Friday, March 28, 2008



»Lucie & Maintenant« - Journal Nomade

Unmittelbares Erleben zwischen Aufbruch und Ankommen

Nach ihrem bislang bekanntesten Film »Step Across The Border« (1990, u.a. mit Fred Frith) führen Nicolas Humbert und Werner Penzel wieder filmisches Experiment und freie Improvisation ineinander.


Inspiriert von der literarischen Vorlage »Die Autonauten auf der Kosmobahn« von Julio Cortázar und Carol Dunlop begeben sich die Filmemacher mit dem Künstlerpaar Océane Madelaine und Jocelyn Bonnerave auf die autoroute du soleil. Die Reise von Paris nach Marseille, als Versuchsanordnung, damals 1982 ursprünglich mit der Spielregel versehen, 33 Tage nur auf der Autobahn und auf Raststätten zu leben. Das bedeutet für die jetzige Zeit auch, sich in der Tradition der Roadmovies zu bewegen.
Filmeinstieg von »Lucie et Maintenant« mit kurzen Schnitten – Zeichen, Farben, Strukturen, Licht, Schatten, Rhythmus. Ein Spiel auf formaler Ebene. Die Schnitte bleiben kontrastreich. Beobachtungen von Straßen- und Parkplatzszenen. Die Kamera auf den Spuren des Flüchtigen, des Ungreifbaren. Die Autobahn als Klangteppich. Momentaufnahmen an unwirtlichen Durchgangsorten und Zwischenräumen im Transitraum. Metamorphosen der Nomadologie. Stilleben und Porträts in gemeiner Rastplatzatmosphäre. Einfachheit wie ein bunter Feldblumenstrauß, ein heißer Automatenkaffee oder ein herumliegendes Buch beginnt man als edle Dinge wahrzunehmen. Und beim Campieren mit dem Auto erscheint der Mikrokosmos des Liebespaares wie ein Inbegriff an Lebensgenuss ungebrochener, bewusster Wahrnehmung bei unzerstörbarer Idylle. »Wächter der offenen Räume«, ein poetischer Gedanke, der auftaucht – »auf den Spuren ihrer Inspiratoren und gleichzeitig auf der Suche nach dem Hier und Jetzt.«, so Nicolas Humbert.
Madelaine schreibt nebenbei Tagebuch und liest daraus vor. Ihre Gesichtszüge sind dabei in Nahaufnahme analysierbar. Leben und Literatur wirken wie direkt ineinandergespiegelt, wie eine produktive Einheit. Worte und Schriftkultur erhalten einen überbetont hohen Wert. Der Philosoph Vilém Flusser wird ins Spiel gebracht, der die heutige Gesellschaft auf einem Weg in eine nachalphabetische Phase der nulldimensionalen technischen Bilder sieht, bei der die Texte ihre Funktion verlieren.
Und als Gedanke von ihm wird erwähnt: »Unsere Wohnung ist die Weltmitte, der Verkehr zwischen Wohnung und Welt ist das Leben ...«. Es geht um unmittelbares Erleben zwischen Aufbruch und Ankommen. Und Linien ziehen und nicht Punkte setzen. Somit wird auch Gilles Deleuze zitiert. Parallelen zum Ausnahmezustand der Zeit auf der Autobahn sind visualisierbar und Wege darüber hinaus. Und das Schreiben, die Literatur wird gleichbedeutend mit Unterwegsein ins Bewusstsein gebracht.

»Lucie & Maintenant« (CH/F 2007, R: Nicolas Humbert, Werner Penzel, Simone Fürbringer, Balzli & Fahrer Filmproduktion, Bern)

website von Nicolas Humbert und Werner Penzel: www.cinenomad.de

www.skug.at
(SKUG 74 (print), 4-6/08)
Joe Lally
»Nothing Is Underrated«

(Dischord)

Ein dunkles Cover mit Joe Lally's wenig erkennbaren, verschlossenen Gesichtszügen, auch sein Name und der CD-Titel
»Nothing Is Underrated« in dunklen Buchstaben auf dunklem Grund kaum zu sehen, nur das weiß geschriebene, herausstechende Wort nothing sofort lesbar. Um nun gleich auf einen Song hinzuweisen, bei dem jeder Satz mit I'm not beginnt: »...I am not defined by terms of belief...I am not a profile based on statistics.« (»Mistaken Identity«). Sich Verweigerung leisten: »...I have no address the place I am living one step up from death...« (»Motora«). Aber auch die Fähigkeit zu Klarsicht und Entschlossenheit: »Painfully aware something's wrong I know I don't belong years on years nothing's changed my resolve remains« (»Painfully Aware«). Aus Verneinung heraus entsteht eine eigene Haltung voll ungemein positiver, unkorrumpierter Kraft. Joe Lally's sprödes Songwriting, eher sparsam instrumentiert, mit perfekten Arrangements, paßt sich keinem Trend an, ist kompromißloser Ausdruck von Persönlichkeit und Meinung. Bei dem Fugazi-Bassisten spürt man die Wurzeln im Post-Core. Obwohl die Songs Folk sind. Aber eher mit Changes und Dynamik wie im Math-Rock. Und oft mit jazzigem Touch. Lally's zweite Solo-CD besticht durch dominierende, schöne Basslinien und
-figuren, prägender, einfacher Schlagzeugarbeit, eckigen, dissonanten Gitarrenmelodien und manchmal atmosphärischen Keybordebenen. Zu diversen Mitmusikern gehörten auch Ian MacKaye und Guy Picciotto von Fugazi.

Bob Mould
»District Line«

(Beggars)

Bob Mould, ehemals Hüsker Dü und Sugar, ist auch, dies auf seine sehr gitarrenlastig rockige Weise, in die derzeitige neue Leichtigkeit im Songwriting geraten. »District Line« sei seine Art gewesen »etwas in ein Tagebuch zu schreiben«, sagt er. Ja, Notizen wie nebenbei. Zwar manches mitteilenswert gelungen, aber so manches auch unspektakulär belanglos. Er spricht von den vergangenen Jahren als »sehr positive Erfahrung«. Umgesetzt dann also zu etwas mit eingängigem Pop-Appeal, wenngleich reflektiert: »...the slow romantic decay....« (»Shelter Me«), durch Amy Domingues' Cellomelodien in einigen Songs verfeinert und kantig durch die Drums von Brendan Canty von Fugazi.

www.skug.at
(SKUG 74 (print), 4-6/08)
("Venus at the Forge of Vulcan" by Jan Breughel the Younger)

Elliott Sharp's Terraplane
»Forgery«

(Intuition)

Terraplane ist eines der diversen Bandprojekte von Avantgarde-Downtown-NYC-Größe Elliott Sharp. Derzeit mit schnörkellosem,
urbanen Blues mit Free Jazz-Elementen. Auch futuristic Guerrilla Blues genannt. Sharp besann sich als Basis für das neue Album »Forgery« auf eine alte Weisheit des R&B und läßt Wirkung beruhend auf einer funky Rhythmusgruppe (David Hofstra: Bass, Tony Lewis: Drums) und einer jazzy Horn Section (Curtis Fowlkes: Posaune, Alex Harding: Baritonsaxophone) entstehen. So gelingt es Terraplane geballte Energie freizusetzten, die zusammen mit Gitarre, Steel Guitar und Tenorsaxophon von Sharp und der emotinalen Stimme von Eric Mingus zu einer immensen Kraft wird. In einem Spektrum von merkwürdig beunruhigender Stimmung, die aktuelle Situation nach nine-eleven widerspiegelnd - »War Between The States«, bis zu einem dem alten, warmen Blues nahen Feeling - »How Much Longer Blues«. »Katrina Blues« über New Orleans bekommt durch den Gesang von Poetin Tracie Morris eine besondere Atmosphäre. Der CD-Titel »Forgery« bezieht sich auf den derzeitigen Zustand von New York, »jener Stadt, die immer noch vorgibt, der Puls der Welt zu sein, aber in Wirklichkeit längst zu einem Museum ihrer selbst verkommen ist.« - »...Von dem New York, das ich einst liebte, ist nichts mehr übrig.«, wird Sharp im Label-Info zitiert. Und in dieser Lebenssituation entstanden Aussagen über Politisches und Zwischenmenschliches - auf dem Cover teilt er mit: »...to move or advance against strong resistance...«.

www.elliottsharp.com

www.skug.at
(SKUG 74 (print), 4-6/08)

Wednesday, February 27, 2008



Architektur in Wien, 2008
Foto: Tina Karolina Stauner

Das Ausstellungsgebäude der Wiener Secession, 1897/98 von Joseph Maria Olbrich errichtet.

https://www.secession.at/

Saturday, December 29, 2007


Toshinori Kondo
»Silent Melodies«
stilll/off/broken silence

Der Tokioter Avant-Jazz-Trompeter Toshinori Kondo, sonst in Zusammenarbeit u.a. mit Größen der New Yorker Downtown-Szene, hat die Solo-CD »Silent Melodies« veröffentlicht: nur elektrische Trompete und Effekte ohne jegliche Overdubs. Er öffnet einen seltsamen, dunklen Klangraum. Melodiegebilde beginnen sich darin auszubreiten wie erratische Objekte in einer Parallelwelt zur Wirklichkeit. Eine spirituelle Sphäre entsteht, die nichts mit flacher Esoterik zu tun hat. Manche Stücke werden zum Meditationsraum. Und es kann sich auch ein diffuser Negativraum spiegeln. Manchmal sind in Hall fragmentarisch gebrochen Themen zu erahnen, die für Momente an Jazzklassiker erinnern. Und echoartig blenden sich Rhythmusebenen ein wie Sterotypien. Kondos Trompetenimprovisationen in einem extremen Spektrum von fragilen bis kraftvollen, oft verfremdeten, verzerrten, manirierten Tonfolgen führen zu einer Spannung eigenartiger, schwer benennbarer Dimension zwischen archaischen Tiefen und Zukunftsvisionärem. Die Klangfacetten seines Trompetentons blitzen aus Düsterem und sind merkwürdig meditativ und wie ein Statement gegen jede oberflächliche Eloquenz.

www.skug.at
(SKUG 73 (print), 1-3/08)
Richard Thompson
"Sweet Warrior"
Proper Records/Rough Trade

Richard Thompson gehört zu den Musikern, die Maßstäbe gesetzt haben für das, was Substanz im Songwriting bedeutet. Er begann mit Fairport Convention, veröffentlichte dann mit seiner Frau Linda zusammen und danach Soloalben auf kontinuierlich hohem Niveau. Dieses Jahr erschien »Sweet Warrior«, Songs die von Verlust und Verrat erzählen. Wir befinden uns an persönlichen und öffentlichen Kriegsfronten...Der Opener, das griffige »Needle And Thread«, gibt Anhaltspunkt dafür von welch desolatem Seelenzustand man ausgehen kann: »...I'll thread up my needle and then/Gonna sew my soul back together again...«. Doch dann folgt gleich der tighte Up-Tempo-Kick »I'll Never Give It Up«. Und im kraftvollen, provokativen »Dad's Gonna Kill Me« über die Situation eines jungen Soldaten in Bagdad, das als Dad bezeichnet wird, gibt Thompson ein politisches Statement. Eins der einprägsamsten Stücke ist in saxophon-akzentuiertem Ska-Rythmus »Francesca«. Ein Paradoxon, denn zu einer wunderschönen Melodie, regelrecht Synonym für Lebensfreude pur, gibt es eine abgrundtieftraurige Geschichte über Rufmord. Mit emotionaler Klarheit gelingt es auch jeder der Balladen dieses Albums im Innersten zu berühren.
Insbesondere Fiddle, Mandoline, Hurdy Gurdy und Harmoniegesang auf »Sweet Warrior« sind sehr der Folkrocktradition verbunden und fast wie musikalische Zitate wirken manche reinen Folkeinschübe in dem insgesamt aber oft dem straighten Rock nahen, höchst energiegeladenen Album. Thompson hat das Gespür für den perfekten Song, er hat das besondere Timbre in der Stimme und seine E-Gitarre ist Präzisionsarbeit über dem warmen Acoustic Bass von Danny Thompson. Dazu schnörkellos exakte Rockdrums von Michael Jerome. Stellt sich allerdings die Frage warum eine Spur zugänglicher produziert wurde als man es von Thompson gewohnt ist und als es der Härte der Aussagen und des Zynismus näher sein könnte. Sieht man Thompson doch abgebildet auf der Cover-Rückseite eine Gitarre haltend wie ein Gewehr im Anschlag.

www.richardthompson-music.com

www.skug.at
(SKUG 73 (print), 1-3/08)

Sunday, November 18, 2007

"...Ich glaube, das was uns allen Sorgen macht, das ist das Ende des Pop..." (aus "Lager ohne Grenzen. Europäische Benefizveranstaltung gegen den Krieg" von Christoph Schlingensief, Hörspiel WDR, 1999)

17.11.07 - "Stifters Dinge", Heiner Goebbels, Muffathalle München


Die neue Heiner Goebbels-Bühnenproduktion spiegelt das wider, was ich für einige Zeit hauptsächlich tat: mich (aus diversen Gründen) nicht unter Leuten der Kulturszene aufhalten. In dem Projekt "Stifters Dinge" fehlt der Musiker und der Schauspieler. Auf menschenleerer Bühne bieten Klaviere, Objekte und Maschinen, die von einer Software gesteuert werden, im Kontext des Bühnenbildes ein Eigenleben und ein Konzert...bei dem u.a. ein Stiftertext gelesen wird: "...Das Rauschen, welches wir früher in den Lüften gehört hatten, war uns jetzt bekannt; es war nicht in den Lüften, jetzt war es bei uns. In der ganzen Tiefe des Waldes herrschte es ununterbrochen fort, und entstand, wie die Äste und Zweige krachten und zur Erde fielen. Es war um so fürchterlicher, da alles Andere unbeweglich stand … Wir harreten, und schauten hin, ich weiß nicht, war es Bewunderung oder Furcht, in das Ding hinein zu fahren..." (Adalbert Stifter, "Die Mappe meines Urgroßvater")
Meine eigene Arbeit in Text und Bild der vergangenen Monate ist noch nicht online, veröffentlicht oder ausgestellt.
(Foto: Berliner Festspiele)
www.heinergoebbels.com

Saturday, September 22, 2007

Gob Iron "Death Songs For The Living", 2006

Irritierend auf einmal von der CD "Death Songs For The Living" von Gob Iron so sehr an die Zeit erinnert zu werden in der ich besonders Folk und Folkrock hörte. Die Tage vor mehr als 15 Jahren als ich nach den frühen Aufnahmen von Bruce Cockburn oder Murray McLaughlan suchte. Damals war damit selbstverständlich ganz klar eine Lebenshaltung und politische Einstellung verbunden, bei jedem, der sich mit dieser Musikrichtung befaßte. Das war noch bevor die Worte political correctness zum Begriff und auch zur Floskel wurden und dann wieder aus den Medien verschwanden.
Es geht Gob Iron, einem Song-Interpretationen-Projekt, mit dem Jay Farrar (Son Volt) und Anders Parker (Varnaline) Originalen nachspüren, um den Stellenwert von Tradition, ernsthaften Aussagen und erstklassigem musikalischen Handwerk und darum dies weiter oder wieder ins Bewußtsein zu bringen. Deshalb eine wichtige CD.

Friday, September 21, 2007

Kontraste »Seltsame Musik«
05. - 13.10.2007 Klangraum Krems Minoritenkirche

Absolut jenseits des Mainstream bietet das 5. Kontraste mit »Seltsame Musik« ein extremes Musikspektrum. Performance, Klangkunst, interdisziplinäre und auch raumbezogene Projekte von Musikern, Instrumentenbauern, Klangerfindern in der speziellen Atmosphäre der Minoritenkirche. Einige Programmpunkte: Unter dem Motto »Odd Orchestras« spielt das Ensemble Extended Heritage Stangl-Castelló-Kompostionen für Saxophon (John Butcher) und Quiet Players. Sie lassen uns wissen: »Wir lassen in erhabener Ereignislosigkeit eine sorgfältige Unordnung walten...«. Weiter aufgeführt werden Improvisationen polyphoner Bläsermusik vom Franz Hautzinger Trumpetorchestra. Hautzinger über seine Musik: »Ich spiele zwar Trompete, aber meine Arbeits-, Denkweise und Haltung ist in Struktur, Klang und Frequenz elektronisch.« Der Höhepunkt des Abends »Magnetic Ladies« ist Diamanda Galás. Ihr Konzert mit dem Titel »Guilty, Guilty, Guilty« sind Liebes- und Todeslieder. Galás spricht von explodierenden Grenzen, der sophisticated Waffe Stimme und rohen Emotionen über das Programm aus eigenen Songs und Interpretationen. Im folgenden Teil »Strange Instruments« stellen Hans Reichel & Kazuhisa Uchihashi die Daxophone vor, selbstgebaute Streichinstrumente, die ähnlich wie eine singenden Säge klingen. Pierre Bastien leitet dann ein futuristisch-dadaistisch anmutendes »Mechanikum« aus hybriden toyrobots. Die Musiker sind arrangierte Maschinen in einem kuriosen Orchester aus Teilen von Metallbaukästen. Ein Tohuwabohu, das wie melancholische, surreale, meditative Minimalmusik klingt. Schließlich »Trash 'n Pop«. Mit Bob Rutman und dem irritierenden Sound der großen Instrumentenskulpturen des Steel Cello Ensemble. Den Fluxus-Performerinnen Nista Nije Nista, die in freier Improvisation, Noise, simplen Songs und ironischen Sprachspielen der Aussage nachgehen: »Nichts ist nicht Nichts.« Zum Abschluß die Beat-Legende The Monks. Die »Anti-Beatles« mit absurden Statements zu primitiven Rhythmen sind Kult.
www.klangraum.at
(SKUG 72 (print), 10-12/07)

(Auftragsübersetzung aus dem Englischen für skug)


music unlimited #21
9.–11.11.2007 Alter Schl8hof Wels

Dieses Jahr wird »music unlimited« in Wels von Carla Kihlstedt kuratiert. Die klassisch geschulte Violinistin und Vocalistin bewegt sich mit ihrer Arbeit in einem Spannungs- und Kommunikationsfeld traditioneller und experimenteller Klänge von Folk, Jazz, freier Improvistion, zeitgenössischer Kammermusik, Metal-Versatz, amerikanischer Rootsmusik und diverser Weltmusik. Bei dem mit »Songs For Hands & Mouths« betitelten Avantgarde-Festival ist sie mit Ben Goldberg Quintet, das Hard Bop, Free Jazz und Neue Musik kombiniert, mit der Avant-Rockband Sleepytime Gorilla Museum und mit ihrer Aufführung
»Sympathy and Difference« zu erleben. Kihlstedt und die von ihr eingeladenen Musiker loten die Differenziertheit von Komposition und die Augenblicksidentität von Improvisation bis über Grenzen und auch deren Überschneidungen aus. In Crossovers, die nach einer Befreiung von einfacher Spartenzuordnung verlangen. Eine Erschließung neuer Klangäume, über die Carla Bozulich, die »Evangelista« präsentiert, schreibt: »...Sogar wenn du an nichts glaubst. Gut oder böse, es gibt nichts mit leerem Raum vergleichbares. Sogar in diesem Hohlraum ist Sound. Du wirst es hören...« Weiter dabei u.a. das bizarre Rockabilly-Bossa -Folkpunk Trio Bolivar Zoar, neo-psych-folk Songtelling von Faun Fables, die chinesische Guzheng-Spielerin Wu Fei, tribal Rhythms bis komplexe Soundstrukturen von Larry Ochs Sax & Drumming Core & Guests, die Secret Chiefs 3 und ihr Genre-Medley mit Anklängen an die Musik des Mittleren Ostens und Free Hardcore-Jazz von Ron Anderson & the Molecules. Im Spektrum von Free Jazz, Electronics, Postmoderne und neuer Improvisation die Formationen John Butcher & Gino Robair, Kurzmann/Tilbury/Dafeldecker/Wishart genannt Violet Quartet und Ellery Eskelin & Andrea Parkins & Jim Black. Und sogenannte Neue Musik von Lisa Bielawa und Marina Rosenfeld. Plus DJing und Sound-Installation.
www.musicunlimited.at
(SKUG 72 (print), 10-12/07)

(Auftragsübersetzung aus dem Englischen für skug)

www.skug.at

Saturday, August 25, 2007


Hofgarten München
Detail Dianatempel, der von Heinrich Schön im Jahr 1615 angelegt wurde.
Foto: Tina Karolina Stauner, 2007

Friday, August 24, 2007

Äl Jawala (...BalkanBigBeatz...) in der Münchner Fußgängerzone einige Tage vor ihrem Konzert beim Jazzfestival Saalfelden
Foto: Tina Karolina Stauner, 2007

Thursday, August 23, 2007

"Francis Bacon - Form und Exzess", Regie: Adam Low, Musik: u.a. Brian Eno, 2005/2007

Das Gesicht Bacon's, seine Mimik beobachten und seine Körperbewegungen und die Art wie er sprach...ein Mann, der sich selbst als "medium of chance and accident" bezeichnete. Ich sah vor Jahren die Retrospektive im Haus der Kunst in München und las umfangreiche Literatur über ihn. Jetzt einfach in Nahaufnahme persönliche Details seines Lebens und seiner Beziehungswelt entdecken. Collagenhaft die dokumentarischen Film-, Interview- und Musiksequenzen, die sich zu einem Bild von Bacon's Persönlichkeit zusammenfügen. Und Bilder der Deformation, mit denen er auf ein kaum kontrollierbares Potential an latenter körperlicher Gewalt und psychischer Kräfte im Menschen hinweist. Wer sich für Bacon interessiert, soll sich das Wissen über ihn erarbeiten. Mit einigen schnell lesbaren Worten über ihn oder diesen Film besteht die Gefahr ihn gerade mal oberflächlich klischeehaft zu skizzieren.
- hier Informationen und Bilder: http://www.francisbacon.com

Saturday, August 18, 2007

Christiane Osann



Josef Alexander Henselmann, 1998
(Fotos: Tina Karolina Stauner, 2007)
Porträtserie aus einer Welt jenseits allübergreifender oberflächlicher Eloquenz. Reliefs aus dem Jahr 1998 von dem Bildhauer Josef Alexander Henselmann in der Münchner Frauenkirche. Gesichter mit Ecken und Kanten. Die Augen sind mit Höhlen, Löchern als Pupille, die dem Blick etwas Doppeldeutiges geben, einerseits wie verzweifelt nach innen gerichtet, andererseits wie klar und selbstbewußt beobachtend aus unkorrumpierter Position an einer Grenze zwischen Macht und Resignation. Bin ich im sakralen Raum auf zu konservativem Terrain, frage ich mich. Aber als Vergleich, als einer der Orientierungspunkte, im einen Extrem, scheinen mir diese Reliefs gerade geeignet, auch im Hinblick auf die Inflation der Bilder z.B. in MySpace, im anderen Extrem. Und im Kontrast zu dem Relief eine Skulptur von Christiane Osann. Derzeit in der Galerie Westend in München.

Friday, August 03, 2007

21.06.07 Sonic Youth, Tollwood Festival, München

Sonic Youth spielen die "Daydream Nation"-LP von 1988 nach.
Ich frage mich jedenfalls zuallererst: Warum das? Um zu zeigen, daß diese Songs nichts an Kraft und Wichtigkeit verloren haben? Oder um bewußt das Gegenteil zu demonstrieren, nämlich daß die Zeit vergangen ist...?
Ich gehe am frühen Abend auf das Festivalgelände zu. Sonic Youth spielen längst. Als das weiße, hell leuchtende Festivalzelt in der Ferne in Sichtweite ist, ist auch der Sound schon so deutlich, daß die Songs gut zu hören sind. Das Völkchen der Tandler hat sich mit kleinen Zelten und Buden um das große Musikzelt angesiedelt. Mit lauter hübschem Kunsthandwerk, Kleinkram, Tand. Der ganze Platz ist beleuchtet mit Kerzen und Lampions. Bunte Lichter überall. Und Drinks und Gesprächsfetzen. Ein Ort einfach für gute Laune und gemütliche Stimmung am Rande eines grauen, durchschnittlichen Stadtalltags. Ein bißchen wie eine kleine Märchenwelt für sich, das Musikzelt ein strahlender Märchenpalast mit Sonic Youth als Märchenfiguren. Hatten die Gefühle und Gedanken der "Daydream Nation"-Zeit realen Wert?
Zwar flackerndes Kerzenlicht in der ganzen Zeltstadt, doch die Gerhard Richter-Kerze des Plattencovers ist nur noch auf dem Bild angezüdet. Das Licht der damaligen Zeit brennt nicht mehr.
Ich höre und sehe etwas Artifizielles, dem es an echter, innerer Spannung fehlt, wenn ich mich heute mit der Show von "Daydream Nation" originalgetreu auf der Bühne nachgespielt konfrontiere. Das zutiefst existenzielle Element, das "Daydream Nation" einmal hatte, ist vorbei. Vielleicht sogar vergessen? Ich weiß was aus dem Leben so manchen Sonic Youth Fans dieser Zeit wurde...bei der Zugabe kommt man zu aktuellem Songmaterial, das feeling verändert sich und so wird es auch interessant Sonic Youth zu hören...und ich bin gedanklich beim Thema Musik und Relevanz...
sonic youth infos: www.sonicyouth.com

Sunday, July 29, 2007

19.06.07 Pop - Eckhard Schumacher im Gespräch mit Moritz von Uslar und Thomas Meinecke, Literaturhaus München

Vorgelesen werden Texte von z.B. Peter Handke, Clara Drechsler. Thomas Meinecke liest selber. Ich bin Insider. Habe genau das auch gelesen. Die gesamte Popkultur, Popliteratur mitverfolgt. Kenne den Pop-Diskurs. Und auf einmal denke ich während der Gesprächsrunde den Satz: "Nur noch Pop haben und nicht mehr Privatleben." Wie ist das bei den anderen? frage ich mich. Für mich war Pop immer eine Parallelwelt, die ich gut kannte, in die ich hineinkonnte, wenn ich wollte. Haben die anderen alles im Sinne von Pop gelebt? Ist Pop ein Lebensstil? Oder eine kulturelle Sparte? Ein Kunststil? Das Reden über Pop ist bisweilen mehr Pop als das, worauf es gerichtet ist, meint jedenfalls auch Roger Behrens. Und dann muß man auch anfangen zu unterscheiden wie Diedrich Diederichsen, der Pop einteilt in Pop I in den 60ern, Pop II in den 80ern und Pop III seit den 90ern. Sind wir bei Pop IV?
Popliteratur entstand schon in den 40er Jahren. Geht auf die Beat Generation zurück, auf Leute wie Allen Ginsberg, Jack Kerouac, William S. Burroughs. In Deutschland war der Aufsatz "cross the border, close the gap" von Leslie Fiedler der Beginn. Und vor allem dann Rolf Dieter Brinkmann.
Den Alltag, nicht elitäre Hochkultur, wollte man damals in der Literatur.
Vielleicht saugt die Hochkultur die Popkultur wieder auf. So klingt es, wenn im Literaturhaus von der Kammerspiele-Schauspielerin Anna Böger ein Rainald Goetz-Text gelesen wird.
Der Pop-Diskurs war noch in den 90ern seiner Zeit voraus, denke ich. Und ich hab schon seit einer Weile den Eindruck, daß er an Bedeutung verliert. Etwa wenn die Moderation mancher, einst wichtiger, heute 50 bis 60-jähriger, Djs für nichts mehr weiter von Belang ist als eine Frischfleischmühle am Laufen zu halten in der die Zielgruppe 20-somethings angemacht wird. Ja, was macht eigentlich der Pop-Diskurs?
Jetzt haben wir das an diesem Abend vorgestellte Buch "Pop seit 1964", herausgegeben von Eckhard Schumacher und Kerstin Gleba, und können uns mal klar machen wo wir stehen. Und mit uns der gesamte Pop-Diskurs.
So fragt Clemens Niedenthal in der taz z.B. in einem Interview mit Klaus Walter und Thomas Meinecke: "Warum ist Pop einerseits in den Jugendwellen so präsent wie nie, während andererseits ein umfassendes, vielleicht linkes Verständnis von Popkultur aus der Radiolandschaft verschwindet?" Ich stelle die Frage hier nochmal in den Raum.

eine Buchkritik: www.textem.de
erwähntes taz-interview: www.taz.de

Sunday, July 08, 2007

Elliott Sharp solo, Café Teufelhart, Dachau
(Foto: Tina Karolina Stauner)

Friday, May 25, 2007

16.05.07 - Elliott Sharp solo, Café Teufelhart, Dachau
(Foto: Tina Karolina Stauner)

Elliott Sharp bietet in zwei Sets Material aus "Velocity Of Hue" (2003),
"Quadrature" (2005) und "Sharp?Monk?Sharp!Monk!" (2006). Zu Beginn hat sein Spiel geradezu magische, mesmerisierene Kraft. Nach etlichen Gesprächen in der Pause ein Atmosphärewechsel. Nun die Monkinterpretationen, auf einmal eine eher unzugängliche, uneinheitliche Stimmung.
Von Thelonious Monk stammt der Satz "I don't know what other people are doing - I just know about me."
Elliott Sharps website:www.elliottsharp.com

Thursday, April 19, 2007

Kritische Distanz

Wenn ich für's Rezensieren bezahlt worden wäre, dann wäre ich ins St. Thomas-Konzert, ins Kristin Hersh-Konzert, ins Otis Taylor-Konzert, ins Melvins-Konzert, zum Wolfgang Muthspiel Duo. Ich war etliche Wochen in keinem Konzert mehr. Auch bei der Fassbinder-Hommage bin ich nicht mal wieder in "Liebe ist kälter als der Tod" aus dem Jahr 1969. Und bei der Pasolini-Lesung von Ulrich Matthes war ich auch nicht.
Ich war also eine Weile nicht im Input kultureller Veranstaltungen. Verbrachte oft Zeit am Schreibtisch. Lesend. Schreibend. Kulturszenepause. Gut für die kritische Distanz. Die kritische Distanz kann nicht groß genug sein, wie ich sehr genau besonders durch meine 90er Jahre weiß.
Was es von daheim vom Fenster aus zu sehen gab, war nicht spektakulär. Drüben im Park sprießten die ersten grünen Blätter. Es dauerte nur einige Tage und der ganze Park stand in vollem Grün. Unten auf'm Platz vor'm Haus fuhren kleine Kinder auf winzigen Fahrrädern Runden. Die Kirchenmauer gegenüber diente den Jungs beim Fußballspielen als Tor. Aus'm nahen Supermarkt schleppten Leute volle Einkaufstüten vorbei.
Hier in der Gegend wohnen viele sogenannte einfachen Leute. Das einfache Leben hier also. Ein paar hundert Meter weiter in den Altbauten haben sich aber Schriftsteller, Übersetzer und andere Kulturschaffende eingenistet, habe ich mir kürzlich in einem der neuen Cafés hier sagen lassen. Ich mag gerade über das Viertel hier nichts weiter sagen.
Vielleicht über's Wetter: Nach einigen geradezu schon sommerheißen Tagen war gestern eine graue Wolkenschicht am Himmel. Und es war seltsames grellhelles Zwielicht, das schneidend in den Augen blendete. Merkwürdigerweise war den ganzen Tag über dazu die Straßenbeleuchtung an. Und die Luft war abrupt wieder eisig kalt geworden.
Und heute ein normaler Sonnentag. Ich höre Richard Thompson. Lese Gedichte von Hart Crane und habe den Fokus in meiner eigenen Bilderwelt.