Tuesday, January 13, 2009
Peter Broderick
"Home"
(Bella Union/Cooperative Music/Universal)
Weil Peter Broderick Mitglied der Horse Feather ist, einer viel zu wenig beachtete Band mit wunderschönen Folksongs, höre ich mir seine aktuelle Solo-CD "Home" an. Filigrane, feinsinnige, fragile Songgebilde, die weit in die Welt der Folkmusik hineinziehen. Mit lieblichen Melodien und der Qualität von Betonung verspielter, sanfter Akkorde auf der Akustischen.
Eher problematisch ist die Dimension von orgelartigen Sounds und Chorgesängen, die Broderick teilweise ausschweifend integriert. Mehrstimmig, pathetisch. Manchmal an Simon and Garfunkel erinnerend. Feierlich, fast sakral.
In den besten Teilen ist Brodericks Musik perfekt wie ein schönes S/W-Foto von kleinteiligem Mosaik in architektonischen Verstrebungen von Kathedralenfenstern, genau wie Andreas Gurskys C-Print "Kathedrale I" aus dem Jahr 2007. Kunst also. Aber insgesamt ist die CD einfach geeignet für einen kalten Winternachmittag, den man gemütlich zuhause teetrinkend verbringt, während man zum Zeitvertreib amerikanische Design-Blogs durchklickt, die man dann alle bis auf ein oder zwei wieder vergisst. So wirkt die eigentlich sparsam instrumentierte CD stellenweise überproduziert und wie viel bloß hübsches Design. Und bietet nur wirklich echten, tiefergehenden Wert in ein oder zwei besonderen Songs, die sich einprägen können.
veröffentlicht: www.satt.org
"Home"
(Bella Union/Cooperative Music/Universal)
Weil Peter Broderick Mitglied der Horse Feather ist, einer viel zu wenig beachtete Band mit wunderschönen Folksongs, höre ich mir seine aktuelle Solo-CD "Home" an. Filigrane, feinsinnige, fragile Songgebilde, die weit in die Welt der Folkmusik hineinziehen. Mit lieblichen Melodien und der Qualität von Betonung verspielter, sanfter Akkorde auf der Akustischen.
Eher problematisch ist die Dimension von orgelartigen Sounds und Chorgesängen, die Broderick teilweise ausschweifend integriert. Mehrstimmig, pathetisch. Manchmal an Simon and Garfunkel erinnerend. Feierlich, fast sakral.
In den besten Teilen ist Brodericks Musik perfekt wie ein schönes S/W-Foto von kleinteiligem Mosaik in architektonischen Verstrebungen von Kathedralenfenstern, genau wie Andreas Gurskys C-Print "Kathedrale I" aus dem Jahr 2007. Kunst also. Aber insgesamt ist die CD einfach geeignet für einen kalten Winternachmittag, den man gemütlich zuhause teetrinkend verbringt, während man zum Zeitvertreib amerikanische Design-Blogs durchklickt, die man dann alle bis auf ein oder zwei wieder vergisst. So wirkt die eigentlich sparsam instrumentierte CD stellenweise überproduziert und wie viel bloß hübsches Design. Und bietet nur wirklich echten, tiefergehenden Wert in ein oder zwei besonderen Songs, die sich einprägen können.
veröffentlicht: www.satt.org
Monday, December 15, 2008

Scott Fields
"Drawings"
(Creative Sources Recordings)
Der Chicagoer Gitarrist Scott Fields, in Köln lebend und mit diversen musikalischen Formationen wie z.B. dem James Choice Orchestra im experimentellen Improvisationsbereich arbeitend, hat mit »Drawings« eine Solo-CD veröffentlicht. Er spielte im Loft in Köln Miniaturen mit einer Gibson-E-Gitarre ein. Die 99 Kompositionen, keine länger als eine Minute, wirken wie Improvisationen, in denen Free-Jazz-Einsprengsel aufleben, einsame, schwermütige Bluesriffs angeschlagen werden, für Momente Heavy-Metal-Gitarrenattacken losbrechen, sich atmosphärisch-dröhnende Soundflächen einstellen, Garagenrocksound-Versatzsücke sich Raum verschaffen, Geräusch- und Tonexperimente eingebaut sind. In den kurzen Stücke nimmt sich Fields die Freiheit von Extemen, sich einerseits ruhig in eine sanfte Melodie einzufühlen und andererseits einem fahrig-heftig-harten Gestus von Rhythmus nachgehend. Wobei eine zutiefst lebendige, in sich stimmige Dynamik entsteht.
Auf dem Cover von »Drawings« sind die weißen Linien einer Grafik auf schwarzem Grund abgebildet. Die kurzen Tracks der CD haben auch den Charakter von freier, ungegenständlicher Zeichnung. An abstrakten Expressionismus erinnernd. Und im speziellen geht es um den in Basel lebenden deutschen Künstler Thomas Hornung, der Inspiration für die Kompositionen war. Er verbringt so manchen Abend in seinem kleinen Wohnatelier am Zeichentisch. Minutenzeichnungen herstellend mit Kreiden auf schwarzem DIN-A4-Papier. Dabei Wein trinkend, Musik hörend. Cellostücke von Dvorak etwa. Blätter von Hornung waren Vorlagen für Scott Fields Partitur.
www.scottfields.com
veröffentlicht: skug #77/1-3/2009
www.skug.at
Saturday, December 06, 2008
Monday, December 01, 2008
Brötzmann-Pliakas-Wertmüller, Unterfahrt, München, 07.11. 2008
Strukturalismus und New Jazz
Brötzmann-Pliakas-Wertmüller beginnen zu spielen und es ist erst einmal für einige lange Momente so, als würde die sofort druckvolle Rhythmusarbeit von Schlagzeug und Bass von der genauso kraftvoll einsetzenden Saxofonlinie absolut getrennt sein. Peter Brötzmann ist von der ersten Sekunde an geradezu brachial hochenergetisch und wie nur sich selber wahrnehmend seiner Melodie nachgehend. Schnell beginnt sich das Trio jedoch aufeinander einzustellen und perfekt als Einheit zu wirken. Marino Pliakas am E-Bass schafft Klangflächen aus dichten Strukturen und Pattern, mal Soundbasis im Hintergrund, mal sich intensiv in den Vordergrund drängend. Auch das Schlagzeug von Michael Wertmüller ist oft stereotyp-hämmernde Rhythmusstruktur. Steigert sich aber immer wieder zu überlauten, wilden, regelrecht gewalttätigen Trommeleruptionen. Bis in ein Extrem, das über die Schmerzgrenze geht. »Full Blast« – wie der CD-Titel sagt. Es kommt zu kurzen Songteilen, in denen die ungemeine Kraft der Band auf einmal an die nicht ersetzbaren Last Exit erinnert. Obwohl der Strukturalismus und die agressive Härte von Brötzmann-Pliakas-Wertmüller ganz anders arbeiten. Fast irritierend sind manch eingebaute Wechsel ins Gegenteil geradezu lyrischer, dabei fast in sich gebrochen scheinender Passagen. Brötzmann zeigt dabei ein Gespür für Zerbrechlichkeit. Latent bemerkbar ist immer ein Bewusstsein für die Harmolodics Ornette Colemans. Und ganz explizit fügt Brötzmann ein Melodiefragment aus Colemans »Lonely Woman« vom Ende der 50er Jahre ein, dessen Schönheit und Stärke auf einmal im Raum schwebt. Die beiden Schweizer Pliakas und Wertmüller, wesentlich jünger als Brötzmann, auch im Kontext Jazzcore, Grindcore, Postrock zu verstehen, sind ein geniales, Neues forcierendes Pendant zu den facettenreichen Saxofon- und Klarinetten-Klangkaskaden Brötzmanns, der sich so kontrolliert wie hysterisch, genauso zornig wie sinnlich geben kann, dabei immer rau und ungeschliffen und zutiefst eigensinnig und berstend lebendig. Legende des Free Jazz, aber ständig weiterforschend und aufregend.
veröffentlicht: www.skug.at
Sunday, November 23, 2008
Installation, Derek Jarman Ausstellung 2008, Kunsthalle Wien
Foto: Tina Karolina Stauner, 2008
www.kunsthallewien.de
Tuesday, November 11, 2008
Elliott Sharp/Scott Fields
"Scharfefelder"
(Clean Feed)
"Scharfefelder": Ausschließlich zwei akustische Gitarren: left channel Elliott Sharp, right channel Scott Fields. Und freie Improvisation. Das faszinierende der Aufnahmen: Sie führen in ihrem unruhig Experimentellen zu so konzentriert klarem spirituellen Raum wie man es eigentlich von reiner Folkmusik gewohnt ist, die schon Musikgeschichte ist. Es entsteht ein Gefühl von Essenzialität. Das sich auf das ganze mögliche Spektrum von Free Jazz, Improvisation, Blues und Folk bezieht. Mit dem souverän gespielt wird. Um zu Destilliertem zu gelangen. Zu einer Art Purismus von Traditionellem und Avantgardistischem.
Man könnte zwar von der Fingerfertigkeit der beiden Gitarristen mit analysierenden Worten sprechen. Unvermutete Breaks, sperrige Akkorde, verquere Melodieläufe, nervöse Tonfolgen, extremen Wechsel von Sanftheit und Härte benennen. Doch mit Eloquenz könnte man vor allem der Grundstimmung, die sich beim Hören einstellt, nicht leicht nahekommen. Vielmehr passen dazu innere, lanschaftsartige Bilder, sich synästhesieartig einstellend. Jamais-vu- und Déjà-vu-Fragmente ineinandergeblendet.
"...Improvised duos are like a good conversation. Double guitars are a special case: reflections, counterpoints, figure and ground...", kommentiert Elliott Sharp in den Liner Notes. Scott Fields hingegen fügt hinzu: "...Although this material is flexible, it can be misunderstood..." Eher umgekehrt wirkt das bei den Songtiteln: Sharp benennt mit großem Assoziationsspielraum: "Branedrane" etwa läßt an D-Branen denken, die man sich als dynamische Objekte in einer höherdimensionalen Raumzeit vorstellt. Die unendlich ausgedehnt sein, aber auch ein endliches und sogar verschwindendes Volumen haben können. Das reisst auch gedanklich Raum auf. Wie auch einer der weiterern Sharp-Titel: "Freefall". Fields Songnames hingegen klingen einfach verspielt und greifbar: "Between Octopus And Squid", "Fresh Red Flea" oder "Big, Brutal, Cold Raindropes".
Die beiden Akteure sind sonst auch in diversen Band-Projekten zu finden: Sharp, der Multi-Instrumentalist, der als Komponist auch für Ensembles arbeitet, in Downtown New York City. Und Fields, der Chicagoer, in Köln lebend in diverse musikalische Gruppierungen involviert.
www.elliottsharp.com
www.scottfields.com
veröffentlicht: www.textem.de
"Scharfefelder"
(Clean Feed)
"Scharfefelder": Ausschließlich zwei akustische Gitarren: left channel Elliott Sharp, right channel Scott Fields. Und freie Improvisation. Das faszinierende der Aufnahmen: Sie führen in ihrem unruhig Experimentellen zu so konzentriert klarem spirituellen Raum wie man es eigentlich von reiner Folkmusik gewohnt ist, die schon Musikgeschichte ist. Es entsteht ein Gefühl von Essenzialität. Das sich auf das ganze mögliche Spektrum von Free Jazz, Improvisation, Blues und Folk bezieht. Mit dem souverän gespielt wird. Um zu Destilliertem zu gelangen. Zu einer Art Purismus von Traditionellem und Avantgardistischem.
Man könnte zwar von der Fingerfertigkeit der beiden Gitarristen mit analysierenden Worten sprechen. Unvermutete Breaks, sperrige Akkorde, verquere Melodieläufe, nervöse Tonfolgen, extremen Wechsel von Sanftheit und Härte benennen. Doch mit Eloquenz könnte man vor allem der Grundstimmung, die sich beim Hören einstellt, nicht leicht nahekommen. Vielmehr passen dazu innere, lanschaftsartige Bilder, sich synästhesieartig einstellend. Jamais-vu- und Déjà-vu-Fragmente ineinandergeblendet.
"...Improvised duos are like a good conversation. Double guitars are a special case: reflections, counterpoints, figure and ground...", kommentiert Elliott Sharp in den Liner Notes. Scott Fields hingegen fügt hinzu: "...Although this material is flexible, it can be misunderstood..." Eher umgekehrt wirkt das bei den Songtiteln: Sharp benennt mit großem Assoziationsspielraum: "Branedrane" etwa läßt an D-Branen denken, die man sich als dynamische Objekte in einer höherdimensionalen Raumzeit vorstellt. Die unendlich ausgedehnt sein, aber auch ein endliches und sogar verschwindendes Volumen haben können. Das reisst auch gedanklich Raum auf. Wie auch einer der weiterern Sharp-Titel: "Freefall". Fields Songnames hingegen klingen einfach verspielt und greifbar: "Between Octopus And Squid", "Fresh Red Flea" oder "Big, Brutal, Cold Raindropes".
Die beiden Akteure sind sonst auch in diversen Band-Projekten zu finden: Sharp, der Multi-Instrumentalist, der als Komponist auch für Ensembles arbeitet, in Downtown New York City. Und Fields, der Chicagoer, in Köln lebend in diverse musikalische Gruppierungen involviert.
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Saturday, October 11, 2008
Thursday, October 09, 2008
Wednesday, October 08, 2008
Rogall & The Electric Circus Sideshow
Was für eine vielfach schillernde Angelegenheit Songwriting sein kann, läßt einen Rogall mit seiner Electric Circus Sideshow erleben: Verschrobene Verspieltheit, die Stärke prägnanter Aussagen, Begeisterung am Geschichtenerzählen und Freude am Songschreiben, die in jedem Detail spürbar ist. Zwar ahnt man zuweilen hier Tom Waitssches nicht weit entfernt und dort Captain Beefheartesques und auch Gallianos Coolness als Vorbild, aber mit langweiligem Epigonentum hat Rogalls Sideshow dann doch nichts zu tun. Zu eigenwillig sind die Charaktere, die sich zusammengetan haben um ihren ureigenen Songkosmos zu schaffen. In dessen Sounds von Folk bis Dub und clubbigen Grooves beseelte Saxophontöne und Oudklänge zuweilen eine besondere Kraft ausstrahlen. Die Musiker lassen sich als Freaks der anderen Art bezeichnen. Das Wesen des ganzen Projekts ist wie das eines Zwitters. In "After Last Night" verkünden sie: "I dreamt I was an angel / but that was just some lies / I know I'm a demon / who dreams through angel's eyes". Das Hübsche in dem eine unheimliche Kraft wirkt...Spieglein, Spieglein an der Wand, was ist los im Märchenland? Das erzählt die Liebeserklärung "Crime Baby": "...there's points to prove but this ain't one / put it down brother I got songs for guns / I think fast but the traffics slow / she's my crime baby and I love her so..." oder einem Psychogramm ähnlich: "Rising Star": "...you're a dangerous sign / you cut yourself loose / when you catch fire / you're a virgin scar / you're an open wound / you're a rising star..." Und beschwörungsformelartig ein Satz wie "...only you can save you from yourself..." in "After Last Night".
Die Gruppe hat sich im Laufe der Zeit um den Berliner Produzenten Rogall, genannt "Electric Mysterious Wonder", Mitbegründer vom Sonarkollektiv, von Nylon und auch Dj, zusammengefunden zu einem internationalen Projekt. Über die Jahre ist bemerkenswertes Songmaterial in Sessions gewachsen. Unter dem knappen Dutzend Akteuren sind Hugo Race, Steve Moss und Henry Rollins die bekannteren Namen und Spuren führen zu den Bands Universal Congress Of, Rockers HIfi, Medieval Babes, Black Flag, Nick Cave & The Bad Seeds und Galliano.
Im Booklet sind neben den Lyrics künstlerische Porträts der Protagonisten abgebildet, die als expressionistische Holzschnitte angefertigt wurden. Bereichert wird dann alles noch durch eine Kurzgeschichte.
veröffentlicht: www.satt.org
Was für eine vielfach schillernde Angelegenheit Songwriting sein kann, läßt einen Rogall mit seiner Electric Circus Sideshow erleben: Verschrobene Verspieltheit, die Stärke prägnanter Aussagen, Begeisterung am Geschichtenerzählen und Freude am Songschreiben, die in jedem Detail spürbar ist. Zwar ahnt man zuweilen hier Tom Waitssches nicht weit entfernt und dort Captain Beefheartesques und auch Gallianos Coolness als Vorbild, aber mit langweiligem Epigonentum hat Rogalls Sideshow dann doch nichts zu tun. Zu eigenwillig sind die Charaktere, die sich zusammengetan haben um ihren ureigenen Songkosmos zu schaffen. In dessen Sounds von Folk bis Dub und clubbigen Grooves beseelte Saxophontöne und Oudklänge zuweilen eine besondere Kraft ausstrahlen. Die Musiker lassen sich als Freaks der anderen Art bezeichnen. Das Wesen des ganzen Projekts ist wie das eines Zwitters. In "After Last Night" verkünden sie: "I dreamt I was an angel / but that was just some lies / I know I'm a demon / who dreams through angel's eyes". Das Hübsche in dem eine unheimliche Kraft wirkt...Spieglein, Spieglein an der Wand, was ist los im Märchenland? Das erzählt die Liebeserklärung "Crime Baby": "...there's points to prove but this ain't one / put it down brother I got songs for guns / I think fast but the traffics slow / she's my crime baby and I love her so..." oder einem Psychogramm ähnlich: "Rising Star": "...you're a dangerous sign / you cut yourself loose / when you catch fire / you're a virgin scar / you're an open wound / you're a rising star..." Und beschwörungsformelartig ein Satz wie "...only you can save you from yourself..." in "After Last Night".
Die Gruppe hat sich im Laufe der Zeit um den Berliner Produzenten Rogall, genannt "Electric Mysterious Wonder", Mitbegründer vom Sonarkollektiv, von Nylon und auch Dj, zusammengefunden zu einem internationalen Projekt. Über die Jahre ist bemerkenswertes Songmaterial in Sessions gewachsen. Unter dem knappen Dutzend Akteuren sind Hugo Race, Steve Moss und Henry Rollins die bekannteren Namen und Spuren führen zu den Bands Universal Congress Of, Rockers HIfi, Medieval Babes, Black Flag, Nick Cave & The Bad Seeds und Galliano.
Im Booklet sind neben den Lyrics künstlerische Porträts der Protagonisten abgebildet, die als expressionistische Holzschnitte angefertigt wurden. Bereichert wird dann alles noch durch eine Kurzgeschichte.
veröffentlicht: www.satt.org
Tuesday, October 07, 2008
The New Year
"The New Year"
The Ugly Suit
"The Ugly Suit"
Diese Art von neuer Leichtigkeit, die im Songwriting grassiert, will ich nicht. Und man braucht sie so auch nicht. Zwei CDs, die ich kürzlich zugeschickt bekam, geben mir Gelegenheit dies zu verdeutlichen. Hätten The New Year aus ihrem gleichnamigen Album nur "Seven Days And Seven Nights" als Single veröffentlicht und das gesamte andere Songmaterial nochmal durchdacht, überarbeitet, gekonnt weiterentwickelt, dann hätten sie vielleicht eine Chance aus der Beliebigkeit herauszukommen, in der sie untergehen. Hätten sie. Auch bei The Ugly Suit wäre ich gewillt gewesen, wenigstens einen außergewöhnlich guten Song ihres Debut-Albums zu nennen. Und hätte ich. Jedoch fand ich keinen, den ich für besonders erwähnenswert hielt und nichts, was mich wirklich entscheidend interessieren konnte.
Meine Hörgewohnheiten haben exzellente Bands wie The Triffids mit geprägt. Es ist eine Messlatte gesetzt. Und die sollte auch hoch bleiben.
"The New Year"
The Ugly Suit
"The Ugly Suit"
Diese Art von neuer Leichtigkeit, die im Songwriting grassiert, will ich nicht. Und man braucht sie so auch nicht. Zwei CDs, die ich kürzlich zugeschickt bekam, geben mir Gelegenheit dies zu verdeutlichen. Hätten The New Year aus ihrem gleichnamigen Album nur "Seven Days And Seven Nights" als Single veröffentlicht und das gesamte andere Songmaterial nochmal durchdacht, überarbeitet, gekonnt weiterentwickelt, dann hätten sie vielleicht eine Chance aus der Beliebigkeit herauszukommen, in der sie untergehen. Hätten sie. Auch bei The Ugly Suit wäre ich gewillt gewesen, wenigstens einen außergewöhnlich guten Song ihres Debut-Albums zu nennen. Und hätte ich. Jedoch fand ich keinen, den ich für besonders erwähnenswert hielt und nichts, was mich wirklich entscheidend interessieren konnte.
Meine Hörgewohnheiten haben exzellente Bands wie The Triffids mit geprägt. Es ist eine Messlatte gesetzt. Und die sollte auch hoch bleiben.
Thursday, October 02, 2008
Pop nach "The Evangelist" - Robert Forster & Band
In Konkret 04/08 schrieb A. Kasbohm über "The Evangelist": "...Und "From Ghost Town", der letzte Song der Platte, ist vielleicht eines der besten Stücke, die Forster je geschrieben hat. Der Versuch, einen Menschen zu verstehen, dessen Ausweg aus dieser Welt der Selbstmord war. Glasklar, immer mit der gebotenen literarischen Distanz. Auch das Bemühen um Objektivität läßt den Schmerz nicht verschwinden..." - Vor zwei Jahren schrieb ich: "Wenn überhaupt Pop- und Rockmusik dann uneingeschränkt Pere Ubu..." Ich füge nach dem Konzert vom 01.10.08 in München im Ampère mal einen Namen hinzu: Hübscher Pop über die Härten des Lebens, Mr. Robert Forster.
Wednesday, October 01, 2008
Elliott Sharp's Terraplane, Porgy & Bess, Wien, 29.09.08
Elliott Sharp (Foto: Tina Karolina Stauner, 2008)
www.elliottsharp.com
www.elliottsharp.com
Tuesday, September 16, 2008
Elliott Sharp
"Concert In Dachau"
(Intakt)
Im Mai 2007 tauchte der New Yorker Downtown-Avantgardist Elliott Sharp im ausgwählten Programm des feinen Jazzclubs im Café Teufelhart in Dachau auf. Sonst auch mit diversen Bandprojekten und als Kompomist für Ensembles arbeitend bot Sharp dort einen Live-Remix aus Themen seiner Programme außschließlich für elektroakustische Gitarre. Mittlerweile ist der Konzertmitschnitt "Concert In Dachau" veröffentlicht. Und findet sich gerade auf der Bestenliste des Preises der deutschen Schallplattenkritik 3/2008. Unter dem Stichwort "Grenzgänge".
Sharps freie Bearbeitung von Material der Solo-CDs "Velocity Of Hue" (2003) und "Quadrature" (2005) war bei dem Konzert ein Spiel von geradezu magischer, mesmerisierender Kraft. In den Set eingetaucht wirkte Sharp wie introspektiv versunken in sein Songmaterial. Das hatte phasenweise Meditatives, lotete tranceartige Tiefen aus und ging aber mit dem gleichzeitig experimentellen Element offensiv nach aussen. Offener imaginärer Raum entstehend aus hypnotischen Klangebenen aus Minimalismen, Wiederholungen, Glissandi, Arpeggien, Overtone-Drones, unruhig freien Improvisationen, sphärischen Melodien. Auch mit manch Passagen schwer zugänglicher, uneinheitlicher Stimmung. Wiederkehrend rein folkige, bluesige und jazzige Anklänge standen im Kontrast zu laptop-assistiert leicht Verfremdetem und unter fernöstlichem Einfluss stehendem. Die ursprünglichen Songtitel wurden ersetzt durch Nummerierung von 1 bis 4. Das Original war nur Ausgangspunkt für Neues mit extremem Assoziationsspielraum. Der die Holocaust-Vergangenheit Dachaus inkludiert, wie Sharp, Sohn jüdischer Eltern, in den Liner Notes zeigt. Der interpretierbar ist, wie der merkwürdige, goldtonige Raum des Coverphotos mit einem Licht, das ein böses Gleißen wie ein verheißendes Aufleuchten sein kann. Als Abschlussstimmung entschieden ein kantig geslideter, manirierter Country-Blues. Sharps Blues wird von manchen futuristic Blues genannt und passt zu seiner Erforschung der Grenzen von Improvisation und Komposition und freidenkerischen Wegen.
www.elliottsharp.com
veröffentlicht: www.satt.org
"Concert In Dachau"
(Intakt)
Im Mai 2007 tauchte der New Yorker Downtown-Avantgardist Elliott Sharp im ausgwählten Programm des feinen Jazzclubs im Café Teufelhart in Dachau auf. Sonst auch mit diversen Bandprojekten und als Kompomist für Ensembles arbeitend bot Sharp dort einen Live-Remix aus Themen seiner Programme außschließlich für elektroakustische Gitarre. Mittlerweile ist der Konzertmitschnitt "Concert In Dachau" veröffentlicht. Und findet sich gerade auf der Bestenliste des Preises der deutschen Schallplattenkritik 3/2008. Unter dem Stichwort "Grenzgänge".
Sharps freie Bearbeitung von Material der Solo-CDs "Velocity Of Hue" (2003) und "Quadrature" (2005) war bei dem Konzert ein Spiel von geradezu magischer, mesmerisierender Kraft. In den Set eingetaucht wirkte Sharp wie introspektiv versunken in sein Songmaterial. Das hatte phasenweise Meditatives, lotete tranceartige Tiefen aus und ging aber mit dem gleichzeitig experimentellen Element offensiv nach aussen. Offener imaginärer Raum entstehend aus hypnotischen Klangebenen aus Minimalismen, Wiederholungen, Glissandi, Arpeggien, Overtone-Drones, unruhig freien Improvisationen, sphärischen Melodien. Auch mit manch Passagen schwer zugänglicher, uneinheitlicher Stimmung. Wiederkehrend rein folkige, bluesige und jazzige Anklänge standen im Kontrast zu laptop-assistiert leicht Verfremdetem und unter fernöstlichem Einfluss stehendem. Die ursprünglichen Songtitel wurden ersetzt durch Nummerierung von 1 bis 4. Das Original war nur Ausgangspunkt für Neues mit extremem Assoziationsspielraum. Der die Holocaust-Vergangenheit Dachaus inkludiert, wie Sharp, Sohn jüdischer Eltern, in den Liner Notes zeigt. Der interpretierbar ist, wie der merkwürdige, goldtonige Raum des Coverphotos mit einem Licht, das ein böses Gleißen wie ein verheißendes Aufleuchten sein kann. Als Abschlussstimmung entschieden ein kantig geslideter, manirierter Country-Blues. Sharps Blues wird von manchen futuristic Blues genannt und passt zu seiner Erforschung der Grenzen von Improvisation und Komposition und freidenkerischen Wegen.
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Sunday, September 14, 2008
Tuxedomoon, Ampère, München, 17.07.08
"Many are cold but few are frozen"
Tuxedomoon, ehemals eine Klasse für sich im New Wave, sind mit Neuveröffentlichungen und Tour nach längerer Pause der 90er Jahre jetzt wieder aktiv und waren kürzlich im Ampère in München. Die Band, 1977 in San Franzisco gegründet, wurde in den 80ern zu einer europäischen Band, Blaine L. Reininger Kultfigur. Der Avantgarde und dem Jazz verbunden waren sie nie einfach nur Pop. Von Avantgarde kann man nicht mehr so leicht reden. Bei Tuxedomoon jetzt umsomehr aber von der Nähe zu Fusion-Jazz. Dem ich immer mehr als skeptisch gegenüberstehe.
Die Band wirkte oberflächlich betrachtet selbstgefällig und reserviert. In den besten Momenten überzeugte sie stark im Repetetiven und durchaus in gewisser Weise mit der Minimal Musik korrespondierend. Wobei besonders spürbar war, dass ohne Schlagzeug gespielt wurde und Peter Principle am Bass aber um so mehr vermitteln konnte, dass er über die Kraft verfügt die Rhythmusarbeit alleine zu tragen. Die Zwei-Mann-Bläsersection Steven Brown und Luc van Lieshout bemerkenswert bis ins Detail aufeinander eingespielt. Wie auch der Wechsel gelegentlich zum Keyboard. Und Blaine L. Reiniger: Er konnte sich früher schön narzistisch und exzentrisch in Coolness zeigen. Doch selbet als sein Gesang gegen Ende des Konzerts schreiend wurde, erschien das nur irritierend schaurig kalt und leer. Auf seiner aktuellen Myspace-Page "Blaine" der Satz: "Many are cold but few are frozen." Dazu passte der Klangraum seiner schönen Violinmelodien. Es herrschte Perfektion. Es dominierte saubere Gitarrenarbeit. Und besonders eben die Verwendung exakter Bläsersätze. Dabei entfaltete sich ein Gefühl von Leere. Als ein Raum, der zwar für etwas Fehlendes steht aber auch als eine beabsichtigt eingesetzte Aussage interpretiert werden kann. Und auch als ein Teil der künstlerischen Weiterentwicklung. Als wäre da bewußt eine leere Mitte. Als Imaginationsraum. Die Band arbeitet deshalb wohl oft mit Diaprojektion. Diesmal nicht.
Absolut im Heute legen Tuxedomoon betont Wert auf das neue Songmaterial und lehnen sich nicht auf ihre Songklassiker zurück.
www.tuxedomoon.co
www.tuxedomoon.com
veröffentlicht: www.skug.at
"Many are cold but few are frozen"
Tuxedomoon, ehemals eine Klasse für sich im New Wave, sind mit Neuveröffentlichungen und Tour nach längerer Pause der 90er Jahre jetzt wieder aktiv und waren kürzlich im Ampère in München. Die Band, 1977 in San Franzisco gegründet, wurde in den 80ern zu einer europäischen Band, Blaine L. Reininger Kultfigur. Der Avantgarde und dem Jazz verbunden waren sie nie einfach nur Pop. Von Avantgarde kann man nicht mehr so leicht reden. Bei Tuxedomoon jetzt umsomehr aber von der Nähe zu Fusion-Jazz. Dem ich immer mehr als skeptisch gegenüberstehe.
Die Band wirkte oberflächlich betrachtet selbstgefällig und reserviert. In den besten Momenten überzeugte sie stark im Repetetiven und durchaus in gewisser Weise mit der Minimal Musik korrespondierend. Wobei besonders spürbar war, dass ohne Schlagzeug gespielt wurde und Peter Principle am Bass aber um so mehr vermitteln konnte, dass er über die Kraft verfügt die Rhythmusarbeit alleine zu tragen. Die Zwei-Mann-Bläsersection Steven Brown und Luc van Lieshout bemerkenswert bis ins Detail aufeinander eingespielt. Wie auch der Wechsel gelegentlich zum Keyboard. Und Blaine L. Reiniger: Er konnte sich früher schön narzistisch und exzentrisch in Coolness zeigen. Doch selbet als sein Gesang gegen Ende des Konzerts schreiend wurde, erschien das nur irritierend schaurig kalt und leer. Auf seiner aktuellen Myspace-Page "Blaine" der Satz: "Many are cold but few are frozen." Dazu passte der Klangraum seiner schönen Violinmelodien. Es herrschte Perfektion. Es dominierte saubere Gitarrenarbeit. Und besonders eben die Verwendung exakter Bläsersätze. Dabei entfaltete sich ein Gefühl von Leere. Als ein Raum, der zwar für etwas Fehlendes steht aber auch als eine beabsichtigt eingesetzte Aussage interpretiert werden kann. Und auch als ein Teil der künstlerischen Weiterentwicklung. Als wäre da bewußt eine leere Mitte. Als Imaginationsraum. Die Band arbeitet deshalb wohl oft mit Diaprojektion. Diesmal nicht.
Absolut im Heute legen Tuxedomoon betont Wert auf das neue Songmaterial und lehnen sich nicht auf ihre Songklassiker zurück.
www.tuxedomoon.co
www.tuxedomoon.com
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Thursday, September 11, 2008
Wednesday, September 10, 2008
Neue CDs von Nonesuch - Geschichtsbefrachtetes:
"...Somewhere in the distance
Northern lights will shine..."
(aus "Beyond The Great Devide",
Emmylou Harris)
BILL FRISELL, »HISTORY, MYSTERY«: Dieses Doppelalbum ist wie eine Einladung zu einem Tanz, dessen Ausgangspunkt ein Nadir inmitten von Melancholie ist und in der Geschichte traditioneller amerikanischer Musik wurzelt. Die sich entwickelnde Stimmung changiert zwischen bodenlos Schwermütigem und lächelnd fliegender Leichtigkeit. Einfach gesagt: die perfekte Dichotomie traurig - froh. Kaum besinnt man sich auf schweres Bluesfeeling wird dann doch wieder alles in Bewegung voll Lebensfreude abgefangen. Am Abgrund entlang balancierend. Dem man aber trotz der Interpretation von Sam Cookes »A Change Is Gona Come« mit CD 1 zu nahe käme. Auf CD 2 gelingt es eine größere Dimension Optimismus lebendig werden zu lassen durch verstärkte Hinzunahme von Sphären aus Free Jazz und zeitgenössicher Kammermusik. Bei den insgesamt 30 Miniaturen, live und im Studio in namhafter Oktett-Besetzung eingespielt, ergreift der Gitarrist Frisell die Möglichkeit sich von seiner stärkeren Seite zu zeigen.
T-BONE BURNETT, »TOOTH OF CRIME« : Kurz Geschichte: 1975 Bob Dylans »Rolling Thunder Revue«, dann Alpha Band, Soloalben. Danach etwa 15 Jahre Rückzug. Produzententätigkeit und Filmmusik. Nun, nach dem exzellenten »The True False Identity« (2006), das neue, aus Musik für Sam Shepards Bühnenstück »Tooth Of Crime« (1972/96) hervorgegangene, geichnamige Album. Burnett, mit einer Art Psycho-Blues, der Tradition schrägen Rock'n'Rolls nahe, etwas countryesk, ist und bleibt einer der erstklassigen Songwriter und Produzenten. Mit dem schon 1988 zusammen mit Roy Orbison und Bob Neuwirth geschriebenen »Kill Zone« scheint er dann sogar perfekt Macht über einen geradezu übersinnlich funkelnden Kosmos auszuspielen. In einer sonst eine harte, düstere Welt widerspiegelnden CD-Atmosphäre. Hochkarätig immer die Lyrics von speziellen Beziehungsdingen bis zu politischen Überlegungen.
EMMYLOU HARRIS, »ALL I INTENDED TO BE«: Der erste Eindruck des etwas zu Süßlichen und Pathetischen nicht gleich gewinnend, wobei es nicht das betont traditionelle Element der Songs ist, das stört. Denn deshalb hört man dann doch weiter, so dass man die Qualität der CD entdecken kann. Und das darf auch sein. Denn Harris ist nicht irgendwer: Sie begann mit keinem Geringeren als Gram Parsons. Ihre Duette sind Musikgeschichte: Harris mit Bob Dylan, Johnny Cash, Willie Nelson, um nur einige zu nenen. Sie hat also Größe zu zeigen. Und das gelingt ihr schließlich gerade noch. Zusammen mit Musikern mit Rang und Namen in der Countryszene. Insbesondere bei den beiden Liedern mit Mike Auldridges Backing Vocals und John Starling im Duett : »Beyond The Great Devide« und »Old Five And Dimers Like Me« : »...too far and too high and too deep ain't too much to be / too much ain't enough for old five and dimers like me...« So manche Country-Überzeugung und -Handlungsgewohnheit in Songs fast zu schön um wahr zu sein.
STEVE REICH, »DANIEL VARIATIONS«: Die Autobahn Minimal Musik. Die bei Reichs Kompositionen auf die hohe Ebene führt und in spirituelles Gebiet. Reich ist nie seichter Esoteriker. Der erste Teil, die »Daniel Variations«, mit dem Los Angeles Master Chorale, haben vier Themen und gehen vom Biblischen ins Profane. Die angestrengt wirkenden Chorstimmen ständig wie auf einen angesetzt um zu beunruhigen. Der zweite Teil, »Variations For Vibes, Pianos & Strings« mit der London Sinfonietta, fängt einen in einem bewegungsarmen Mittelteil geradezu mit Entdecken von Langsamkeit ein. Vorübergehend. Denn Reich wirkt sonst hauptsächlich stark vorwärtsstrebend und vorwärtstreibend. Wie meist. Aber beim Zuhören kann gleichzeitig ein Gefühl tranceartigen Stillstands und Ruhe entstehen. Einfallen kann einem Paul Virilios »rasender Stillstand«... Steve Reichs Stücke als eine Form des Reflektierens von Erscheinungsformen und Wirkungsweisen sozialer Beschleunigung auf individueller wie kollektiver Ebene.
www.billfrisell.com
www.tboneburnette.com
www.emmylouharris.com
www.stevereich.com
veröffentlicht: www.skug.at
(skug 76, print, 10-12/08)
"...Somewhere in the distance
Northern lights will shine..."
(aus "Beyond The Great Devide",
Emmylou Harris)
BILL FRISELL, »HISTORY, MYSTERY«: Dieses Doppelalbum ist wie eine Einladung zu einem Tanz, dessen Ausgangspunkt ein Nadir inmitten von Melancholie ist und in der Geschichte traditioneller amerikanischer Musik wurzelt. Die sich entwickelnde Stimmung changiert zwischen bodenlos Schwermütigem und lächelnd fliegender Leichtigkeit. Einfach gesagt: die perfekte Dichotomie traurig - froh. Kaum besinnt man sich auf schweres Bluesfeeling wird dann doch wieder alles in Bewegung voll Lebensfreude abgefangen. Am Abgrund entlang balancierend. Dem man aber trotz der Interpretation von Sam Cookes »A Change Is Gona Come« mit CD 1 zu nahe käme. Auf CD 2 gelingt es eine größere Dimension Optimismus lebendig werden zu lassen durch verstärkte Hinzunahme von Sphären aus Free Jazz und zeitgenössicher Kammermusik. Bei den insgesamt 30 Miniaturen, live und im Studio in namhafter Oktett-Besetzung eingespielt, ergreift der Gitarrist Frisell die Möglichkeit sich von seiner stärkeren Seite zu zeigen.
T-BONE BURNETT, »TOOTH OF CRIME« : Kurz Geschichte: 1975 Bob Dylans »Rolling Thunder Revue«, dann Alpha Band, Soloalben. Danach etwa 15 Jahre Rückzug. Produzententätigkeit und Filmmusik. Nun, nach dem exzellenten »The True False Identity« (2006), das neue, aus Musik für Sam Shepards Bühnenstück »Tooth Of Crime« (1972/96) hervorgegangene, geichnamige Album. Burnett, mit einer Art Psycho-Blues, der Tradition schrägen Rock'n'Rolls nahe, etwas countryesk, ist und bleibt einer der erstklassigen Songwriter und Produzenten. Mit dem schon 1988 zusammen mit Roy Orbison und Bob Neuwirth geschriebenen »Kill Zone« scheint er dann sogar perfekt Macht über einen geradezu übersinnlich funkelnden Kosmos auszuspielen. In einer sonst eine harte, düstere Welt widerspiegelnden CD-Atmosphäre. Hochkarätig immer die Lyrics von speziellen Beziehungsdingen bis zu politischen Überlegungen.
EMMYLOU HARRIS, »ALL I INTENDED TO BE«: Der erste Eindruck des etwas zu Süßlichen und Pathetischen nicht gleich gewinnend, wobei es nicht das betont traditionelle Element der Songs ist, das stört. Denn deshalb hört man dann doch weiter, so dass man die Qualität der CD entdecken kann. Und das darf auch sein. Denn Harris ist nicht irgendwer: Sie begann mit keinem Geringeren als Gram Parsons. Ihre Duette sind Musikgeschichte: Harris mit Bob Dylan, Johnny Cash, Willie Nelson, um nur einige zu nenen. Sie hat also Größe zu zeigen. Und das gelingt ihr schließlich gerade noch. Zusammen mit Musikern mit Rang und Namen in der Countryszene. Insbesondere bei den beiden Liedern mit Mike Auldridges Backing Vocals und John Starling im Duett : »Beyond The Great Devide« und »Old Five And Dimers Like Me« : »...too far and too high and too deep ain't too much to be / too much ain't enough for old five and dimers like me...« So manche Country-Überzeugung und -Handlungsgewohnheit in Songs fast zu schön um wahr zu sein.
STEVE REICH, »DANIEL VARIATIONS«: Die Autobahn Minimal Musik. Die bei Reichs Kompositionen auf die hohe Ebene führt und in spirituelles Gebiet. Reich ist nie seichter Esoteriker. Der erste Teil, die »Daniel Variations«, mit dem Los Angeles Master Chorale, haben vier Themen und gehen vom Biblischen ins Profane. Die angestrengt wirkenden Chorstimmen ständig wie auf einen angesetzt um zu beunruhigen. Der zweite Teil, »Variations For Vibes, Pianos & Strings« mit der London Sinfonietta, fängt einen in einem bewegungsarmen Mittelteil geradezu mit Entdecken von Langsamkeit ein. Vorübergehend. Denn Reich wirkt sonst hauptsächlich stark vorwärtsstrebend und vorwärtstreibend. Wie meist. Aber beim Zuhören kann gleichzeitig ein Gefühl tranceartigen Stillstands und Ruhe entstehen. Einfallen kann einem Paul Virilios »rasender Stillstand«... Steve Reichs Stücke als eine Form des Reflektierens von Erscheinungsformen und Wirkungsweisen sozialer Beschleunigung auf individueller wie kollektiver Ebene.
www.billfrisell.com
www.tboneburnette.com
www.emmylouharris.com
www.stevereich.com
veröffentlicht: www.skug.at
(skug 76, print, 10-12/08)