velato presso il lago nero" ist ein eher schwierig rezipierbares Stück, das selbst Ohren, die Neue Musik gewohnt sind, irritieren kann und nicht sofort einordenbar und bewertbar ist. Die Violinistin Carolin Widmann hatte den Part der Sologeigerin und konnte mit den kreierten Klangbildern einen Wunschtraum real werden lassen. Salvatore Sciarrino spricht von "Musik, die zu einer anderen Form des Hörens führe, zu einer umfassenden seelischen Einsicht, sowohl in die Realität als auch die eigene Persönlichkeit."

Rebecca Saunders - melancholisches Akkordeon-Klangbruchstück

Der Komposition von Sciarrino folgte ein neues Werk von Rebecca Saunders in Uraufführung: "...of waters making moan" für Akkordeon solo. Teodoro Anzellotti ging souverän in dieses "Klangbruchstück" um  das "Wesentliche eines Farbsplitters innerhalb einer begrenzten und reduzierten Palette von Klangfarben aufspüren" zu können, soll ergänzenden Informationen zufolge jederzeit weitergegeben werden. Die von Saunders genannte Lyrik "...Sad as the sea bird is when, going  / Forth alone, /..." aus einem Gedicht von James Joyce von 1907 kommt der Akkordenaufführung von Anzellotti nahe und Wortreiches braucht es nicht unbedingt, um das gekonnt detailreiche Spiel des Akkordeonisten zu wertschätzen. Sciarrinos "Giorno velato presso il lago nero" vertrug nachfolgend vermutlich auch nur ein Solostück dieser Art.

Helmut Lachenmann - aktuelle Situationen von "Ausklang"

Der fragilen Stimmung des ersten Teils des Konzertabends wurde dramaturgisch ganz entschieden das um Jahrzehnte ältere Stück "Ausklang", 1986 erstmals aufgeführt, von Helmut Lachenmann entgegengesetzt, das mit umfangreicher Orchesterbesetzung und speziell dem Wirken des Pianisten Pierre-Laurent Aimard arbeitete und wie den Geist eines anderen Jahrzehnts atmete, das noch hereinwirkte, aber aktuell interpretiert. Während ich Sciarrinos und Saunders Werk zurückgenommen seitlich aus dem Hintergrund im Parkett beobachtete, ließ ich das von Lachenmann in der Mitte oben im Rang sitzend mit ganzem Blick auf das Orchester auf mich wirken. Fast hatte ich erwogen dem ersten Konzertteil nach der Pause Stille folgen zu lassen. Draußen stand eine dunkle Wolkenwand am Rande eines klaren Himmels einer vergangenen blauen Stunde, auf dem Parkrasen lungerten noch idyllisch Picknicker und aus dem Foyer drangen laute Gespräche,  entschied ich mich dann doch für's Bleiben und konnte den Lachenmann-Part des Abends produktiv rezipierend integrieren. "Wir haben permanent Klänge als magische Mittel...", konstatiert Lachenmann theoretisierend und stellt aber gleichzeitig das Beobachten fest, beim Komponisten und beim Hörer: "Hören wird zu einer Art beobachten.""...Die Musik durchläuft so einen Parcours von Situationen...", kommentiert Lachenmann zu "Ausklang". Um Klarheit über die Gegenwart haben zu können braucht man immer wieder gezielt auch Kenntnis der Vergangenheit. Wenngleich ich "Ausklang" nicht nahe an mich herankommen ließ.

An der Grenze des Hörens

Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Dirigat von Jonathan Nott wagte es interpretierend Nuancen zu setzen auf nicht unbedingt ganz sicherem Terrain der beiden Orchesterstücke von Salvatore Sciarrino und Helmut Lachenmann. Joachim Nott sprach bezüglich der Stückbezeichnung von Sciarrino davon, eine Idee von Visionen von Klangfarben zu haben (...) an der Grenze des Hörens.

Salvatore Sciarrino
"Giorno velato presso il lago nero" für Violine und Orchester
(Uraufführung)

Rebecca Saunders
"... of waters making moan"
Solo für Akkordeon
(Uraufführung)

Helmut Lachenmann
Ausklang. Musik für Klavier mit Orchester


Carolin Widmann, Violine
Teodoro Anzellotti, Akkordeon
Pierre-Laurent Aimard, Klavier
Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks
Leitung: Jonathan Nott

musica viva
www.salvatoresciarrino.eu
www.anzellotti.de

 veröffentlicht: www.kultura-extra.de

Thursday, April 25, 2013


Foto: © Tina Karolina Stauner

Tuesday, April 23, 2013

Kleine Dinge wie Songwriting  und die rechte und die linke Hand

"...the little things in life just passed me by..." heißt es auf "Scapegoats" 1991 bei Green On Red. Kleine Dinge, wie Songwriterkonzerte besuchen, darf man sich im Leben nicht ganz entgehen lassen. In diesen Tagen schaute ich bei Larkin Poe, Ben Caplan und Chuck Prophet vorbei.

Larkin Poe - ziemlich maskuliner Girlcountry

Neugierig geworden auf Larkin Poe durch deren gerade erschienene, exzellente CD "The Sound Of The Ocean Sound" mit Tom Hell war ich am 15.04. in München im Ampere. Ich hörte nicht netterweise vorher beim Suport Act The Common Tongues zu, vielleicht sogar hübsches Songwriting, sondern wählte gezielt den Set von Larkin Poe, die mich beim Reingehen mit regelrecht machohaftverwandtem bluesigen Folk-Rock ansprangen. Die beiden Lovell-Schwestern Megan und Rebecca können so etwas. Insbesondere Megan Lovell an der Slide Gitarre. Möglicherweise hat sie sich einiges von Bonnie Raitt zu Gemüte geführt und sie kann spielen. Sie hat das Metall an ihren Fingern nahezu perfekt unter Kontrolle und nennt für ihre Lap-Steel-Technik Jerry Douglas als Inspiration. Klingen die beiden Lovells teilweise nach feminin romantizistisch Countriesquem mit gelegentlich einer Idee Pop, so können sie jedenfalls auch in eine andere Gangart. Zusammen mit zwei kongenialen Backingmusikern spielten die beiden jungen Musikerinnen eine überzeugende Reihe von Songs durchsetzt mit teils härteren, durch das Schlagzeug souverän gepushten Songstrukturen. Und bestätigten den besten Eindruck, den ich durch ihre CDs hatte. Zwar ein kleiner Silberglitzerminirock hier, ein verspieltes blondes Zöpfchen da, aber coole, versierte Intstrumentalistinnen. Dass sie den Spannungsbogen des Abends mit einem Akustik-Duoset, das ihnen aufeinmal nicht gelang, dann ruinierten, sei einfach mal verziehen. Der gute  Larkin Poe Sound ist auch auf der kürzlichen Veröffentlichung "Thick As Thieves"zu haben.

Ben Caplan - markanter Songwriter, aber  Schwätzer

Der bärtige Barde Ben Caplan konnte mich eigentlich mit einigen sehr schönen Songs wie beispielsweise dem "Leave Me Longing" seiner aktuellen CD " In The Time Of The Great Remembering" und seiner markanten Stimme und Akustikgitarre in sein Solo-Konzert am 19.04. ins Ampere locken. Doch er ist nicht nur Sänger, Gitarrist und Pianist, der Typ labert, labert und labert. Mich interessiert nur sein Gequassel über seinen Achselschweiß genausowenig wie die soundsovielte Zerredung des expliziet erwähnten Stücks "4'33" von John Cage. Caplan redet, redet und zerredet das Niveau, das diverse seiner Songs definitiv nachweisen. Eine Schar hauptsächlich 20-somethings begeisterte sein derartiger Auftritt merkwürdigerweise.

Chuck Prophet - Riffs und Nachtschwarzes

Das, was den Charm der legendären L.A.-Psychedelic Roots-Rockband Green On Red einmal ausmachte, war hauptsächlich Chris Cacavas und Dan Stuart zuzuschreiben. Wenn auch Chuck Prophet seinen erheblichen Teil am Gelingen der Band im Americana-Sektor beitrug. Am 21.04. ging ich in München in den Milla Club zu einer Show von Chuck Prophet and The Mission Express. Prophet spielt straighten angefolkten Rock'n'Roll mit Band und Gattin Stephanie Finch an der Orgel mit etwas Psychedelic-Touch- live gerade bei der Panic In The Temple Tour 2013 und  genauso auf der vor einem Jahr veröffentlichten CD "Temple Beautiful", wie aber natürlich schon immer. Im Konzert von Prophet fehlt die Generation der 20-jährigen weitgehend und hauptsächlich Insider mit der Kenntnis und Erfahrung des Werks von Green On Red und der Songwriter dieser Generation lassen sich auf die Musik ein. Prophet, Sänger und Gitarrist, ist eher ein Mann der wenigeren Worte mit einem um so breiteren Grinsen oder Lachen im Gesicht und jedenfalls mit überzeugend energetischen und packenden Gitarrenläufen und Riffs. Wer statt Freunde auf beiden Seiten eher Feinde auf beiden Seiten hat kann sich zwischendurch vielleicht mal bei einem Konzert von Chuck Prophet die Energie des Rock'n'Roll und der schnörkellosen Songs reintun wie "The Left Hand And The Right Hand" oder "White Night, Big City". Eigentlich möchte ich dann mal Graham Parker sehen.


www.chuckprophet.com
www.bencaplan.ca
www.larkinpoe.com

veröffentlicht: www.skug.at

Sunday, April 14, 2013

 Der unprätentiöse 49 Americans Pop-Stilmix

Die Wiederveröffentlichungen der beiden 49 Americans-Alben  "We Know Nonsense"  und "E Pluribus Unum" der frühen 1980er Jahre ist eine erfrischende Sache. Andrew "Giblet" Brenner brachte damals als Bandexperiment Musiker und Nicht-Musiker zusammen um Musik in Verbindung mit Demokratischem wie Gleichheit auszuprobieren. Eine Band im konventinellen Sinn waren die aus hauptsächlich englischen Musikergrößen und ergänzenden No-Names formierten 49 Americans nicht. Es gehörten u.a. dazu David Toop, Steve Beresford, Lol Coxhill, Peter Cusack, Viv Albertin, Vivien Goldman und Brenners Mutter.
Die 49 Americans-Experimente, ein Stilmix in dem postmodern Doo-Wop-artiges bezeichnend war und Disco-, Samba-Elemente, No Wave und New Wave hineinspielten, bleiben zwar happy-go-lucky-Liedgut, aber das im anspruchsvollen popmusikalischen Sinn. Hübsche Melodien, wie besonders coole Saxophonlinien, kommen zusammen mit allen möglichen kleinen Schrägheiten und unprätentiösen Rhythmus- und Textspielereien. Könnerhaftes und Dilettantisches war gleichermaßen erlaubt.Verspielte Verwandte im weiteren Umfeld von  Red Crayola, den Slits und Konsorten waren die 49 Americans. Und sie trafen sich, einfach weil es ihnen Spaß machte, das Spielen, Und sich dabei nicht allzu ernst zu nehmen und vor allem zu überraschen war die Devise. Das dann aber ernsthaft um dem Individuellen einen Platz zu sichern. Daran darf auch jetzt weitergebastelt werden, musikalisch, demokratisch und überhaupt und mit den 49 Americans-Songs.

"We Know Nonsense"
"E Pluribus Unum"
49 Americans
(Sraubgold)

veröffentlicht: www.culturmag.de

Wednesday, April 10, 2013

Kevin Coyne: Ein Songwriter, der riskant spielte mit harten Themen, bösen Abgründen, künstlerischen Exzessen und tiefem Sarkasmus...

Ein Kurzporträt des Musiker Kevin Coyne gibt es von mir bei textem und culturmag und nachlesbar auch hier auf meiner eigenen Seite: Kevin Coyne-Porträt

Das Frühwerk von Kevin Coyne ist teilweise in den vergangenen Jahren wiederveröffentlicht worden. Die jüngsten Re-Releases von Kevin Coynes Songwriter-Anfangsphasen:

Zu Beginn des Jahres 2013 wurde "Case History" aus seinen ersten Musikerjahren von Cherry Red Records neu aufgelegt. Und die aus der Verbindung mit seiner damaligen Band Siren stammenden LPs sind seit Ende 2012 ebenfalls durch dieses Label wieder erhältlich. Es gibt dort seit vergangenen Sommer auch "Nobody Dies in Dreamland: Home Recordings 1972" von Kevin Coyne.
Zudem ist die 4-CD-Box »I Want My Crown – The Anthology 1973–1980«, 2010 von Virgin herausgegeben, gute Information über die exzellente frühe Londoner Zeit.


veröffentlicht:
www.culturmag.de
www.textem.de

Saturday, April 06, 2013

Thom Hell Schulter an Schulter mit den Schwestern von Larkin Poe

Aus den Lovell Sisters, die bis 2009 aktiv waren, ging die Band Larkin Poe durch zwei Lovells hervor, benannt nach deren Urgroßvater. Alt-Country in der Form von Girl-Country, und das mit Betonung von Harmoniegesang, Mandoline und  besonders Lap Steel Guitar. Vielleicht konservativ in der Instrumentierung, aber mit einer Prise Neo und Progressiv im Gesamtkonzept. Larkin Poe begann mit vier Platten, die einfach nach den Jahreszeiten benannt wurden. Und Larkin Poe spielte immerhin schon im Vorprogramm von Elvis Costello.
Nun ist in Kollaboration mit dem norwegischen Musiker Thom Hell "The Sound Of The Ocean Sound" erschienen. Mit astreinem Songwriting und Folkrock. Die Schwestern  Rebecca und Megan Lovell, Jessica aus frühen Lovell Sisters-Zeiten ist nicht mehr dabei, und Thom Hell, der zuvor mit Marit Larsen zusammenarbeitete, sind für Ohren, die Puristisches mögen. Und das dann gerne mit einem kritischen, frischen und durchaus melancholischen Touch. Wenig Frauen profilieren sich so an der Lap Steel, wie es Larkin Poe tatsächlich exzellent gelingt. Genau das ist auch die Stärke der Band und unterscheidet sie aufs Beste vom Gros der anderen Singer/Songwriterinnen.
Kann sein, dass manches etwas melodiös geraten ist. Dies jedoch ist wie makellos und durchaus mit passablen Texten. Wie die Lyrics von Megan Lovell, die auch die Lap Steel spielt. Sie insbesondere prägt den Sound, auch wenn die Mitmusiker, zu denen außer ihrer Schwester noch Mike Seal, Daniel Kimbro und Gäste gehören, nahezu Perfektionistisches beitragen. Wie etwa so: "...Even so - dear, without you / I'm a ship that is lost to the land..." ("Shoulder To Shoulder"). Aber na ja, schon romantizistisch.

Larkin Poe & Thom Hell
"The Sound Of The Ocean Sound"

www.larkinpoe.com

veröffentlicht:  www.melodiva.de

Thursday, March 28, 2013


Märzwinter
Collage: © Tina Karolina Stauner

Sunday, March 24, 2013

Jason Molinas Gedankenwelt vom sogenannten "The Black Album" bis "Autumn Bird Songs 10”

Der Songwriter Jason Molina lebt seit diesem März nicht mehr. Er wurde 39 Jahre alt. Ich nahm seine durcharrangierten - dies zwar meist sparsam - Aufnahmen und Live-Einspielungen mit Band bisher einfach wahr wie die von vielen anderen passablen Songwritern. Molina begann in den 90er Jahren mit dem Projekt "Songs: Ohia" und spielte später mit Magnolia Electric Co. Mit der Mini-LP "Autumn Bird Songs 10” veröffentlichte Molina im Herbst 2012 eine CD, die er wie ein Demo-Tape solo mit akustischer Gitarre einige Jahre zuvor schon aufgenommen hatte, bevor er er sich aus gesundheitlichen Gründen zurückzog. Auf "Autumn Bird Songs 10” wurde ich nun aufmerksam, weil Molina tatsächlich heraussticht mit diesen Aufnahmen und sich von vielen anderen um manches abhebt. Eine stark melancholische, beunruhigende Grundstimmung prägt zusammen mit einer gewissen fast beängstigt machenden Härte dieses Album. Das aber gleichzeitig ungemein kraftvoll wirkt und zeigt, welche Klasse Molina eigentlich hatte und zu was für exzellenten Interpretationen seines Songwritings er fähig war. In "Owl & Raven" heißt es: "...Owl and the raven in the pine / Old ghost in the valley, watch / I will drown the light, draw the star / And follow the blues back to you...". Der Illustrator William Schaff ergänzte Jason Molinas Songs mit seiner Arbeit “From Black Sheep Boys To Bill Collectors- The music-related artwork of William Schaff” und es wurde dem Booklet Text hinzugefügt von Will Sheff, John Darnielle und Darren Jackson. Schaff arbeitete auch schon in früheren Jahren für Molinas Band Magnolia Electric Co.
Molinas Songs sind nun online anhörbar: live.magnoliaelectricco.com


(Artwork: The Magnolia Demos)

www.magnoliaelectricco.com

veröffentlicht: www.culturmag.de