Sunday, May 15, 2011

Ellsworth Kelly
www.matthewmarks.com

Nennenswertes Ausstellungsgeschehen in Münchener Galerien und Kunsthallen:

In der Galerie Pfefferle zu sehen Ist Bernd Zimmer
Info Galerie Pfefferle
In der Galerie Daniel Blau ist derzeit Lucian Freud
Info Galerie Blau

Demnächst in der Hypokunsthalle Klassiker der Porträtkunst: "Dürer-Chranach-Holbein Die Entdeckung des Menschen: Das deutsche Porträt um 1500" Wird vielleicht nicht an "Adolph Menzel radikal real" und "Frans Hals und Haarlems Meister der Goldenen Zeit" erst kürzlich im Programm der Hypo Kunsthalle herankommen. Wird sich zeigen.

Im Haus der Kunst bald Ellsworth Kelly "Black & White"
Wichtige Ausstellung in München vergangenes Jahr: Der Schwarzweiß-Realismus von Michael Schmidt: Michael Schmidt "Grau als Farbe" im Haus der Kunst. Michael Schmidt: Bücher, Werke, Ausstellungen

Im Kunstbau des Lenbachhaus Mondrian und De Stijl
Rückblick Lenbachhaus: Maria Lassnig und Dan Flavin

Sunday, May 08, 2011

Fotos: Tina Karolina Stauner, 2011

Architekturdetails Art Nouveau, Schwabing, München

Bekanntes Münchner Gebäude dieser Epoche ist die Villa Stuck.
www.villastuck.de

Saturday, May 07, 2011

Neil LaBute, Foto: New York Times

"Das Mass der Dinge"/"The Shape of Things" von Neil LaBute
Münchner Volkstheater, 06.05.11


Show vs. Statement

Anglistikstudent, gleichzeitig Museumsaufseher, und Kunststudentin, fotografisch an einem Projekt arbeitend, lernen sich in einem Museum kennen. Die Kunststudentin lehnt sich gegen Zensur auf und initiiert eine Metamorphose bei ihrem neuen Freund, dem Anglistikstudenten. In der Kommunikation sind als Beobachter zwei Freunde dabei.

"The Shape of Things"/"Das Mass der Dinge" wurde von Neil LaBute geschrieben. LaBute, 1963 in Detroit geboren, studierte Theater- und Filmwissenschaften in Provo, Utah und New York und lebt heute in Forth Wayne, Indiana. "The Shape of Things" wurde auch verfilmt. Wird von The Independent als abgründige Satiere bezeichnet. Des erfolgreichen Autors "...beunruhigende Darstellung menschlicher Beziehungen und Abgründe in seinem Werk, führte auch zu Missbilligung seitens der kirchlichen Oberhäupter...", so die Programminfo. LaBute: "Warum ich schreibe? Weil ich muss...Es bereitet mir Genuss...Ich halte nicht viel von Autorität. Ich höre nicht gerne 'Nein'. Ich bin ein eigensinniger, hart arbeitender Typ. Für den das, was er tut, Arbeit ist. Nicht Kunst, sondern Arbeit....".

Im Volkstheater München ist das Stück von Florian Helmbold inszeniert, Alu Walter ist für Bühne und Kostüme verantwortlich und das Sounddesign stammt von Heiko Schnurpel.

Herausfilterbar ist für den Rezipienten ein Ausloten von Gegensätzen: Beispielsweise "...Künstler werden um jeden Preis..." (LaBute) vs. "...es muss doch irgendwo eine Grenze geben..." (LaBute). "Fleisch vs. Wille". "Show vs. Statement". "Langeweile vs. Relevanz".

Die Bühne: Ein Raum in Flitter, lila-pink Kitsch. Der Kontext: Pop-Mainstream und nur ansatzweise Kunst. Das Stück könnte Realismus sein, aber nur Realismusfragmente finden sich irgendwo mitten in schillerndem, schrillen Popdesign. Zwischenmenschliche Beziehung ist oft wie eine Showeinlage. Ernster Diskurs scheint irgendwo mitten im Geplapper. Wirkt teilweise langweilig und oberflächlich. "Warum muss man in einem Stück einfach immer über alles reden?" (LaBute)

Erst durch einen Abschlussmonolog zeigt sich ein Spannungsbogen und wird philosophienahe Tiefe eingeblendet.

Bühne, Kostüme und Sounddesign schwächen Helmbolds Regie eher, der eigentlich selber auch Bühnenbildner und Musiker ist. Heiko Schnurpel ist oft fraglich 70er-discolike. Alu Walter zeigt in der Ausstattung wohl nicht seine beste Seite. Das spannungsreich Sprachorientierte von LaBute kann sich streckenweise nicht wirklich durchsetzen.

"Das Stück ist natürlich auch eine Abrechnung mit einem Kunstbegriff und einem Kunstmarkt, die Ehrlichkeit, Moralität, Menschliches belächeln." (Herbert Fuchs)

"I love theater because there’s a clear distinction between process and product. You know you’re going to show it to people, but the process is clearly defined."
(Neil LaBute by Jon Robin Baitz, Bomb 83/Spring 2003)

www.muenchner-volkstheater.de

veröffentlicht: http://www.textem.de

Tuesday, May 03, 2011


Jüdisches Museum München, 2011
Foto: Tina Karolina Stauner

Architekten sind Wandel Hoefer Lorch aus Saarbrücken. Sie schufen eine Bühne städtischen Lebens, so die website des jüdischen Museums.
www.juedisches-museum-muenchen.de

Typisch jüdische Musik ist Klezmer.
Informationen:
www.klezmershack.com
Typisch für Avantgarde und Klezmer ist beispielsweise Tzadik:
www.tzadik.com

Saturday, April 23, 2011


Architektur Marstallplatz München
Foto: Tina Karolina Stauner, 2011

"Landschaftsarchitektur - Freiräume leben":
www.strauma.com

Monday, April 04, 2011

jazz lines 2011, München, 27.03. - 03.04.11

jazz lines 2011 ist ein Münchner Festival mit zeitgenössischen, aktuellen Facetten schwerpunktmäßig der improvisierten und Neuen Musik. Betont aber auch mit Rückbezügen. Rückbezüge beispielsweise auf die 90er Jahre der Downtown Musikszene New York oder auf die 20er bis 50er Jahre der Fotografie in Amerika.

Festival Opener war eine Diskussionsrunde betitelt mit "Für eine Unabhängigkeit der Phantasie und des Denkens" mit Johan Simons, Beat Furrer, Carl Oesterheld, Nicolas Humbert, Christian Stückl, Andrian Kreye.
Und Fragen, die sich in Relation zur Diskussion auftun sind etwa: Wird ein Kulturschaffender zu einer Unabhängigkeit des Denkens gezwungen oder zum Gegenteil? Ist man zwischen verlorengehenden traditionellen Räumen und Risikobereitschaft zu absolut Neuem? Wird zu oft Raum als politisch gestaltbar aufgegeben, zu wenig eingefordert, ist Kunst und Kultur zu privat?
Aber fragt sich auch: Worte sind Worte sind Worte? Nur Worte?

www.jazzlines.de

veröffentlicht: www.skug.at

Sunday, April 03, 2011


Allerheiligenhofkirche und Neue Musik, München 2011
Foto: © Tina Karolina Stauner

Erster Kirchenbau in Bayern nach der Säkularisation von 1803. Von König Ludwig I. nach Plänen des Architekten Leo von Klenze zwischen 1826 und 1837 errichtet. Im Zweiten Weltkrieg teilweise zerstört und 2003 erhaltene Bausubstanz wieder zugänglich. Ergänzt durch moderne architektonische Gestaltungsmittel nun Konzert- und Veranstaltungsraum.

Thursday, March 31, 2011


jazz lines 2011, München, 27.03. - 03.04.11

Der Eröffnungskonzert am 27.03. im Volkstheater mit Bill Frisell und Francesco Bearzatti Tinissima Quartet betont die Relation zu den Fotografen Tina Modotti und Michael Disfarmer.

"Suite für Tina Modotti"

Tina Modotti wurde als Fotografin bekannt als sie in den 20er Jahren mit dem Fotografen Edward Weston in Mexiko lebte. Und war auch politisch und skandalumwittert. Das Francesco Bearzatti Tinissima Quartet präsentiert eine "Suite for Tina Modotti", die das Leben der Künstlerin thematisiert im Spiel mit diversen Ebenen und Jahrzehnten der musikalischen Ausdrucksarten und Genres von Swing bis Flamenco, Free Jazz bis Trauermarsch.
Sitzt Danilo Gallo mit der Gitarre auf der Bühne, eigentlich beeindruckend eine elektroakustische Vintage Fox, kann ich aber kaum Bezüge zu Tina Modotti finden, wie ich sie für mich entdeckt habe als Künstlerin. Steht Gallo statt dessen mit Kontrabass in der Band ist die Musik für mich stärker in direkter Verbindung zu Modotti und ihrem Werk. Über das bloße Virtuose immer wieder hinausgehend die Musiker: bestechende Trompetenmelodien von Giovanni Falzone und Saxofon- und Klarinettenmelodien von Francesco Bearzatti. Sichere Rythmusarbeit von Zeno de Rossi am Schlagzeug.
Nicht ganz nachvollziehbar warum zwei weiße, asymetrisch-schwarzlinigunterteilte, rechteckige Leinwände an den Bühenseiten die Visuals zur Suite darstellen.

"Disfarmer Project"
Bill Frisell Quartet: Disfarmer – Musical portraits from Heber Springs

Michael Disfarmer (1884 -1959) gründete in den 30er Jahren ein Fotostudio. Er fotografierte Personen, Ganzkörperaufnahmen, Porträts. Setzte dabei explizit direktes Nordlicht ein und schuf eine ganz spezeille Lichtatmosphäre. Die Ausleuchtung der Fotosituation bis ins Detail konnte mehr als eine Stunde in Anspruch nehmen. Disfarmer wird heutzutage zu den Klassikern in der Geschichte der amerikanischen Fotografie gezählt.
Bill Frisell hat 2009 ein musikalisches Disfarmer Project auf CD bei Nonesuch veröffentlicht und bringt das Ganze mit Bildprojektion nun auf die Bühne.
Nahezu hundertprozentig stimmig wirkt das Zusammenspiel von Steel-Gitarrist Greg Leisz, Bassist Viktor Krauss, Violinistin Jenny Scheinmann und Gitarrist Bill Frisell. Umgesetzt wird der Charakter des sich nicht sehr sozialfähig gebenden Disfarmers, sein ländliches Kleinstadt-Heber Springs in Arkansas und seine einfachen, klaren Schwarz-Weiß-Fotografien von Menschen in eine musikalische Welt aus Country-Folk-Jazz-Klängen. Ursprünglich eingespielt in Nashville. Frisell sagt dazu: "... als ich die Musik schrieb, stellte ich mir vor, Disfarmers Perspektive einzunehmen und seinem Blick durch die Linse einen Klang zu geben..."
Auf der Bühne dazu Bildprojektion von Disfarmers Fotoarbeiten: auf zwei collageartig- unterteilten Leinwänden links und recht neben der Band Schwarz-Weiß-Porträts in Verbindung mit verhaltenen-monochromfarbigen Flächen von Set Designer Alexander Nichols.
Als Pendant die Musik, die man als rein und schön bezeichnen kann. Aber auch als zu spröde um kitschig zu sein. Das hat dann auch nichts Nostalgisches, sondern spiegelt einen Realismus wieder, der zeitlos wirken kann und von emotionaler Wahrheit ist. Und somit zeitgemäß etwas mitzuteilen hat. Wenn man genau in die Gesichter der Bilder sieht und wenn man genau in die Klänge der Musik hineinhört. Bill Frisell und die Mitmusiker nutzen die Möglichkeit sich in Bestform zu präsentieren in einem wie perfekt scheinenden Set.

veröffentlicht: www.skug.at

www.jazzlines.de
www.billfrisell.com
www.francescobearzatti.com
www.disfarmer.com
www.modotti.com

Tuesday, March 29, 2011

Wand beim Volkstheater München


Grafitis, Subkultur, Isarauen München

Foto: © Tina Karolina Stauner, 2011

culture clash...Hochkultur, Elite und Subkultur, Alltagskultur, Massenkultur, Volkskultur, Populärkultur...

www.muenchner-volkstheater.de
www.streetartist.de

Saturday, January 01, 2011

Höchste Genauigkeit Erforderndes zwischen traditioneller Musik und Neuer Musik. Fein-Solistisches und Bewegungsmuster, Energieflüsse, Schichten, Zeitebenen im Ensemble.

Miroslav Srnka

Bemerkenswertes Konzert im Jahr 2010: Klangspuren Plus der Münchener Biennale mit dem Komponisten Miroslav Srnka am 20.10.10 in der Black Box Gasteig.
Spuren von etwas bedeutet auch: "kaum wahrnehmbar, suchen um wahrzunehmen." (Srnka)
Fragt sich aber, wieviele überhaupt derartig Verfeinertes, Differenziertes zu hören versuchen, sei gleich einmal vorangestellt.

Ergänzend zur Uraufführung von Srnkas Stück “Hejna” für Klarinette, Akkordeon, Harfe, Schlagzeug und Klavier wählte Srnka ein Programm aus mit Solostücken und Musik zwischen zaghaften Einzeltönen, dissonanten Mehrklängen, zwischen Tradition und Neuer Musik. Geprägt von überzeugender Einfachheit, Vorsicht, Klarheit zwischen Verstummen und Attackieren. Und auch theoretisierend einordenbar in Volkstümlichkeit zweiten Grades, getäuschte Schlichtheit. Beginnend mit seiner eigenen Komposition “Ranni Hajahu” für Schlagzeug. Desweiteren Antonin Dvorák und “Romantische Stücke” (1887) transkribiert für Klarinette und Klavier, L’ubica Cekovska mit “Fragment and Elegies” (1997) für Akkordeon, Leos Janácek mit “Im Nebel” (1912) für Klavier, Gérard Grisey mit “Charme” (1969) für Klarinette.

“Hejna” folgte als Abschlussstück und aber mit weniger starker Wirkungskraft als die äußerst konzentriert-intensiven Solostücke. "Hejna" war eher schwer zugänglich. Srnka erklärte, es ginge darum visuelle Vorstellungen in Klang umzusetzen. Es ginge um einen klangillustrtorischen Kosmos und eine Recherche über Bewegung von Vogelschwärmen. Das Stück wirkte wie ein Versuch das Thema zu erfassen und auch das Zuhören wie ein Versuch das Thema zu erfassen. Beides also wie eine Annäherung. „Tatsächlich funktionieren die Energieflüsse in beweglichen Kollektiven, wie sie in Vogel- oder Fischschwärmen und Tierherden auftreten, nach physikalischen Prinzipien, die dem Fließen von Bewegungsmustern in der Musik ähnlich sein können. Voraussetzung für die Überlagerung von Bewegungsmustern ist die mögliche Polyphonie der Instrumente. Um ein Kontinuum, das sich ständig verwandelt und in sich beweglich ist, geht es in Hejna, um das innere Pulsieren des Klanges. Und dies nicht nur in der Lautstärke, sondern auch der Dichte oder der Bewegungsrichtung…Abläufe in mehreren Schichten und Zeitebenen von der schnellen bis zur langsamen Bewegung übereinandergelegt.“ (Marie Luise Maintz, [t]akte 2/2010 )

“Ich hab immer Musik geliebt…” sagte der 1975 geborene Miroslav Srnka. Er lebt in Prag und wie er erwähnte abseits der Szene. Auf die Frage warum er komponiert antwortete er: “Das ist mein Leben.” Sein Abschlusssatz lautete: “Meine Arbeit ist Klang zu schreiben. Und das war’s.”

www.muenchenerbiennale.de

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Thursday, December 23, 2010


Cosa Brava "Ragged Atlas" (Intakt Records)

Eine erwähnenswerte CD des Jahres 2010 stammt von Cosa Brava, der seit 2008 existierenden Band des gebürtigen Engländers, aber längerzeitigen New Yorkers Fred Frith, und heißt “Ragged Atlas”. Ist das wie “…one step forward one step back…” seit den 80ern, seit beispielsweise seiner Formation Skeleton Crew? Und wenn, dann immer noch besser als Diverses und Vieles, das angesiedelt ist in den Grenzbereichen von Jazz, Avantgarde, Rock, Folk? „Ragged Atlas“ sind umformulierte Déjà Vu-Momente. Ist der längst bekannte Sound von Fred Frith, der wiederum einstmals den Downtown-Sound von New York insbesondere mit geprägt hat, angereichert mit Arrangements, die dem Ganzen einen neuen Touch geben.
Der 61-jährige Frith ist mittlerweile Professor am Mills College in Kalifornien und veröffentlicht über die Jahre kontinuierlich auf verlässlich anspruchsvollem Niveau. Statt netterweise freundlich wohlwollend beispielsweise jüngere europäische Epigonen des Downtown-Kerns zur Kenntnis zu nehmen oder sogar zu erwähnen, kann man wohl besser gleich weiter kritisch und skeptisch hörend bei Fred Frith und den Mitstreitern, die er immer wieder um sich versammelt, bleiben. Das hat sich bisher jedenfalls nicht als dekonstruktiver Eurotrash oder billiger Klunker entpuppt. Fred Frith wurde anlässlich seines Konzerts vergangenes Jahr in der Concert Hall des Mills College gefragt, ob sich seine Musik über die Jahre verändert hat. Er sagte: „The answer's always going to be yes and no, isn't it? I'm still engaged in most of the things I was engaged in 40 years ago—writing songs, composing, improvising, performing, recording. I keep going at it. I think in a way I feel more like a sculptor or a painter. I'm wrestling with the material, hearing it from different angles, worrying away at it, trying to get it to reveal itself.“ Tatsächlich lässt sich resümieren, dass Frith immer der Qualität von Kunst näher ist als substanzlosem Pop, Rock und Jazz. Ich denke es geht auch um Seriosität und um anspruchsvolle Hörer. Es geht nicht um die Zielgruppe pubertierender oder studierender Mainstream und um Geschwätz sondern um Diskurs, eventuell sogar den der erwachsenen Avantgarde. Und es geht um die Frage überhaupt, warum vom zeitweiligen Versiegen der künstlerischen Avantgardebewegungen gesprochen wird. Cosa Brava sind neben Fred Frith: guitar, bass, voice, Carla Kihlstedt: violin, nyckelharpa, bass harmonica, voice, Zeena Parkins: accordion, keyboards, foley objects, voice, Matthias Bossi: drums, percussion, sruti box, voice, The Norman Conquest: sound Manipulation, die auch in anderen nennenswerten Formationen aktiv sind.
Das Zitat “…one step forward one step back…” ist aus dem Song "Falling Up" (for Amanda). (Womit die Tänzerin und Choregraphin Amanda Miller gemeint ist: www.prettyugly.de )

www.fredfrith.com

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Sunday, November 07, 2010

«Die zeitgenössische Musik ist nicht bloß ein ästhetisches Phänomen. Mit ihren Netzwerken, Treffpunkten und internen Gruppenbildungen markiert sie zugleich auch einen sozialen Raum, in dem sich bewegt und handelt, wer neue Musik komponiert, aufführt oder rezipiert. Was aber macht diesen Raum aus? Welche Handlungsmuster und -optionen charakterisieren ihn? Gibt es typische Merkmale und Verhaltensweisen im Feld der zeitgenössischen Musik – und was sind deren ökonomische und soziale Rahmenbedingungen?» (Böggemann, Markus, «Soziotop neue Musik:, oder: Was machen wir hier eigentlich?» , Neue Zeitschrift für Musik)

Monday, November 01, 2010

CD-Cover 2007

Horse Feathers mit Songs fast wie zu schön für diese Welt. Musik gegen verbalen, akustischen und visuellen Dreck - "...darkest spring..."

Würden Radiosender Ghost Reapeater einsetzen, wie Radiostationen ohne Moderation und Moderatoren in Amerika genannt werden, hätte man nur Musik und Lyrics und die puren Songs so wie die Musiker sie meinen für Menschen, die eigenständig fähig sind Songtexte und Musik zu rezipieren. Vielleicht durchaus auch nicht gegen den Sinn der Horse Feathers. Die vor vier Jahren ihre Debut-CD “Words Are Dead” nannten. Und damit gleich eine Art Meisterwerk ablieferten. Mit einem CD-Titel, den man überdenken kann. Sind Worte tot? Musik lebendiger als Worte? Und, wenn überhaupt, was ist lebendiger: Lyrik, Prosa oder Journalismus? Jedenfalls sind die Songs der Horse Feathers wie besondere Perlen. Sensibelstes für Feingeister. Im Konzert ein kleiner Kreis Insider. Als wären die Horse Feathers noch sicher vor jedem oberflächlichen, dämlichen, dreckigen Gelabere, Gequäke, Gequassel vor das sie in der Musikszene geworfen werden könnten.
Sie bieten edle, betont string-akzentuierte Folk-Songs, die aber noch etwas mehr als früher zum Pop tendieren. Thematisiert wird fragile Hoffnung nach zerbrochener Freundschaft, Sehnsucht, Schmerz. Bezeichenbar mit Leben nach einem harten Winter. Die aktuelle dritte CD (nach "House With No Home") heißt “Thistled Spring” (Kill Rock Stars/Cargo, 2010).
Nicht mehr dabei ist Peter Broderick. Die derzeitige Besetzung ist Justin Ringle, Nathan Crockett, Catherine Odell, Sam Cooper. Und mit “Thistled Spring” gelingt es ihnen nicht zu enttäuschen. Gleichzeitig aber auch nicht viel mehr. Und im Konzert im September 2010 im Ampère in München wirkten die Strings der Band eine ganze Spur allgemeingültiger als auf CD.
Die einfache aber brilliante Schönheit von “Dust Bowl “ und “Hardwood Pews“ aus dem Jahr 2006 ist klarerweise nicht so leicht überbietbar. Auf „Thistled Spring“ erreicht die Band etwa mit „Vernonia Blues“ Hochkarätiges.

www.horsefeatherstheband.com

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Sunday, October 31, 2010



- Blackbox Gasteig
- Wasserobjekt
Fotos: © Tina Karolina Stauner

Thursday, October 28, 2010


Steve Albini, Shellac, München 2010
Foto: © Tina Karolina Stauner

Monday, September 20, 2010


Café Hypo Kunsthalle München
Foto: © Tina Karolina Stauner

Saturday, September 18, 2010


piano possibile
Foto: © Tina Karolina Stauner

„Das Ensemble als Brutstätte klanglicher Kunst“

piano possibile mit “infected by noise”

Noise bis Hardcore ist optimalerweise eine positive Energie. So habe ich das in der Vergangenheit immer wieder herausgefiltert. Diesmal das Ensemble piano possibile mit “infected by noise” am 05.07.10 im i-camp München. In bester Tradition. Allerdings nicht sehr der Rockszene nahe, wo diese Genres in früheren Jahren stark angesiedelt waren, sondern im Bereich der Neuen Musik. Und dies funktioniert tatsächlich exzellent und ist ein absolut gehbarer Weg. piano possibile, eine Münchner Formation, zeigen mit ihrem Programm “infected by noise” internationales Niveau. Mit der Interpretation von Kompositionen von Emanuele Casale, Michael Gordon, Gilles Gobeil, Bernhard Lang, Klaus Schedl, Philipp Kolb und vom Enemble selber.
Die Dramaturgie des Konzerts ist mit einem durchgeplanten Spannungsbogen ähnlich wie bei einem DJ-Set . Und changierend zwischen vokal, instrumental und elektronisch. Zwischen zurückhaltender Introvertiertheit und direkter Extrovertiertheit. piano possibile klingen dabei zwar zwar kontrolliert, aber immer höchst energetisch. Sind sowohl Ensemble als auch wie eine Rockband.
Bemerkenswert das Stück “I buried Paul” des Komponisten Michael Gordon einzuordnen im Post-Minimal und Totalism. Gordon, Mitbegründer von Bang on a Can, kombiniert und vereint Elemente aus Punk, Free Jazz und Klassik.
piano possibile, das es seit 1993 gibt, betont, dass es um die Lust an der Teilnahme spannender Prozesse künstlerischer wie gesellschaftlicher Natur geht. Rastlos auf der Suche nach immer neuen Herausforderungen.

http://www.pianopossibile.de

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Friday, September 17, 2010

Kevin Coyne: Ein Songwriter, der riskant spielte mit harten Themen, bösen Abgründen, künstlerischen Exzessen und tiefem Sarkasmus - »Blame It On The Night«

Kevin Coyne, 1944 geborener englischer Exzentriker, erzählte mit seinen Songs skurrile Geschichten von merkwürdigen und bemerkenswerten Gestalten. Und von Facetten seines eigenen Denkens und Fühlens. Coyne präsentierte sich mal grinsend spöttisch, mal schwermütig in sich gekehrt, mal in fein sensiblen Tönen, mal unbändig rockend. Er war ein eher kleiner, untersetzter Mann und auf seinem relativ groß geratenen Kopf explodierte eine widerspenstige Haarmähne.

Der aus Derby stammende Coyne studiert in den späten 50er, frühen 60er Jahren Kunst und ist dann einige Zeit als Sozialarbeiter tätig. Danach fängt er als Musiker Kollaborationen an mit wichtigen Leuten der Londoner Szene. Anfang der 70er Jahre mit dem DJ John Peel, der Coynes Band Siren auf Dandelion herausbringt. Diese ersten Veröffentlichungen sind ungestümer englischer Bluesrock, dem man noch Coynes ursprüngliche Liebe zum Rock’n’Roll anmerkt. Und schon die Tendenz zu einem einzigartigen, unverwechselbaren Songwriting. Das er im Verlauf der 70er dann mit Musikern wie Robert Wyatt, Zoot Money oder Andy Summers und diversen anderen umzusetzen beginnt. Richard Branson nimmt ihn bei Virgin unter Vertrag.

»Dynamite Daze, »Millionaires and Teddy Bears« , »Bursting Bubbles«, »Pointing the Finger« sind einige der herausragenden Platten, mit denen Coyne in den letzten 70er und ersten 80er Jahren zeigt, dass er etwas Besonderes ist. Eine Ausnahmeerscheinung mit der Fähigkeit wunderschönste, sanfteste Lieder zu schreiben genauso wie rauesten, schrägsten Rock. Er lässt sich nicht einengen. Arbeitet zusammen beispielsweise mit der Punkband Ruts wie auch mit der Artrockerin Dagmar Krause. Sein Output ist immens. Er ist auf wechselnden Labels. Unverkennbar immer der rohe, ungeschliffene Klang seiner Gitarre. Und seine Stimme mit einem Spektrum von liebevoll warm, forsch aggressiv bis grausam schreiend. Oft performt er auch alleine mit akustischer Gitarre. Er hat eine spezielle Art, auf seinem Instrument Akkorde mit dem Daumen zu greifen.

»Talking to no-one is strange, talking to someone is stranger
You might be in danger yes if you say too much in this world«
(»Talking To No-One« aus »Marjory Razor Blade« 73)

In seinem Songwriting kann man Gegensätzliches entdecken: Pathos und Ironie, Härte und Empfindlichkeit. Er ist introvertiert, introspektiv in Details und geht egozentrisch analysierend in die Totale von Extremen in Liebe, Hass, Zynismus, Glück, Depression, Spiel und Ernst. Und dies als authentischer Seelenstrip oder beobachtende Parodie. Und er tendiert zu eher links-politischen und sozialkritischen Aussagen.

Es wird irgendwann auch von einem psychischen Zusammenbruch die Rede sein, den Coyne in all dem einmal gehabt haben soll. Sein Umfeld will dies so gesehen haben. Was er dann auch wiedergibt. Ungebrochen und in Bestform gelingt ihm jedenfalls in den 80ern weiterhin absolut Präsenz zu bieten, nun mit Musikern wie Bob Ward, Steve Lamb, Dave Sheen, Peter Kirtley. Ich sehe ihn, wie er offenbar mit Leichtigkeit und traumwandlerisch sicherem Rock-Feeling harte Themen, böse Abgründe, künstlerische Exzesse und tiefen Sarkasmus im Griff hat. Doch es ist ein gefährlicher Seilakt. Dies dokumentiert er auch 1984 mit der CD »Legless In Manila«. Insider hegen hohe Erwartungshaltung hinsichtlich Zukünftigem.

Szeneleben, Alkohol, Drogen und Psychopharmaka. Oder alles zusammen. In solchen Mühlen starben so geniale Songwriter wie Nick Drake oder Tim Buckley. Fast kam dann auch Kevin Coyne um. Da muss etwa 85/86 ein krasser Alkoholabsturz gewesen sein in München. Und er soll in der Nürnberger Bahnhofsmission gestrandet sein (weiß »Die Zeit« 51/2004). Und zumindest das Londoner Leben Coynes hatte sich in Nichts aufgelöst. Es gab davon nur noch Schallplatten. Und Grafiken und Gemälde.

Sigi Maron und Martin Odstrcil, Songwriter der österreichischen und bayerischen Szene, die mit Coyne zusammenspielten, verweisen lapidar auf Alkohol, gefragt, was bei Coyne so schief lief in fraglicher Zeit. Und Maron spricht von wilden Jahren ohne Rücksicht auf Körper und Seele
Konzerte beobachtend sah ich Coyne damals auch nie viel mehr trinken als andere. Vermutlich aber passierten Dinge, die ihn bis ins Mark trafen.

Entscheidende Kontakte in der europäischen Szene brachen ab. Er war damals ohne Plattenvertrag. Die Tage mit namhaften englischen Musikern gehörten der Vergangenheit. Fand sich in früheren Jahren in den Bestenlisten von Djs und Journalisten, die u. a. auf Songwriter spezialisiert waren, so gut wie jede von Coynes Veröffentlichungen, so begannen diese ihn zu ignorieren. Er verband sich in Nürnberg mit einem Management.

»Connections get lost dear, that's what they say
And I'm a specialist of that
And I do it in my own special way«
(»A Little Piece of Heaven« aus »Bursting Bubbles« 80)

Als er mir 87 erstmals privat begegnete, hatte er längst ein neues Leben in Deutschland begonnen. Getrennt von seiner Londoner Ehefrau und den Söhnen. Hatte eine WG und eine Beziehung in Nürnberg hinter sich. Wohnte in dieser Stadt allein in einer Wohnung in einem einfachen Nachkriegshaus am Rande einer Villensiedlung. Unversehens lief er mir eines Nachmittags zufällig über den Weg und ich grüßte ihn. Coyne gab sich sofort kommunikativ. Und bald zählte ich zu seinen Gästen.

Er besaß zu diesem Zeitpunkt nicht viel. Im Arbeitszimmer eine Schachtel Stifte und Gouachen. Einen Stapel kleinformatige Zeichnungen. Einzelne Leinwandmalereien. Im Schlafraum schwebte an der Zimmerdecke ein Himmel aus Tuch. Eine schmale Reihe deutschsprachige Belletristik, Jugendliteratur aus dem Besitz einer ehemaligen Bewohnerin, lag in einer Ecke auf dem Fußboden. Ein Sammelsurium Spiegelfragmente hing an den Flurwänden. Im Wohnzimmer saß man auf Rattansesseln. Und es war ein altes Klavier darin und seine Gitarre. Ein paar Bluesplatten. An heißen Sommertagen redeten wir manchmal über Musik, Kunst, Gott und die Welt auf dem Balkon mit Aussicht auf den verwilderten Garten und edle Jugendstilwohnsitze. Eine einzige Idylle. Coyne servierte dabei schwarzen Tee mit Milch. Die englische Art. Und in der Küche lud er schon mal ein zu Ham and Eggs. Bei Menschen, mit denen er sich umgab, zeigte er sich gastfreundlich und beredet. Er war immer ein Erzähler. Sprach unentwegt, viel und gern. Über sein Musikerleben genauso wie über sein Beziehungsleben. Er liebte das Gefühl, Mittelpunkt zu sein. Motivierte mich aber sofort auch in meiner künstlerischen Tätigkeit.

Coyne nistete sich zunehmend in der Nürnberger Musikszene ein. Frequentierte dort Bars. Spielte mit bayerischen Musikern. Holte man ihn ab, um mit ihm in ein Café zu gehen, nahm er eine Hand voll Münzen vom Klavier und steckte diese in seine Jackentasche. Das Geld, das er hatte, lag immer auf dem Klavier herum. Er hatte es von Auftritten in der süddeutschen Kulturszene. Festivalzelte, Theaterbühnen, Kleinkunstkneipen.

»Tear me up, I'm just a book«
(»Tear Me Up“« aus »Stumbling On To Paradies« 87)

Die LP »Stumbling On To Paradies« kam heraus. Und er zelebrierte Harmonie. Doch man wusste in der Musikszene, dass es Probleme gegeben hatte. Er erwähnte auch Anonyme Alkoholikertreffen und Psychiater. Und reaktionäre und konservative Kreise wollten ihn wohl am liebsten als Fall sehen. So habe ich ihn jedenfalls nicht erlebt. Er wirkte zwar manchmal gestresst und hatte zerstörte Beziehungen hinter sich, doch sah ich ihn nie außer Kontrolle oder restlos niedergeschlagen. Er konnte verschmitzt lächelnd zänkisch sein. Sein Humor. Und der Vielredner konnte gedankenversunken werden. Dann wollte er in Ruhe gelassen werden. Der Alkohol spielte in seinem Leben und seinen Stimmungen keine Rolle mehr.

Warum er sich nun aber fast als Szenematador Nürnbergs zu gefallen schien, konnte ich auch mit großer Skepsis nicht ergründen. Die Sachzwänge wohl. Er hatte sein Brixtoner Haus nicht mehr. Und unbezahlte Rechnungen. Und angeblich einmal abgelehnt, bei den Doors einzusteigen.

Die Songs für »Stumbling On To Paradies« stellten so etwas wie einen Hybrid dar. Da war noch die ungemeine Energie der Londoner Szene zu spüren, die er hatte verkörpern können. Doch alles das jetzt in Verbindung mit vergleichsweise gezähmtem und begradigtem deutschen Rock der Paradies Band. Trotzdem schien in der Karriere des unberechenbaren Coyne weiter alles möglich.

Eines Tages stand ganz plötzlich seine Wohnung leer. Eine verlassene Insel sozusagen. Er siedelte um in ein Zimmer bei einer Freundin in einer engen Straße Nürnbergs, in der sich kleine Mietshäuser aneinandeschachtelten. Sein Leben sei die Kunst, sagte er nun, die Augen niederschlagend. Er blieb freundlicher Gastgeber, doch waren seine einst so existenzialistischen Gespräche nun auch durchzogen mit manchen Floskeln. Was ihn berührte, was vorkam, sprach er nicht mehr selbstverständlich aus. Meine Besuche bei ihm wurden sehr selten.

Unzählige Zeichnungen, Malereien, Kurzgeschichten und Songs entstanden weiter in den 90er Jahren in diesem Arbeitsraum. In dem er sich mit Regalen voller Sammlungen umgab. Sein Werk berichtete weiter von bizarren Begebenheiten und seltsamen Alltagsdingen, von hübschem oder schrecklichem Zwischenmenschlichem. Witzig comicartig einerseits, ehrlich einfühlsam andererseits und bunt. Man stellte ihm ein Aufnahmestudio zur Verfügung. CDs wurden eingespielt mit seiner Nürnberger Band oder manchmal auch seinem Sohn und schließlich von Coyne selber herausgegeben. Wie fast immer mit Cover-Design von ihm selber. Hauptsächlich in Franken fanden Ausstellungen, Lesungen und Konzerte statt. Er erhielt einen regionalen Kulturpreis. Das Lebensgefühl Nürnbergs absorbierte ihn im Grunde genommen. Und doch blieb er dabei wie fieberhaft produktiv und eigenbrötlerisch. Seine eigenwillige Weise Gitarre und Piano zu spielen fügte sich nun aber mehr als ein Jahrzehnt lang zu oft ein in eher herkömmlich klingenden Rock von fränkischen Musikern. Man hört sich besser seine Londoner Einspielungen an.

Begegnete ich ihm gelegentlich, war zu bemerken, dass sein einstmals souveräner Blick sich flackernd irgendwo splittete. Dabei sagte er aber, dass es ihm gut ginge. Abseits der Metropolen auf Distanz zu London. Meist ohne die internationale Musikszene und die angesagten Clubs. Weder als Musiker noch als Besucher war er dort in den 90er Jahren regelmäßig anzutreffen. Oft verließ er sein Arbeitsdomizil grade mal, um in einer lokalen Szenebar in seiner Straße aufzutauchen. Alles war nicht mehr, wie es einmal war, was er versuchte zwischendurch bei überregionalen oder internationalen Auftritten kaum merken zu lassen. Manchmal gelang dies mehr, manchmal weniger.

»Looking from my window late at night, there's burning, there's burning
Look at the sky, look at the light, it's burning, it's burning«
(»Looking From My Window“« aus »Life Is Almost Wonderful« 02)

Nachdem er 02 mit Brandan Crocker die CD »Life Is Almost Wonderful« auf dem Markt hatte, fing man an, ihm wieder etwas breiter Beachtung zu schenken. Und Coyne begann auch erneut verstärkt weltweit Kontakte zu knüpfen und umfangreiche Tourpläne zu machen. Doch die tödliche Krankheit Lungenfibrose ruinierte nun zunehmend seine Möglichkeiten. In seinem letzten Lebensabschnitt konnte er den Großteil des Tages nicht verbringen, ohne mit Schläuchen an einen Sauerstofftank verbunden zu sein. Teilweise war er so geschwächt, dass er einen Rollstuhl brauchte. Obwohl er bis zum Schluss immer wieder und wie um dem Schicksal zu trotzen am Arbeitstisch, im Studio und auf der Bühne zu finden war. Eine Woche vor seinem Tod schmiedete er mir gegenüber am Küchentisch Zukunftspläne. Aber es war das erste Mal, dass ich ihn mit verzweifelten Tränen in den Augen sah. Am Tag seines Todes im Jahr 04 wollte er zu einem Auftritt nach Wien.

Die 4-CD-Box »I Want My Crown – The Anthology 1973–1980«, 2010 von Virgin herausgegeben, ist gute Information über Coynes exzellente Londoner Zeit. Coyne hätte einer der ganz Großen werden können. Hätte er sich nicht so auf Nürnberg eingeschränkt. »Right now I’m sitting back a bit and waiting. I’ve produced a massive volume of songs that have gone largely unnoticed and I’ve just got to wait for people to catch up. That‘s all.« (Kevin Coyne. 78, booklet »I Want My Crown.«) Er hat sich 04 nicht nur zurückgelehnt. Er lebt nicht mehr. Für ihn selber gibt es nichts mehr zu holen.

veröffentlicht: http://www.textem.de

Wednesday, August 11, 2010

Feinstes

Subtilitäten - Jazz und Improvisation mit Henry Threadgill’s Zooid und Ron Carter’s The Golden Striker Trio im Sommer 2010 im Night Club Bayerischer Hof in München.


Henry Threadgill, Bayerischer Hof, München, 13.05.10

Henry Threadgill - Cutting Edge-Freitöner und Neuerer

Einen eigenwilligen Bereich zwischen Free Jazz und Improvisation erschließt Henry Threadgill. Seit über 40 Jahren ist der aus Chicago stammende in New York lebende Threadgill als Bandleader und Komponist mit diversen Ensembles arbeitend. Informiert man sich genauer über Threadgill erfährt man auch, dass dieser hinsichtlich seiner Kompositionen von Bezügen zur Zwölftonmusik spricht. Und manche sein Werk als eine eigenen Dimension neben den Harmolodics, von Ornette Coleman eingeführt, bezeichnen. Große Worte also, die eine entsprechende Erwartungshaltung hervorgerufen hatten bei mir, bevor ich im Mai 2010 erstmals ein Konzert von Threadgill mit seiner aktuellen Formation Zooid besuchte: Ich treffe erst einmal nicht auf Erwartetes. Etwas ratlos höre ich ein Stück an, bei dem ich nicht weiß, wie es einzuordnen ist und was ich von ihm halten soll. Der elitistische Threadgill, in legerer Leinenhose und -hemd regelrecht betont unprätentiös aussehend und sich auch so verhaltend. Lange Parts über steht er während des Auftritts immer wieder nur zuhörend vor seinem Partiturheft mitten auf der Bühne und lässt die Bandmusiker spielen. Bis in jedem Stück irgendwann doch ein Moment kommt, bei dem er beschließt entweder mit schnörkelig-leichten Fötenmelodien oder relativ hartkantigen Alt-Saxofontonfolgen absolut souverän einzusteigen. Sofort wie umgeschaltet wird dabei dann aus zurückhaltendem Sound spannungsgeladenes Spiel auf einer Ebene ohne Genregrenzen. Vor allem wenn er das markantere seiner beiden Instrumente, das Alt-Saxophon einsetzt. Und ich gerate nach meinem anfänglichem Zögern doch fasziniert in den Bann seiner Musik. Nicht leicht einordenbar in chromatisch, seriell, Dur, Moll. Mit ganz eigenen Strukturen sind seine Kompositionen und das Interpretieren und Improvisieren jedes der fünf Musikers von Zooid. Die Kompositionen sind entlang einer Serie von Intervallblöcken organisiert für jeden Musiker. Diese sollen sich frei innerhalb der Intervalle bewegen, Melodien improvisierend, Kontrapunkte kreierend. Es geht um das Perfektionieren eines neuen Systems des Improvisierens in einer Gruppenkonstellation. Zooid bedeutet: „…a cell that is able to move independently of the larger organism to which it belongs…“. Die Rhythmusarbeit von Schlagzeuger Elliot Humberto Kavee kann spezielle, ureigenste Wege einschlagen. Reizvoll auffällig wirken die Akzente, die Jose Davila mit der Tuba setzt, der manchmal an die Posaune wechselt und sich auch in Rhythm-Section mit dem fließenden, aber raffinierten akustischen Bassspiel von Stomu Takeishi befindt. Der Gitarrist Liberty Ellman spielt eine akustische Collings 01 aus Texas. Eine merkwürdig kleine Gitarre, ein beachtenswerter Gitarrist. Sich einfügend versonnen tiefenimaginativ und auch klartraumhaft herausragend solistisch.
Die 2009 veröffentlichte CD von Henry Threadgill Zooid, auf der dies alles festgehalten ist, heißt „This Brings Us To, Volume I“ (Pi Recordings/Alive).

veröffentlicht: www.textem.de


The Golden Striker Trio
Ron Carter am Bass, Russell Malone an der Gitarre, Mulgrew Miller am Piano
Nightclub Bayerischer Hof, München, 21.07.10

The Golden Striker Trio - Chamber Jazz

Chamber Jazz, bei dem es um diffiziele Nuancen geht, spielen The Golden Striker Trio. Chamber Jazz von kleinen Ensembles ohne Schlagzeug bindet Einflüsse aus der klassischen Musik mit ein. Und was sich Allstarbesetzung nennen darf und in edlen Anzügen auf der Bühne zu sehen ist, das sind die drei Schwarzen Ron Carter am Bass, Russell Malone an Gitarre, Mulgrew Miller am Piano. Ron Carter dürfte auf annähernd 2000 CDs zu hören sein und gehörte beispielsweise zur Miles Davis Group. Spielte aber nicht nur mit Free Jazzern und Artverwandtem, sondern auch etwa mit den Hip-Hoppern/Jazz-Rappern A Tribe Called Quest eine CD ein. Der Neo-Hardboper Mulgrew Miller war unter anderem bei Art Blakeys Jazz Messengers, der Modern Jazzer Russell Malone bei Diana Krall.
Ich verfolgte im Juli 2010 das Konzert von The Golden Striker Trio im Night Club Bayerischer Hof: The Golden Striker Trio sind oberflächlich eingeschätzt gemäßigt konservativ. Nach anfänglich kritischer Skepsis entscheide ich aber von einem Augenblick zum andern von Besserem überzeugt mich treiben zu lassen in der Musik. Rhythmen und Melodien ausgetüftelt, schwerelos, warm, slick, tänzerisch in einen zeitlosen Raum leitend, der einen wie ein Kokon umschließt. Und in dem man genießend eine Weile vergessen kann, dass es auch die Konfrontation mit Unschönheiten und Grobheiten einer Welt außerhalb der Musik gibt. Was an The Golden Striker Trio über die äußerste Virtuosität hinaus das Exquisite, Besondere ist sind die wiederkehrend vertrackten Rhythmus- und Melodieläufe und verqueren Spielereien vor allem von Ron Carters Bass. Der immer auch absolut Zeitgemäßes einbringt. Selten etwas Feineres gehört.
Songs wie das sehr schöne “A Quick Sketch” sind zu finden auf der bereits 2003 veröffentlichten CD “The Golden Striker” (Blue Note/EMI)

www.roncarter.net

veröffentlicht: www.skug.at

Fotos: © Tina Karolina Stauner
Dr. John & The Lower 911 beim Jazz Sommer 2010 im Festsaal des Bayerischen Hof in München - Spezielle altbekannte Mixtur aus Louisiana

Hitzeglocke seit Tagen. Nach einem Gewitterregen ist es wie tropisch. Im Festsaal des Bayerischen Hof meine ich bei diesen Temperaturen in der Menschenansammlung nicht atmen zu können. Dr. John spielt “Baby Let The Good Times Roll” und beendet damit den ersten Teil des Konzerts. Zu nahe an dem, was man Klischee des Sounds nennen könnte, den man von ihm will, möchte ich urteilen und gehen.Ich bin aber nach der Pause doch wieder dabei. Louisiana und kreolische Einflüsse in der Musik hatten mich einmal geradezu magisch angezogen und ich kann mich auch jetzt nicht fernhalten. Der mittlerweile 70-jährige Dr. John, auch Malcolm (Mac) John Rebennack, mit Hut und schwarz bebrillt und gut gelaunt tut sein Bestes am Piano dem Konzert Klasse zu verleihen. Und schafft das dann noch. Mit seiner ganz speziellen Mixtur aus Swamp-R’n’B, Voodoo-Funk, Louisiana-Soul und Mardi Gras. Einstmals beeinflußt von Professor Longhair und als der Südstaaten-Magier auf dem New Orleans-Piano, der er sein soll. Eine Spur zu glatt scheint mir der Groove aber zu sein von Dr. John & the Lower 911. Diese bestehen neben Dr. John aus John Fohl an Gitarre, David Barard am Bass und Herman „Roscoe“ Ernest III am Schlagzeug. Versierte Musiker. Guter Sound. Aber alles dann doch nicht wirklich für die Seele. Die gerade Klänge mit New Orleans in Beziehung einmal eigentlich erreichten. Ich kann Dr. John & The Lower 911 nicht ganz widerstehen und bin nicht ganz überzeugt.
Seine neuesten Songs hat Dr. John auch auf der CD “Tribal” (Proper/Rough Trade) veröffentlicht.